{"id":1084,"date":"2014-01-13T11:19:37","date_gmt":"2014-01-13T11:19:37","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/der-sinfoniker-joseph-joachim-raff\/"},"modified":"2014-01-13T11:19:37","modified_gmt":"2014-01-13T11:19:37","slug":"der-sinfoniker-joseph-joachim-raff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/13\/der-sinfoniker-joseph-joachim-raff\/","title":{"rendered":"Der Sinfoniker Joseph Joachim Raff"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/raff1811.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>01.08.2011 &#8212; \u00abDer erste Schnee\u00bb, \u00abBeim Schwingfest\u00bb, \u00abTanz der Dryaden\u00bb, \u00abStilles Weben der Nacht im Walde\u00bb &#8230; Gesetzt den Fall, Raff h\u00e4tte den meisten seiner elf Sinfonien und deren einzelnen S\u00e4tzen keine handfesten beschreibenden Titel angeheftet, darf vermutet werden, dass die Rezeption seines Schaffens nachhaltiger gewesen w\u00e4re. Obwohl seine im besten Fall zur\u00fcckhaltend deskriptive Musik nicht in programmatischer Beengtheit gefangen ist, wirken Bezeichnungen wie \u00abAn das Vaterland\u00bb (Sinfonie Nr. 1), \u00abIm Walde\u00bb (Nr. 3), \u00abLenore\u00bb (nach B\u00fcrgers Ballade, Nr. 5), \u00abIn den Alpen\u00bb (Nr. 7) und der Jahreszeiten-Zyklus (Nr. 8 bis 11) zur\u00fcckgebunden an (sp\u00e4t)romantische Floskeln, an Pl\u00fcsch und Schwulst. <\/p>\n<p> Doch wer sich ohne Vorurteil h\u00f6rend befreit von all den blumigen Beschreibungen und einl\u00e4sslich formulierten Programmen des Komponisten, dessen Intentionen seinerzeit dem Publikum willkommene Verstehenshilfen waren, der freien Entfaltung des musikalischen Gehalts aber hinderlich geworden sind \u2013 wer sich auf die Musik konzentriert, entdeckt in Joseph Joachim Raff einen eigenwilligen und in mancherlei Hinsicht originellen Meister in der Nachfolge von Mendelssohn, Berlioz und Liszt. <\/p>\n<p> 1822 in Lachen am Z\u00fcrichsee geboren als Sohn eines Schulmeisters, der sich durch Flucht in die Schweiz der w\u00fcrttembergischen Zwangsrekrutierung entzogen hatte, \u00fcbte sich Joachim fr\u00fch im Geigen-, Klavier- und Orgelspiel. Er arbeitete als Lehrer in Rapperswil, und autodidaktisch studierte er Musik, sandte seine ersten Kompositionen Mendelssohn, dank dessen Hilfe H\u00e4rtel &amp; Breitkopf einige Werke druckten. <\/p>\n<p> 1845 begegnete Raff in Basel Franz Liszt, der ihn unter seine Fittiche und mit nach Deutschland nahm. Stationen waren Stuttgart (wo er seinen Sch\u00fcler und nachmaligen F\u00f6rderer Hans von B\u00fclow kennenlernte), Hamburg und ab 1850 Weimar: Liszt stellte ihn als Privatsekret\u00e4r an, und Raff \u00fcbernahm nach dessen Anweisungen auch die Instrumentierung der Klavierparte sinfonischer Dichtungen. <\/p>\n<p> 1856 entzog sich Raff den Einfl\u00fcssen des Weimarer Kreises und der \u00dcbermacht der Neudeutschen durch \u00dcbersiedlung nach Wiesbaden, wo er als Klavierp\u00e4dagoge wirkte. Sein \u0152uvre wuchs nun in raschem Rhythmus; in den 1870er Jahren sicherte es ihm einen Platz unter den meistgespielten Komponisten Deutschlands. <\/p>\n<p> 1878 \u00fcbernahm Raff als Kompositionslehrer die Direktion des Hoch\u2019schen Konservatoriums in Frankfurt am Main, das er reorganisierte und f\u00fcr dessen Lehrk\u00f6rper er herausragende Dozenten gewinnen konnte, darunter die Pianistin Clara Schumann, den Bariton Julius Stockhausen, den Pianisten und Komponisten Anton Urspruch, den Violinisten Hugo Heermann, den Cellisten Bernhard Cossmann. 1882 erlag Raff einem Herzinfarkt. Um die Jahrhundertwende dann war sein Stern am Verbleichen. <\/p>\n<p> Sein Schaffen \u2013 \u00fcber 200 Opuszahlen \u2013 umfasst ein halbes Dutzend Opern, Werke f\u00fcr Chor und Orchester, Instrumentalkonzerte, Kammermusik mit und ohne Klavier (darunter acht Streichquartette, f\u00fcnf Violinsonaten, vier Klaviertrios), Klavierkompositionen und eine Reihe von Orchesterwerken, in deren Zentrum die elf zwischen 1861 und 1879 entstandenen Sinfonien. <\/p>\n<p> Eines ist unbestritten: Raff z\u00e4hlt zu den brillantesten Experten in Sachen Instrumentation. Beispiel: die Transkription von Bachs Chaconne aus BWV 1004. Seine Beherrschung des grossen Orchesters bis ins Detail des Charakters und der M\u00f6glichkeiten jedes Instruments, das Spiel der Klangfarben und deren differenzierte Schattierungen, die Transparenz des Satzes mit ideenreich ausgearbeiteten Nebenstimmen sind nicht zu \u00fcbertreffen (und tragen \u00fcber manche schw\u00e4cher inspirierte Stelle hinweg). <\/p>\n<p> Ein Zweites: Raff erweist sich