{"id":1080,"date":"2014-01-13T11:17:42","date_gmt":"2014-01-13T11:17:42","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/wilhelm-friedemann-bach-1710-1784\/"},"modified":"2014-01-13T11:17:42","modified_gmt":"2014-01-13T11:17:42","slug":"wilhelm-friedemann-bach-1710-1784","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/wilhelm-friedemann-bach-1710-1784\/","title":{"rendered":"Wilhelm Friedemann Bach (1710\u20131784)"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/wfbach24411.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>02.05.2011 &#8212; Ein Portr\u00e4t des fr\u00fchklassizistischen Malers Friedrich Georg Weitsch \u2013 ein Ausschnitt findet sich auf den CD-Covers der vorliegenden Einspielungen \u2013 soll traditionsgem\u00e4ss Wilhelm Friedemann Bach darstellen. Doch der gepflegte Habitus dieses frohgemuten Mannes im eleganten Pelzkragen, in der Linken die Lederhandschuhe (und ohne Attribute, die auf einen k\u00fcnstlerischen Beruf hinweisen) passt so gar nicht zur Vita, zum Charakter und zur Tonsprache von Johann Sebastian Bachs \u00e4ltestem Sohn. Und: Der Herr (ohne Per\u00fccke) mag gut 40-j\u00e4hrig sein; Friedemann Bach, 1710 geboren, h\u00e4tte Weitsch demnach um 1750 Modell sitzen m\u00fcssen \u2013 der Maler wurde aber erst 1758 geboren. Verabschieden wir den Grandseigneur, halten wir uns besser an die R\u00f6telzeichnung von P. G\u00fclle von 1782, das Bild eines alten Mannes mit Per\u00fccke. <\/p>\n<p> Sein Vater gab Wilhelm Friedemann das musikalische R\u00fcstzeug mit auf eine Karriere, die ihn \u00fcber Dresden (1733) nach Halle an der Saale f\u00fchrte, wo er als Kantor und Director Musices zwischen 1746 und 1764 wirkte. Nach seinem selbst gew\u00e4hlten Abschied und erfolglosen Bewerbungen hielt er sich als freier K\u00fcnstler mit Unterrichten und Konzertieren \u00fcber Wasser. 1774 liess er sich in Berlin nieder; die einzige nachweisbare (und einflussreiche) Sch\u00fclerin jener Zeit war Sara Levy, geborene Itzig, die Grosstante Felix Mendelssohn Bartholdis. Friedemanns wirtschaftliche Schwierigkeiten versch\u00e4rften sich \u2013 1784 starb er, als K\u00fcnstler weitgehend vergessen, und hinterliess Frau und Tochter im Elend. In einem Nachruf war zu lesen: \u00abDeutschland hat an ihm seinen ersten Orgelspieler und die musikalische Welt \u00fcberhaupt einen Mann verloren, dessen Verlust unersetzlich ist.\u00bb <\/p>\n<p> Legenden und Anekdoten ranken sich um seinen Charakter. Meist sind sie kritischer, gar negativer Art; jedenfalls galt Wilhelm Friedemann als Schwieriger, als dickk\u00f6pfiger Aussenseiter, der sich Konventionen und Konzessionen entzog, als Weltfremder, der auf sicheren Lohn in kirchlichen und adeligen Zw\u00e4ngen verzichtete und am Rand der Armut als ungebundener K\u00fcnstler wirkte. Johann Sebastian mag seinem Sohn das berufliche Selbstwertgef\u00fchl gest\u00e4rkt haben; doch w\u00e4hrend der Vater die Spannungen zwischen Innen und Aussen in seiner Arbeit fruchtbar machen konnte, rieb sich der Sohn an den Anforderungen und seinem kantigen Charakter auf. <\/p>\n<p> Unbestritten waren Friedemann Bachs k\u00fcnstlerische Leistungen. Er galt als f\u00fchrender Orgelvirtuose, Cembalospieler und Improvisator seiner Zeit, als hochorigineller Komponist. Carl Philipp Emanuel \u00e4usserte \u00fcber Friedemann, dieser k\u00f6nne den Vater besser ersetzen als all seine Br\u00fcder zusammen. Sp\u00e4ter, als Johann Sebastian Bach wieder im Rampenlicht stand, wurden seine S\u00f6hne mit dem Status von