{"id":1027,"date":"2014-01-13T10:12:39","date_gmt":"2014-01-13T10:12:39","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/tempus-loquendi-musik-fuer-floete-solo\/"},"modified":"2014-01-13T10:12:39","modified_gmt":"2014-01-13T10:12:39","slug":"tempus-loquendi-musik-fuer-floete-solo","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/tempus-loquendi-musik-fuer-floete-solo\/","title":{"rendered":"\u00abTempus loquendi&#8230;\u00bb: Musik f\u00fcr Fl\u00f6te solo"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090314balmer.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>16.03.2009 &#8212; Der Fl\u00f6te scheint in allen Kulturen und Zeiten etwas Transzendentes, aber auch Hermetisches eigen. Die im Nahen Osten seit Jahrtausenden gespielte Nay ist nach der \u00dcberzeugung der arabischen Mystiker der verl\u00e4ngerte Atem Gottes, und unter japanischen Wanderm\u00f6nchen galt es als gut geh\u00fctetes Geheimnis, dass das Spiel der Fl\u00f6te Shakuhachi den einzigen Weg zur wahren Erleuchtung darstellte. Tats\u00e4chlich scheint die Br\u00fcchigkeit und Unk\u00f6rperlichkeit des Fl\u00f6tenklanges so etwas wie ein Widerhall kosmischer Gesetze im filigranen akustischen Detail, \u00e4hnlich der fragmentarisch verwischten Spuren von Elementarteilchen in der Nebelkammer der Kernphysiker oder dem Grinsen der Cheshire Cat, das in \u00abAlice in Wonderland\u00bb \u00fcbrigbleibt, nachdem das Tier selber sich aufgel\u00f6st hat.<\/p>\n<p> Auch in der Musik der europ\u00e4ischen Avantgarde des 20. Jahrhunderts bedienten sich zahlreiche Tonsch\u00f6pfer des Instrumentes, um einen musikalischen Kosmos zu schaffen, der ausserhalb aller zeitlicher und \u00f6rtlicher Moden scheint und seine zur\u00fcckhaltende, in akustischen Silbergrau-T\u00f6nen verwischten Sch\u00f6nheit bloss den Geduldigen und Aufmerksamen offenbart.<\/p>\n<p> Der Berner Fl\u00f6tist Hans Balmer, der sich immer wieder mit Neuer Musik f\u00fcr sein Instrument intensiv auseinandersetzt, dokumentiert auf der CD \u00abTempus loquendi&#8230;\u00bb diese Klangwelten, beginnend bei Edgard Var\u00e8ses St\u00fcck \u00abDensity 21.5\u00bb (1936) \u2212 eine Reverenz an die erste Platinfl\u00f6te des Instrumentenbauers Georges Barr\u00e8re, in dem auch erstmals Klappenger\u00e4usche als musikalisches Material verwendet werden \u2212, \u00fcber Franco Evangelistis \u00abProporzioni\u00bb (1958) und Bernd Alois Zimmermanns \u00abPezzi ellittici\u00bb von 1963, die der CD den Namen gegeben haben, bis zum \u00abZeremonienbuch\u00bb (entstanden zwischen 1960 und 1982) des Berner Komponisten Urs Peter Schneider.<\/p>\n<p> Letzteres nimmt mit fast dreissig Minuten Spielzeit den gr\u00f6ssten Raum ein und bildet mit Zimmermanns fast viertelst\u00fcndigem \u00abTempus loquendi&#8230;\u00bb das Hauptgewicht des Albums. Verbunden sind die vier Zeugnisse der Moderne mittels virtuoser Entr&#8217;actes aus der Feder des holl\u00e4ndischen Tonsch\u00f6pfers Jacob van Eyck. <\/p>\n<p> Zimmermanns Komposition, in der neben der \u00fcblichen Sopran- auch Alt- und Bassfl\u00f6te zum Einsatz kommen, nimmt im Titel bezug auf das biblische Buch des Predigers Salomo oder Kohelet (\u00abEin jegliches hat seine Zeit, (&#8230;) zerreissen und zun\u00e4hen, schweigen und reden&#8230;\u00bb), das existenzphilosophische Themen anspricht. Sie \u00fcberl\u00e4sst &#8211; ein Unikum in Zimmermanns Werk &#8211; Teile der Ausf\u00fchrung in ihrer konkreten Ausgestaltung dem Interpreten. Die grundlegenden Fragen von Sinn und Sein trieben auch den Komponisten selber um, der sich 1970 in tiefer Depression das Leben nahm. So erhebt sich auch die Musik von \u00abTempus loquendi\u00bb expressionistisch aus erdenschwerer Tiefe, ohne zu wirklicher Erl\u00f6sung zu finden.<\/p>\n<p> Mit der Einspielung von Schneiders \u00abZeremonienbuch\u00bb f\u00fcr ein Holzblasinstrument erweist Balmer dem Berner Komponisten und Weggef\u00e4hrten, der dieses Jahr siebzig Jahre alt wird, Reverenz. Die achtzig St\u00fccke sind \u00abim Strengen Stil geschrieben, situieren sich im Bereich zwischen radikal experimentellen und radikal expressiven kompositorischen Ans\u00e4tzen\u00bb und rekurrieren auf Texte von Robert Walser (um 1895), Wilhelm Ramler (um 1755), Daniel von Reigersfeld (um 1655) und Ludger von Diedrichsfeld (1975).<\/p>\n<p> Die zugleich nach Perfektion und Reduktion aufs Wesentliche abzielende Musik all dieser Kompositionen macht an den H\u00f6rer keinerlei Konzessionen und vermeidet es, zu den nicht minder r\u00e4tselhaft scheinenden Texten, die ihnen zum Teil zugrundeliegen, Deutungen zu liefern. Vielmehr widerspiegeln sie deren Geheimnisse auf ihrer eigenen Ebene, eine Eigenheit, die in der Ernsthaftigkeit, Disziplin und nie exhibitionistischen Virtuosit\u00e4t des Interpreten eine ideale Entsprechung finden. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Tempus loquendi&#8230;, Musik f\u00fcr Fl\u00f6te solo, Werke von Jacob van Eyck, Edgard Var\u00e8se, Franco Evangelisti, Bernd Alois Zimmermann und Urs Peter Schneider. Hans Balmer (Fl\u00f6ten), Eigenproduktion, vertrieben \u00fcber die Schweizer Musikplattform Fontastix (<a href=\"http:\/\/www.fontastix.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.fontastix.ch<\/a>). Webseite Balmers: <a href=\"http:\/\/www.hansbalmer.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.hansbalmer.ch<\/a> <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16.03.2009 &#8212; Der Fl\u00f6te scheint in allen Kulturen und Zeiten etwas Transzendentes, aber auch Hermetisches eigen. 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