als K\u00f6nner der formalen Gestaltung mit untr\u00fcglichem Gef\u00fchl f\u00fcr pr\u00e4gnante Themen, organische Entwicklung des Materials und dessen satz\u00fcbergreifende (auch leitmotivische) Verklammerung, kontrapunktische Verdichtung, f\u00fcr Proportionen nach klassisch-romantischem Muster. <\/p>\n<p> Ein Drittes noch: Raff ist kein Tragiker, kein Zerrissener, an sich oder dem Material Zweifelnder. Als charakteristisch erscheint die charmante, hier und dort schwelgerisch naive Melodik und die klare, selten durch Ausweichungen eingetr\u00fcbte Harmonik. Hugo Riemann monierte \u00abein gelegentliches Versinken in eine der \u00e4sthetischen Kritik feineren Empfindens nicht standhaltende, ins Sentimentale und Liedertafelm\u00e4ssige fallende Melodi\u00f6sit\u00e4t\u00bb.<\/p>\n<p> Und Liszt urteilte hellh\u00f6rig \u00fcber den jungen Raff: \u00abSein Stil ist gedrungen, voll reflektiert und reich an gl\u00fccklichen harmonischen Feinheiten und Wendungen, deren Wagnisse sich jedoch fast immer auf die Basis der Regel zur\u00fcckf\u00fchren lassen. [\u2026] Raffs Originalit\u00e4t besteht namentlich in dem Wie, mit welchem er die angewandten Elemente vereinigt und assimiliert.\u00bb <\/p>\n<p> Joseph Joachim Raff war ein Mann seiner Zeit, mit Temperament und hohem Intellekt, ohne ideologische Scheuklappen \u00dcberzeugungen der Konservativen und der Neudeutschen vereinigend. Als K\u00fcnstler in seiner Epoche hat Raff einen Gegenentwurf geschaffen zu den Entwicklungen und Wirren jener Jahrzehnte (Industrialisierung, Revolutionen, Deutscher Krieg, Deutsch-Franz\u00f6sischer Krieg, Kulturkampf, Grosse Depression). Wege weist er erfindungs- und spannungsreich ins eintr\u00e4chtige Private, in die lindernde Idylle. Nicht erstaunlich, dass Raff zu den weithin hochgesch\u00e4tzten Komponisten z\u00e4hlte. <\/p>\n<p> Die Wiederentdeckung von Raffs vielseitigem \u0152uvre f\u00f6rdern die seit 1972 bestehende Joachim-Raff-Gesellschaft in Lachen (Schweiz), die Stuttgarter Edition Nordstern mit einer an die Hand genommenen Gesamtausgabe und das Z\u00fcrcher Label Tudor, dessen Katalog bereits eine Reihe von Aufnahmen des schweizerisch-deutschen Komponisten vorweist. <\/p>\n<p> Zwischen 1999 und 2005 spielten die Bamberger Symphoniker \u2013 Bayerische Staatsphilharmonie unter der Leitung von Hans Stadlmair in Koproduktion mit BR Klassik f\u00fcr Tudor Raffs elf Sinfonien ein, dazu die vier gewichtigen Suiten, vier (der zw\u00f6lf) Ouvert\u00fcren, die Rhapsodie \u00abAbends\u00bb op. 163b und die Orchestrierung von Bachs Violin-Chaconne. Nun ist das exemplarische, interpretatorisch profilierte Unternehmen in einer die neun CDs versammelnden Box zusammengefasst worden, der ein umfangreiches Booklet beiliegt mit ausf\u00fchrlichen Informationen zu Raff und seinem Schaffen f\u00fcr Orchester. <\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>ws<\/em>)<\/span><\/p>\n<p><\/p>\n<p> <center> <\/p>\n<table style=\"width: 430px;\" summary=\"linie\" border=\"0\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"0\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"9\" bgcolor=\"#666666\" height=\"1\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/grafiken\/dbrown1x1.gif\" border=\"0\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p> <\/center> <\/p>\n<p><span class=\"txt-s-black\">Joseph Joachim Raff (1822\u20131882): The Symphonies. The Suites for Orchestra. Ouvertures (\u00abBenedetto Marcello\u00bb, \u00abDame Kobold\u00bb, \u00abDie Parole\u00bb, Concert-Ouvert\u00fcre op. 123). Chaconne von Bach, instr. von Raff. Bamberger Symphoniker \u2013 Bayerische Staatsphilharmonie. Leitung: Hans Stadlmair. (Tudor Recording 1600\/BR Klassik; 9-CD-Box mit 127-seitigem Booklet, dt.\/engl.\/frz; 636\u2019) <\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>01.08.2011 &#8212; \u00abDer erste Schnee\u00bb, \u00abBeim Schwingfest\u00bb, \u00abTanz der Dryaden\u00bb, \u00abStilles Weben der Nacht im Walde\u00bb &#8230; Gesetzt den Fall,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13],"tags":[],"class_list":["post-1084","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-tontraeger-besprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1084","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1084"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1084\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1084"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1084"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1084"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}