Epigonen bedacht. Erst die Erschliessung ihres \u0152uvres machte den Weg frei f\u00fcr einen von tradierten Vorurteilen unbelasteten Umgang mit ihrer Musik. <\/p>\n<p> Als einen grundlegenden Beitrag zur Neubewertung der eigenst\u00e4ndigen k\u00fcnstlerischen Leistungen Wilhelm Friedemann Bachs hat der Carus-Verlag, Stuttgart, eine vollst\u00e4ndige kritische Ausgabe seiner Werke in elf B\u00e4nden unter der Editionsleitung von Peter Wollny, Bach-Archiv Leipzig, an die Hand genommen (desgleichen eine von Johann Christoph Friedrich Bachs Schaffen). Und in Koproduktion mit dem SWR bzw. WDR legt das Label Carus vier Alben mit Werken von Wilhelm Friedemann Bach vor: Zwei CDs sind Kantaten gewidmet, je eine Claviermusik sowie Concerti und Trios. (Eine weitere Carus-CD mit Concerti Friedemanns wurde publiziert in der Reihe Die Bach-S\u00f6hne I.) Die interpretatorisch wie aufnahmetechnisch exzellenten Einspielungen werden von dreisprachigen illustrierten Booklets begleitet. <\/p>\n<p> Friedemann schuf seine Instrumentalwerke vornehmlich in Dresden (1733\u20131746) und Berlin (1774\u20131784), die Vokalwerke in Halle (1746\u20131764). Sein erhalten gebliebenes \u0152uvre liegt erst zum Teil und oft in entstellter Form vor. Initiativen von Martin Falck (um 1913; von ihm stammt das WFB-Werkverzeichnis mit dem K\u00fcrzel F bzw. Fk) und in den 1930er Jahren von Max Seiffert waren bereits in einem fr\u00fchen Stadium abgebrochen worden. <\/p>\n<p> In zwei musikalischen Welten bewegte sich Wilhelm Friedemann Bach ebenso stilsicher wie individuell. Seine Hallenser Kantaten \u2013 erhalten haben sich etwa 20 \u2013 sind in ihrer konzertanten und polyphonen Satzweise der sp\u00e4tbarocken Tradition verpflichtet, der Klangrede von Vater Bach, doch keineswegs Schablonen unterworfen, vielmehr h\u00f6chst zugriffig und erfindungsreich. Noch markanteres Profil sichert sich Wilhelm Friedemann Bach in den Concerti, der Kammermusik und den Klavierkompositionen. Sie blicken zur\u00fcck auf den ernsten Barock, auf Vaters Erbe, auf den galant-empfindsamen Stil und dr\u00e4ngen vorw\u00e4rts zur Fr\u00fchklassik. So eignet diesen Werken eine stilistische und experimentelle Spannung, wie sie f\u00fcr \u00dcbergangsphasen kennzeichnend ist. <\/p>\n<p> Zwei M\u00f6glichkeiten der Auff\u00fchrung dokumentieren die Kantaten-Alben. Vokalsolisten, der Bachchor Mainz und das Barockorchester L\u2019arpa festante unter der Leitung von Ralf Otto realisieren vier Werke (drei davon in Ersteinspielung) in kr\u00e4ftiger Besetzung, die Rastatter Hofkapelle unter J\u00fcrgen Ochs widmet sich zwei Kantaten, darunter Friedemanns Antrittsmusik in Halle \u00abWer mich liebet, der wird mein Wort halten\u00bb, der Missa in g, einem Sanctus und einem Agnus Dei (s\u00e4mtlich Ersteinspielungen), in solistischer Art \u2013 acht Vokalsolisten und zehn Instrumentalisten. Die Ergebnisse \u00fcberzeugen in beiden F\u00e4llen, nehmen ein durch musikantischen Elan, unforcierte Expressivit\u00e4t und klangliche Opulenz. <\/p>\n<p> Das eine der beiden Cembalokonzerte (jenes in g-Moll) und die zwei Trios des Albums Concerti &amp; Trios sind ebenfalls Ersteinspielungen. Hier herrschen Wilhelm Friedemann Bachs \u00abmoderne\u00bb Qualit\u00e4ten: spr\u00fchende Lebenskraft und Schroffheiten in den raschen S\u00e4tzen, breit fliessende, mit Widerst\u00e4nden aufgeladene Melodielinien in den langsamen. Wie virtuos Friedemann das Tasteninstrument beherrschte, f\u00fchrt der Cembalist Sebastian Wienand in beeindruckender Weise vor. Die