{"id":1043,"date":"2014-01-13T10:20:27","date_gmt":"2014-01-13T10:20:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/vokalmusik-aus-drei-epochen\/"},"modified":"2014-01-13T10:20:27","modified_gmt":"2014-01-13T10:20:27","slug":"vokalmusik-aus-drei-epochen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/vokalmusik-aus-drei-epochen\/","title":{"rendered":"Vokalmusik aus drei Epochen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/chor1.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>23.11.2009 &#8212; Als \u00abeine Sache zwischen Gott und mir\u00bb gewichtete Frank Martin (1890\u20131974) seine \u00abMesse pour double ch\u0153ur a cappella\u00bb. Dementsprechend lang hielt er das Werk, das er in den Zwanzigerjahren komponiert hatte, unter Verschluss; erst 1963 kam die Messe in Hamburg zur Urauff\u00fchrung. (Im gleichen Jahr erfolgte in Wien die Urauff\u00fchrung einer anderen bedeutenden A-cappella-Messe, des Opus ultimum von Paul Hindemith.) <\/p>\n<p> Der Autodidakt Francis Poulenc (1899\u20131963), Mitglied des \u00abGroupe des Six\u00bb, begann unter dem Eindruck eines Wallfahrts-Erlebnisses im s\u00fcdfranz\u00f6sischen Rocamadour, wo eine Schwarze Madonna Pilgerscharen anzieht, mit der Komposition einer Reihe religi\u00f6ser Werke. Als erstes stellte er 1936 die \u00abLitanies \u00e0 la Vierge Noire\u00bb f\u00fcr dreistimmigen Kinder- bzw. Frauenchor fertig, ein Jahr darauf eine A-cappella-Messe f\u00fcr gemischten Chor. Poulencs \u00abLes Dialogues des Carm\u00e9lites\u00bb (1957) ist die bedeutendste franz\u00f6sische Sakraloper vor Messiaens \u00abSaint-Fran\u00e7ois d\u2019Assise\u00bb.<\/p>\n<p> Beschr\u00e4nkung in den Mitteln hat sich anf\u00e4nglich auch Zoltan Kod\u00e1ly (1882\u20131967) auferlegt: Seine \u00abMissa brevis\u00bb verfasste er 1942 als stille Messe f\u00fcr Harmonium oder Orgel solo. Dann arbeitete er sie f\u00fcr Solisten, Chor und Orgel aus. In dieser Version erklang das Werk erstmals im Februar 1945 in Budapest. F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter stellte Kod\u00e1ly eine opulente Messe-Fassung mit grossem Orchester her, gewidmet seiner Frau zum 35. Hochzeitstag. <\/p>\n<p> Die Interpretation durch die Solisten, den Organisten Max Hanft (an der W\u00f6hl-Orgel der Herz-Jesu-Kirche in M\u00fcnchen-Neuhausen) und den seit 1946 bestehenden Chor des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Peter Dijkstra sichert den sakralen Werken des Schweizers, des Franzosen und des Ungaren, so unterschiedlicher stilistischer und expressiver Tonsprachen sie sich bedienen, ausgefeilte, atmosph\u00e4risch stimmige und in der Variierung der Klangfarbe wie der feingestuften Dynamik ber\u00fchrende Wirkung. <\/p>\n<p> H\u00e4tten die Editoren dem Booklet die gleiche Sorgfalt gewidmet wie den Einspielungen, w\u00e4ren sie auf die Idee gekommen, eine der beiden PR-Seiten dem Text der \u00abLitanies\u00bb zu opfern. <\/p>\n<p> <strong>Albert Becker: Chorwerke <\/strong> <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/chor2.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Sein Name erscheint in allen respektablen Musiklexika: Zu finden ist Albert Becker (1834\u20131899) allerdings in der Regel nicht als eigener Eintrag, sondern unter Jean Sibelius, der 1889\/1890 als Mittzwanziger in Berlin bei Becker Komposition studiert hatte. Des Sch\u00fclers Stern stieg, jener des renommierten Professors und Komponisten (Becker hat Lieder vorgelegt, Kantaten, eine Sinfonie, die Oper \u00abLoreley\u00bb, eine von Liszt ger\u00fchmte Messe, Kammermusik, Orgelwerke und eine F\u00fclle an A-cappella-Chorwerken) verlor nach dessen Tod an Ausstrahlung. <\/p>\n<p> Der Kammerchor Consono, 1995 von seinem Leiter Harald Jers gegr\u00fcndet, unternimmt das Wagnis einer Ehrenrettung des Vergessenen mit geistlichen Ges\u00e4ngen und Motetten a cappella. Die in der Vokalpolyphonie des Barocks und der Klassik wurzelnden, kontrapunktische Techniken und Mendelssohns harmonische Finessen aufgreifenden, die Textaussage fantasiereich inszenierenden Kompositionen vermitteln ein plastisches Bild von Beckers traditionsorientiertem K\u00f6nnen. <\/p>\n<p> Zweifellos ist Harald Jers und seinem Kammerchor Consono die F\u00fcrsprache mit vierstimmigen und doppelch\u00f6rigen Werken (darunter sieben als Ersteinspielungen) ohne Einschr\u00e4nkung gelungen: In den Liturgischen Ges\u00e4ngen f\u00fcr das Kirchenjahr op. 46, den Drei Choralmotetten op. 67 und den Psalmmotetten op. 83 und 89 sowie drei weiteren S\u00e4tzen stellen die Interpreten ihre ausgefeilte Gesangskultur und auf emotionale Differenzierung bedachte Gestaltungskraft unter Beweis. <\/p>\n<p> <strong>Adrian Willaert: \u00abMusica Nova\u00bb<\/strong> <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/chor3.