{"id":1019,"date":"2014-01-13T10:08:25","date_gmt":"2014-01-13T10:08:25","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/heinrich-sutermeisters-romeo-und-julia\/"},"modified":"2014-01-13T10:08:25","modified_gmt":"2014-01-13T10:08:25","slug":"heinrich-sutermeisters-romeo-und-julia","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/heinrich-sutermeisters-romeo-und-julia\/","title":{"rendered":"Heinrich Sutermeisters \u00abRomeo und Julia\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090102sutermeister.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>03.01.2009 &#8212; \u00abRomeo und Julia\u00bb als Opernstoff? Das vielleicht popul\u00e4rste St\u00fcck Shakespeares hat bedeutende Opernkomponisten erstaunlicherweise nicht in dem Masse inspiriert wie die grossen tragischen Dramen. Dies mag daran liegen, dass jugendlicher Verliebtheit trotz der existentiellen Kompromisslosigkeit, die sie begleiten kann, nicht die grosse schicksalshafte Tragik innewohnt. Zum Konflikt mit \u00fcberindividueller Tragweite w\u00e4chst die Leidenschaft der beiden Exponenten denn auch erst in dem Moment, in dem Romeo Julias Vetter Tybalt t\u00f6tet. Es ist deshalb wenig verwunderlich, dass die einzigen Versuche von Weltklasse-Komponisten, Bellinis \u00abI Capuleti e I Montecchi\u00bb und Gounods \u00abRomeo et Juliette\u00bb, das auf die keimende Liebe fokussiert, nicht gerade als die musikalisch am tiefsten sch\u00fcrfenden Shakespeare-Vertonungen betrachtet werden und mindestens Gounods Fassung unter Sentimentalit\u00e4tsverdacht steht.<\/p>\n<p> Am besten aufgehoben zu sein scheint die Geschichte in Umsetzungen mit Lokalkolorit und im zeitgen\u00f6ssischen Ambiente, man denke etwa an Kellers \u00abRomeo und Julia auf dem Dorfe\u00bb, Bartkowiaks Actionstreifen \u00abRomeo Must Die\u00bb oder den (zwiesp\u00e4ltig aufgenommenen) Roman \u00abEin schnelles Leben\u00bb der Schweizer Literatur-Nachwuchshoffnung Zoe Jenny. Zuallererst aber nat\u00fcrlich an Leonard Bernsteins \u00abWest Side Story\u00bb, ein Geniestreich, der den Stoff f\u00fcrs 20. Jahrhundert adaptiert hat.<\/p>\n<p> Auch Schweizer Opernkomponisten haben sich der Geschichte angenommen. Aus dem Jahr 1991 stammt Rudolf Kelterborns Kammeroper \u00abJulia\u00bb. Und 1940 uraufgef\u00fchrt worden ist in Dresden Heinrich Sutermeisters Oper \u00abRomeo und Julia\u00bb, die zun\u00e4chst in ganz Europa grosse Erfolge feiern konnte, dann aber in den f\u00fcnfziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts von den Spielpl\u00e4nen weitgehend verschwand. 1980 spielte der Bayerische Rundfunk das Werk auf exemplarische Weise und mit hervorragender s\u00e4ngerischer Besetzung ein, ein Dokument, das Musiques Suisses nun verdienstvollerweise wieder verf\u00fcgbar macht.<\/p>\n<p> Sutermeister fokussiert mit seiner Fassung, zu der er das Libretto selber verfasst hat, auf die unm\u00f6gliche Verbindung Romeos und Julias, auf eine Art Gerippe also, das wie eine Reader&#8217;s-Digest-Version des shakespearschen Stoffes anmutet (die Oper ist mit rund 100 Minuten Dauer denn auch relativ kurz). Die Rollen Mercutios und Tybalts und damit auch die t\u00f6dlichen Streitereien der Heisssporne sind ganz gestrichen (Mercutios Geschichte von der Fee Mab, die die Liebenden bet\u00f6rt, findet allerdings als Einleitung durch einen Chor von Liebespaaren Eingang in die Balkonszene). Julia ersticht sich nach Romeos sinnlosem Tod auch nicht, sondern stirbt den Liebestod, und damit entf\u00e4llt nat\u00fcrlich ebenso das Erwachen der \u00dcbriggebliebenen aus dem Furor der Rache.<\/p>\n<p> Stimmungsm\u00e4ssig scheint denn einiges im Vergleich zum shakespearschen Vorbild etwas verschoben. Die Balkonszene wird bei Sutermeister nicht zum wortgewaltigen Liebeswerben (Romeo bekennt etwas platt, dass ihm aus Julias Augen mehr Gefahr droht als aus der Mordlust der Capulets, und Julia stellt schon fast schweizeirisch-n\u00fcchtern fest, dass sie grosse Angst hat). Vielmehr entfaltet sie mit Kommentaren n\u00e4chtlicher Gestalten \u2212 verliebter maskierter Paare und Knabenstimmen \u2212 einen mittsommern\u00e4chtlichen Feen- und Elfenzauber, der durchaus auch etwas f\u00fcr sich hat. <\/p>\n<p> F\u00fcr heutige Ohren klingt Sutermeisters Musik eing\u00e4ngig, effektvoll und frisch, ja streckenweise fast schon musicalartig. Die Geschichte wird mit vielen rezitativartigen, vom Orchester gerne solistisch begleiteten Szenen fl\u00fcssig vorw\u00e4rts gebracht, daneben gibt\u2019s effektvolle Massenszenen mit viel Blech und Perkussion (inkl. Klavier und Glockenspiel). Die Partitur bleibt dank vieler kleiner Motivzellen, die repetiert und variiert werden, verst\u00e4ndlich und eing\u00e4ngig. Die wenigen Arien, die auch hier Ruhepunkte der Reflektion der Akteure darstellen, werden genauso dramatisch aufgepolstert, so wirkt etwa auch Julias Bekenntnis der Liebe zu Romeo fast etwas plakativ \u2212 mit vor sich hin d\u00fcmpelnder chromatisch gequ\u00e4lter Melodik, Tritonus-Dramatik, Paukenschl\u00e4gen und vokalisierenden Hintergrundch\u00f6ren.<\/p>\n<p> Auch Anspielungen an Fremdmaterial finden sich. So wird etwa ein Duett Romeos und Julias (5.Bild, 5.Szene) mit der Melodie des Schweizer Volkslieds \u00abChumm mir wei ga Chrieseli gw\u00fcnne\u00bb (\u00abKomm, wir wollen Kirschen pfl\u00fccken gehen\u00bb) unterlegt. Dies wiederholt sich in der 8. Szene des gleichen Bildes, bei der Hoffnung auf Hilfe durch Lorenzo \u2212 wohl eine Anspielung an die Herkunft des Giftes, das Julia schlucken soll. Romeos Tod wiederum scheint in den Pauken von Ankl\u00e4ngen ans Schicksalsmotiv aus Beethovens F\u00fcnfter sekundiert. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Heinrich Sutermeister: Romeo und Julia, M\u00fcnchner Rundfunkorchester, T\u00f6lzer Knabenchor, Chor des Bayerischen Rundfunks, Urszula Koszut (Julia), Adolf Dallapozza (Romeo), Nikolaus Hillebrand (Lorenzo), Raimund Grumbach (Balthasar), Gudrun Wewezow (Amme), Produktion des Bayerischen Rundfunks 1980, bei Ex Libris, 1984 als Schallplatte erschienen, Musiques Suisses Doppel-CD MGB CD 6263.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>03.01.2009 &#8212; \u00abRomeo und Julia\u00bb als Opernstoff? 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