Streicher in den Concerti sind solistisch besetzt. <\/p>\n<p> Noch st\u00e4rker widerspiegeln die Clavierwerke Wilhelm Friedemann Bachs profilierte k\u00fcnstlerische Ambitionen, die sich nicht von irgendwelchen Konzessionen an den Publikumsgeschmack hemmen liessen, im Alter gar zu einem gr\u00fcblerischen Improvisieren wurden, deutbar als R\u00fcckzug aus den widrigen Realit\u00e4ten des Lebens. Auf einem hell klingenden zweimanualigen Cembalo (dem Nachbau eines Hamburger Instruments von 1728) stellt L\u00e9on Berben alle Charakteristika dieser Meisterwerke der Klaviermusik mit vitalem Zugriff heraus, vielseitig in Ausdruck, Stimmung und reich an Klang- und Rhythmusn\u00fcancen. F\u00fcnf davon sind Ersteinspielungen \u2013 ein weiterer Hinweis darauf, welche Sch\u00e4tze es im Schaffen Wilhelm Friedemann Bachs noch ans Licht zu bef\u00f6rdern gilt. Einem Genie zu Ehren, dem Musikleben zur Bereicherung. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Wilhelm Friedemann Bach: Concerti &amp; Trios. \u2013 Cembalokonzerte D-Dur BR-WFB C 9 \/ Fk 41 und g-Moll BR-WFB C-Inc. 17 \/ Fk unsicher. Trio B-Dur f\u00fcr 2 Violinen und Bc BR-WFB B 16 \/ Fk 50, Trio H-Dur f\u00fcr Violine und Cembalo BR-WFB B-Inc. 19 \/ Fk unsicher. \u2013 Sebastian Wienand, Cembalo; Anne Kathrina Schreiber, Martina Graulich, Violinen; Werner Saller, Viola; Frank Coppieters, Violone; Ute Petersilge, Cello. (Carus 83.357; 69\u2019) <\/p>\n<p> Wilhelm Friedemann Bach: Claviermusik I. \u2013 Ouvert\u00fcre Es-Dur BR-WFB A 59 \/ Fk deest. Concerto G-Dur BR-WFB A 13b \/ Fk 40. Sonata F-Dur BR-WFB A 10 \/ Fk unsicher, Sonata D-Dur BR-WFB A 4 \/ Fk 3. Menuett F-Dur BR-WFB A 50b \/ Fk deest. Fantasia d-Moll BR-WFB A 105 \/ Fk deest, Fantasia e-Moll BR-WFB A 24 \/ Fk 21. \u2013 L\u00e9on Berben, Cembalo von Keith Hill nach einem Instrument von Christian Zell, Hamburg 1728. (Carus 83.346; 69\u2019) <\/p>\n<p> Wilhelm Friedemann Bach: Kantaten I. \u2013 \u00abAch, dass du den Himmel zerrissest\u00bb BR-WFB F 3 \/ Fk 93. \u00abWohl dem, der den Herren f\u00fcrchtet\u00bb BR-WFB F 19 \/ Fk 76. \u00abO Wunder, wer kann dieses fassen\u00bb BR-WFB F 2 \/ Fk 92. \u00abGott f\u00e4hret auf mit Jauchzen\u00bb BR-WFB F 10 \/ Fk 75. \u2013 Dorothee Mields, Sopran, Gerhild Romberger, Alt, Georg Poplutz, Tenor, Klaus Mertens, Bass. Bachchor Mainz. L\u2019arpa festante. Leitung: Ralf Otto. (Carus 83.362; 79\u2019) <\/p>\n<p> Wilhelm Friedemann Bach: Kantaten II. \u2013 \u00abDer Herr wird mit Gerechtigkeit richten die Armen\u00bb BR-WFB F 17 \/ Fk 81. \u00abWer mich liebet, der wird mein Wort halten\u00bb BR-WFB F 12 \/ Fk 72. Missa g-Moll BR-WFB E 1 \/ Fk 100. \u00abHeilig ist Gott, der Herr Zebaoth\u00bb BR-WFB E 3 \/ Fk 78a. Agnus Dei BR-WFB E 4 \/ Fk 98b. \u2013 Rastatter Hofkapelle. Leitung: J\u00fcrgen Ochs. (Carus 83.429; 67\u2019) <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>02.05.2011 &#8212; Ein Portr\u00e4t des fr\u00fchklassizistischen Malers Friedrich Georg Weitsch \u2013 ein Ausschnitt findet sich auf den CD-Covers der vorliegenden&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-1080","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1080","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1080"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1080\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1080"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1080"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1080"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}