{"id":1051,"date":"2014-01-13T10:54:36","date_gmt":"2014-01-13T10:54:36","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/karl-amadeus-hartmann-1905-1963\/"},"modified":"2014-01-13T10:54:36","modified_gmt":"2014-01-13T10:54:36","slug":"karl-amadeus-hartmann-1905-1963","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/karl-amadeus-hartmann-1905-1963\/","title":{"rendered":"Karl Amadeus Hartmann (1905\u20131963)"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2010\/hartmstr10210.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>05.03.2010 &#8212; F\u00fcnf M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen sich dem K\u00fcnstler, der in diktatorisch regiertem, die Kultur in seine Dienste zwingenden Staat lebt: Anpassung, offener Widerstand (der alsbald brachial gebrochen wird), Exil, Verstummen (bis hin zur Flucht in den Tod) oder innere Emigration. Der M\u00fcnchner Karl Amadeus Hartmann war 1933, im Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, 28j\u00e4hrig. Er hatte das Unheil fr\u00fcher als manch andere hereinbrechen sehen und sich keinen Illusionen hingegeben. <\/p>\n<p> Hartmann entschied sich zum Bleiben, w\u00e4hlte die Form des Protestes, die seinem Wesen und seiner \u00dcberzeugung entsprach: die innere Emigration. Er zog sich aus dem Musikleben zur\u00fcck, entwich allen Ann\u00e4herungsversuchen staatlicher Stellen, wurde mit Auff\u00fchrungsverbot belegt. In der Isolation komponierte er weiter, um, wie er sagte, als Gegenaktion Bekenntnis abzulegen: Zorn und Protest in der Hoffnung auf den Sturz des Regimes und den Sieg der Freiheit. <\/p>\n<p> Als Humanist, \u00fcberzeugt von der politischen Funktion seines K\u00fcnstlertums, komponierte der Verfemte 1934 die sinfonische Dichtung \u00abMiserae\u00bb mit der Widmung: \u00abMeinen Freunden, die hundertfach sterben mu\u00dften, die f\u00fcr die Ewigkeit schlafen \u2013 wir vergessen Euch nicht\u00bb. 1934\/35 schrieb er die Kammeroper \u00abDes Simplicius Simplicissimus Jugend\u00bb. Anklage und Trauer pr\u00e4gen auch die zwei Streichquartette, entstanden 1933 bzw. 1945\u20131948, ebenso weitere sinfonische Werke und das Concerto funebre f\u00fcr Violine und Streichorchester. <\/p>\n<p> Nach dem Untergang des Dritten Reiches hatte Hartmann, jeder ideologischen Str\u00f6mung fern, mit seinem Schaffen, seiner Bekenntnismusik, darunter acht Sinfonien, einen schweren Stand \u2013 die Nachkriegsgeneration wollte vers\u00e4umte k\u00fcnstlerische Entwicklungen, die internationale Avantgarde kennen lernen. Sie fand in Karl Amadeus Hartmann einen energischen F\u00f6rderer und F\u00fcrsprecher: 1945 rief er die M\u00fcnchner Konzertreihe Musica Viva ins Leben, die er bis zu seinem Tod leitete. Er schuf eine wichtige Plattform f\u00fcr junge Komponisten und machte das Publikum bekannt mit ehedem als \u00abentartet\u00bb abqualifizierter Musik. <\/p>\n<p> <strong>Hartmann und das Streichquartett<\/strong> <\/p>\n<p> Das D\u00fcsseldorfer Label CybeleRecords hat neben seinen der Musik und dem H\u00f6rbuch gewidmeten Reihen eine neue Serie er\u00f6ffnet: die Edition K\u00fcnstler im Gespr\u00e4ch. Vol. 1 ist Karl Amadeus Hartmann gewidmet. Ein vielversprechender Auftakt! <\/p>\n<p> \u00abDie Br\u00fccke, die wir mit unserer neuen SACD-Reihe, Edition K\u00fcnstler im Gespr\u00e4ch, bauen m\u00f6chten, ist der Zugang zum Menschen hinter dem Werk, im Spannungsfeld zu seinen Lebensumst\u00e4nden, der politischen Situation, seiner Familie, seiner k\u00f6rperlichen und geistig-seelischen Verfassung und der Zeit, in der er lebt, bzw. lebte\u00bb, schreiben die Cybele-Verantwortlichen, Mirjam und Ingo Schmidt-Lucas. <\/p>\n<p> Das Klappalbum enth\u00e4lt drei SACDs und ein 76-seitiges reich illustriertes Booklet (dt., engl.). Aufgenommen f\u00fcr