{"id":1134,"date":"2014-01-14T14:37:22","date_gmt":"2014-01-14T14:37:22","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/14\/die-sozialen-megatrends-im-musikjahr-2013\/"},"modified":"2014-01-14T14:37:22","modified_gmt":"2014-01-14T14:37:22","slug":"die-sozialen-megatrends-im-musikjahr-2013","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/14\/die-sozialen-megatrends-im-musikjahr-2013\/","title":{"rendered":"Soziale Megatrends im Musikjahr 2013"},"content":{"rendered":"<p><em><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>27.12.2013 &#8212; Wolfgang B\u00f6hler<\/em>&#8212; Was hat das Musikjahr 2013 gebracht? Viel Wagner und etwas weniger, aber auch immer noch viel Verdi (es waren die wichtigsten Gedenkjahre), und damit noch mehr Aufmerksamkeit f\u00fcr die b\u00fcrgerliche Glamour-Kunstform Oper. In der Klassikbranche zieht sie ohnehin schon am meisten Aufmerksamkeit und Geld auf sich. Wirren um die grossen Opernzentren Bayreuth, Mailand (und um Nebenschaupl\u00e4tze wie das Aus f\u00fcr die New York City Opera) haben das Ihrige dazu beigetragen. Mittlerweile dr\u00e4ngt das globale Operngesch\u00e4ft sogar in die Kinos\u00e4le der Welt. Zu viel Beachtung f\u00fcr eine im Grunde genommen anachronistische Musikform? Das bleibt wohl Geschmackssache.\u00a0<\/p>\n<p>Opern sind mehr und mehr mit Festivals verbunden, und diese laufen den st\u00e4dtischen Orchestern und ihren Aboreihen zunehmend den Rang ab. M\u00fcsste man einen Megatrend des Jahres benennen, dann wohl diesen: die hochsubventionierten st\u00e4dtischen Sinfonieorchester, in Deutschland auch die Rundfunk-Klangk\u00f6rper, geraten im st\u00e4rker unter Druck. Dabei zeigt sich ein \u00e4hnlich verwirrliches Bild wie im Falle der physischen Tontr\u00e4ger: Ihre grosse Zeit scheint einerseits vorbei, andererseits gibt es immer mehr davon. Die traditionellen Orchester sehen sich mehr und mehr der Konkurrenz unabh\u00e4ngiger Orchester gegen\u00fcber, von denen immer mehr gegr\u00fcndet werden. Die Krise ist also nicht bloss eine solche des Zuwenig (an Subventionen und Abonnenten), sondern auch eine des Zuviel (an Spezial- und Genreorchestern).\u00a0<\/p>\n<p>In der Schweiz haben wir in den letzten Jahren etwa die Wirren um das Musikkollegium Winterthur erlebt, den Existenzkampf des Orchestra della Svizzera Italiana und die Emanzipation des Sinfonierchesters Basel von der Allgemeinen Musikgesellschaft. In Bern sind die Theater (Biel\/Solothurn und Bern) mit den Orchestern zusammengelegt worden. Die st\u00e4dtischen Orchester sind immer noch auf der Suche nach neuen Identit\u00e4ten. Auch da schimmert ein Megatrend durch: Immer weniger B\u00fcrger sind bereit, Kulturarbeit als t\u00e4gliches Brot und Beitrag zur gesellschaftlichen Koh\u00e4sion zu verstehen. Konjunktur haben kurzfristige Projektarbeiten mit unverbindlichem Erlebnischarakter. Die traditionellen Dorf- und Quartiermusikvereine k\u00e4mpfen ums \u00dcberleben, den Orchestern brechen die Abonnenten weg. Es sind Symptome der gleichen gesellschaftlichen Dynamik: Niemand will sich mehr l\u00e4ngerfristig binden und Verantwortung \u00fcbernehmen.\u00a0<\/p>\n<p>Was ist falsch gelaufen? Vereine und traditionelle Kulturinstitutionen haben es m\u00f6glicherweise vers\u00e4umt, wichtige Gruppen, die gesellschaftlich mehr Gewicht erhalten haben, zu integrieren: Vor allem Migranten und Jugendliche bleiben aussen vor, dabei k\u00f6nnte gerade diesen Entscheidendes geboten werden. Wie mancher hat dank dem Dorfverein ein Instrument lernen k\u00f6nnen, der es sich sonst eigentlich nicht h\u00e4tte leisten k\u00f6nnen? Wie unendlich wichtig sind die Vereine f\u00fcr die d\u00f6rfliche Identit\u00e4t, das Heimatgef\u00fchl, wie unerl\u00e4sslich die Stadttheater und Orchester f\u00fcr das Wecken der Begeisterung und den Vorbildcharakter in Sachen handwerklich-\u00e4sthetischer Exzellenz!\u00a0<\/p>\n<p>Die Vereine haben sich zu wenig ge\u00f6ffnet; \u00abVolkst\u00fcmlichkeit\u00bb wiederum gilt in manchem westeurop\u00e4ischem Theater und Konzerthaus aber leider immer noch als reaktion\u00e4r, ein um sich selber kreisender Elite-, Verweigerungs- und Provokationsgestus immer noch als scheinbares Kennzeichen \u00e4sthetischer Relevanz. Das oberste Ziel von Vereinen und Kunstst\u00e4tten m\u00fcsste es aber sein, sich bedingungslos f\u00fcr eine offene, tolerante und lebendige\u00a0 Gesellschaft einzusetzen, indem sie Kulturschaffenden Infrastukturen und handwerkliche Kompetenz zu Verf\u00fcgung stellen \u2012 ohne mit falschem Sendungsbewusstsein Werte und Inhalte propagieren zu wollen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>27.12.2013 &#8212; Wolfgang B\u00f6hler&#8212; Was hat das Musikjahr 2013 gebracht? 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