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Er war massgebend und wirkte stilbildend: der Flame Adrian Willaert (um 1490\u20131562), der in Paris studierte, in Diensten des frankophilen Hauses d\u2019Este in Ferrara, dann des Erzbischofs von Mailand stand und von 1527 bis zu seinem Tod als Maestro di cappella an San Marco in Venedig wirkte. Der \u00abdivino Adriano\u00bb galt im Italien der Renaissance als Begr\u00fcnder der venezianischen Schule, als der f\u00fchrende Musiker und Lehrer zwischen Josquin und Lasso. <\/p>\n<p> Zu einer Kunst von europ\u00e4ischem Rang wurde die venezianische Musik durch den Belgier, der die grosse Tradition der Niederl\u00e4nder mit italienischen und regionalen Einfl\u00fcssen verschmolz. Zu den Gattungen, die er gepr\u00e4gt, \u00abmodernisiert\u00bb hat, geh\u00f6rt in erster Linie das Madrigal. <\/p>\n<p> 1559 erschien der Band \u00abMusica Nova\u00bb, einer der herausragenden Musikdrucke des 16. Jahrhunderts. Versammelt sind darin 27 vier- bis siebenstimmige Motetten und 25 vier- bis siebenstimmige Madrigale. Die bisher undenkbare gemeinsame Publikation von lateinischen Motetten und italienischen Madrigalen in ein und derselben Publikation zeugt f\u00fcr den gleich hohen kompositorischen Anspruch Willaerts in beiden Bereichen, dem geistlichen wie dem weltlichen. <\/p>\n<p> Das Vokalensemble Singer Pur, 1991 von f\u00fcnf ehemaligen Regensburger Domspatzen gegr\u00fcndet und mit einer Sopranistin zum Sextett erweitert (und in dieser Aufnahme fallweise mit einem Countertenor als siebte Stimme) widmet sich \u2013 akkurat 450 Jahre nach der Drucklegung der \u00abMusica Nova\u00bb \u2013 den Madrigalen, 24 auf Sonette von Petrarca, eines stammt von Panfilo Sasso. <\/p>\n<p> Die breite Palette der in komplexem polyphonem Stimmengeflecht ausgedr\u00fcckten, eng an die Textaussage geschmiegten Empfindungen \u2013 Begehren, Erf\u00fcllung, Liebe, Verzicht, Abschied, Trauer, Verehrung der Jungfrau Maria und der Liebesg\u00f6ttin Venus \u2013 kommt in den weitr\u00e4umigen Interpretationen der Sonette in Willaerts genialer Vertonung durch das Ensemble Singer Pur zu ergreifender Wirkung. <\/p>\n<p> Dem 2-CD-Album in Schuber ist ein gr\u00fcndlich informierendes 76-seitiges illustriertes Booklet (dt., engl.) beigegeben, das auch alle vertonten Texte samt \u00dcbersetzungen enth\u00e4lt. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Martin: Messe f\u00fcr Doppelchor. \u2013 Kod\u00e1ly: Missa brevis.\u2013 Poulenc: Litanies \u00e0 la Vierge Noire. \u2013 Masako Goda, Barbara Fleckenstein, Michaela Knab, Sopran; Sigrid Horvath, Alt; Andrew Lepri Meyer, Tenor; Werner Rollenm\u00fcller, Bass. Max Hanft, Orgel. Chor des Bayerischen Rundfunks. Leitung: Peter Dijkstra. (BR Klassik 403571900500; 67\u2019) <\/p>\n<p> Albert Becker: Bleibe, Abend will es werden. Romantische Chormusik. Kammerchor Consono. Leitung: Harald Jers. (Carus 83.438; 73\u2019) <\/p>\n<p> Adrian Willaert: Musica Nova. The Petrarca Madrigals. Singer Pur. (BR Oehms Classics OC 814\/2 CDs; 122\u2019) <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>23.11.2009 &#8212; Als \u00abeine Sache zwischen Gott und mir\u00bb gewichtete Frank Martin (1890\u20131974) seine \u00abMesse pour double ch\u0153ur a cappella\u00bb.&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-1043","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1043","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1043"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1043\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1043"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1043"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1043"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}