diese Produktion wurden s\u00e4mtliche Werke Hartmanns mit Streichquartett: die beiden Quartette, das Kleine Konzert f\u00fcr Streichquartett und Schlagzeug (1931\/32) \u2013 \u00fcbrigens eine Ersteinspielung \u2013 und das Kammerkonzert f\u00fcr Klarinette, Streichquartett und Streichorchester (1930\/1935). <\/p>\n<p> Zum Reichtum der Musik treten bisher gr\u00f6sstenteils unver\u00f6ffentlichte Tondokumente. Zu Wort kommt Karl Amadeus Hartmann, der in einer kurz vor seinem Tod f\u00fcr den SWR gesprochenen autobiografischen Skizze mit dem \u00abern\u00fcchterten Weltblick des K\u00fcnstlers\u00bb einen ber\u00fchrenden Einblick gibt in sein Leben und Schaffen, seine Vorbilder und F\u00f6rderer, die innere Emigration und Isolierung, die Verpflichtung eines Kunstschaffenden zur Humanit\u00e4t. <\/p>\n<p> Aus ihren Erlebnissen und Erfahrungen erz\u00e4hlt Elisabeth Hartmann, die 2003 verstorbene Gattin des Komponisten, in Ausschnitten aus einem langen Gespr\u00e4ch, das Ulrich Dibelius 1994 mit ihr f\u00fchrte. Sie beleuchtet manch aufschlussreiche Begebenheit aus d\u00fcsterer Zeit, von verschwundenen Manuskripten und vergrabenen Partituren und B\u00fcchern, von Terror, dauernder Angst und dem Komponieren f\u00fcr die Schublade (\u00abKarl hat ein schlimmes Schicksal gehabt\u00bb), aber auch vom Aufbruch nach dem Krieg, der Arbeit mit der Musica-Viva-Reihe. <\/p>\n<p> Mirjam Wiesemann gewann Hartmanns einzigen Sohn, den 1935 geborenen Richard P. Hartmann, f\u00fcr ein Gespr\u00e4ch \u00fcber seine Kindheit und seinen Vater, jene Zeit, in der er \u00abwie ein Verfemter gelebt\u00bb und gegen die Nazis angeschrieben hat. Und an Krankheit und fr\u00fchen Tod. <\/p>\n<p> Wort, Bild und Ton (die Interpretationen der Werke d\u00fcrfen exemplarischen Rang beanspruchen) f\u00fcgen sich mosaikartig zu einem vielfarbigen tiefenscharfen Bild eines der bedeutenden deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts, dessen Werk in jedem Takt Bekenntnis zur Freiheit und Humanit\u00e4t ablegt. <\/p>\n<p> <strong>\u00abDes Simplicius Simplicissimus Jugend\u00bb<\/strong><\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2010\/hartmsimp10210.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Karl Amadeus Hartmanns gr\u00f6sster Mentor und F\u00f6rderer, der in die Schweiz emigrierte Dirigent Hermann Scherchen, wies ihn auf den Roman \u00abDer Abentheuerliche Simplicissimus Teutsch\u00bb hin, den Hans Jacob Christoph von Grimmelshausen 1668 in N\u00fcrnberg publizieren liess. Dass sich Hartmann 1934 mit Vehemenz an die Arbeit machte und zusammen mit Scherchen und dem Dramaturgen Wolfgang Petzet das Libretto zu einer Kammeroper fertigstellte und zu vertonen begann, mag weniger an der allegorischen Bekehrungsgeschichte des tumben H\u00fcterbubs Simplicissimus gelegen haben, der zu Selbsterkenntnis und Glaubensgewissheit reift, sondern wohl am Hintergrund des L\u00e4nder, Landstriche und St\u00e4dte, Menschen und ihre Seelen verheerenden Dreissigj\u00e4hrigen Kriegs, an den Parallelen zur Gegenwart des Dritten Reichs und der Vorahnung weiteren Unheils. <\/p>\n<p> Die f\u00fcr sein erstes gr\u00f6sseres musikdramatisches Werk ausgew\u00e4hlte Handlung \u2013 der unbeschwerte ahnungslose Simplicissimus wird, auf sich allein gestellt, durch die Erziehung beim Einsiedel und die miterlebten Kriegsgr\u00e4uel zum jugendlichen erkennenden Narren, der den Despoten und ihren Speichelleckern den Spiegel vorh\u00e4lt und sie furchtlos anklagt \u2013 gab dem unbeugsamen Antifaschisten Hartmann die M\u00f6glichkeit, mit den Mitteln der Kunst dem totalit\u00e4ren Staat Widerstand entgegenzusetzen. <\/p>\n<p> Es war ein ganz pers\u00f6nliches Unterfangen, denn eine Auff\u00fchrung der 1936 fertiggestellten dreiteiligen Kammeroper \u00abDes Simplicius Simplicissimus Jugend\u00bb lag in ungewisser Zukunft. Anfang 1939 erweiterte Hartmann das Stationenwerk um eine Ouvert\u00fcre und ein Zwischenspiel. <\/p>\n<p> Die (konzertante) Urauff\u00fchrung konnte im April 1948 unter Hans Rosbaud bei Radio M\u00fcnchen stattfinden. Eineinhalb Jahre sp\u00e4ter, 1949, kam die Oper in K\u00f6ln zur szenischen Erstauff\u00fchrung. Mehrere \u00dcberarbeitungen und \u00c4nderungen folgten, vom Autor selbst, eine auch vom Schott-Verlag. 1957 wurde Hartmanns Neufassung unter dem Titel \u00abSimplicius Simplicissimus\u00bb in Mannheim erstmals pr\u00e4sentiert. <\/p>\n<p> F\u00fcr die vorliegende Einspielung, die Live-Aufnahme einer Auff\u00fchrung von 2005 im M\u00fcnchner Prinzregententheater, haben der Komponist Wilfried Hiller und Robert Klimesch vom Bayerischen Rundfunk eine Werkfassung rekonstruiert, die der kontrapunktisch weniger befrachteten Urfassung m\u00f6glichst nahekommt. Verzichtet wurde auf die gesungenen Dialoge, die opulentere Instrumentalbesetzung und den emphatischen Schluss der Fassung von 1957. <\/p>\n<p> Die Aufnahmetechniker haben die emotionale Spontaneit\u00e4t, die holzschnittartige Kantigkeit und die dichte Atmosph\u00e4re der Auff\u00fchrung unter Ulf Schirmers Leitung brillant eingefangen und eine spannungsvolle, k\u00fcnstlerisch packende Wiedergabe mit plastischer Charakterisierung der Typen und vitalem Instrumentalspiel dokumentiert. <\/p>\n<p> Ausser dem informativen Booklet (dt., engl., frz.), das auch das Libretto enth\u00e4lt, vermittelt ein halbst\u00fcndiger Bonus-Teil weitere Einblicke: Karl Amadeus Hartmann erz\u00e4hlt darin von seiner Arbeit an der Kammeroper (inhaltlich nicht identisch mit dem im ersterw\u00e4hnten Album Gesprochenen); ebenfalls zu h\u00f6ren sind Erinnerungen seiner Frau. Und Wilfried Hiller und der Dirigent Ulf Schirmer geben Auskunft \u00fcber Urfassung und Rekonstruktion der \u00abSimplicius Simplicissimus\u00bb-Oper. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Karl Amadeus Hartmann und das Streichquartett sowie Aufnahmen mit den Originalstimmen der Familie Hartmann. \u2013 1. und 2. Streichquartett. Kleines Konzert f\u00fcr Streichquartett und Schlagzeug. Kammerkonzert f\u00fcr Klarinette, Streichquartett und Streichorchester. \u2013 DoelenKwartet; Wilbert Grootenboer, Schlagzeug; Arjan Woudenberg, Klarinette. \u2013 Sinfonia Rotterdam, Leitung: Conrad van Alphen. (Cybele Records K\u00fcnstler im Gespr\u00e4ch Vol. 1; KiG 001; 3 SACDs Hybrid Multichannel) <\/p>\n<p> Karl Amadeus Hartmann: \u00abDes Simplicius Simplicissimus Jugend\u00bb. F\u00fcr den Bayerischen Rundfunk von Wilfried Hiller und Robert Klimesch eingerichtete Fassung. Bonus: K. A. Hartmann und die Urfassung des \u00abSimplicius Simplicissimus\u00bb, Gespr\u00e4ch und Tondokumente. \u2013 Camilla Nylund (Simplicius), Christian Gerhaher (Landsknecht, Sprecher), Will Hartmann (Einsiedel, Gouverneur), Michael Volle (Bauer, Feldwebel, Hauptmann. \u2013 Die Singphoniker. M\u00fcnchner Rundfunkorchester. Leitung: Ulf Schirmer. (BR Klassik 403571900301) <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05.03.2010 &#8212; F\u00fcnf M\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen sich dem K\u00fcnstler, der in diktatorisch regiertem, die Kultur in seine Dienste zwingenden Staat lebt:&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-1051","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1051","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1051"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1051\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1051"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1051"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1051"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}