{"id":126,"date":"2014-01-09T13:28:29","date_gmt":"2014-01-09T13:28:29","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/dmitri-schostakowitschs-orango-fragment\/"},"modified":"2014-01-09T13:28:29","modified_gmt":"2014-01-09T13:28:29","slug":"dmitri-schostakowitschs-orango-fragment","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/dmitri-schostakowitschs-orango-fragment\/","title":{"rendered":"Dmitri Schostakowitschs \u00abOrango\u00bb-Fragment"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2012\/120622orango.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>22.06.2012 &#8212;<\/em> Die Musikgeschichte ist mehr oder weniger geschrieben, in der Historischen Musikwissenschaft wird vor dem Lichterl\u00f6schen noch etwas an Gesamtausgaben, Katalogsarbeiten und auch noch an irgendwo ausgegrabenen Kleinmeistern gewerkelt. Was an \u00abbisher unbekannten Werken\u00bb grosser Meister noch identifiziert wird, sind kleine Gelegenheitsarbeiten und Skizzen, die zu medialen Ereignissen hochstilisiert werden. <\/p>\n<p> Es gibt Ausnahmen: Der Entwurf Schostakowitsch aus den dramatischen 1930er-Jahren Russlands zu einer satirischen Oper bricht mit der Regel. Seine Wiederentdeckung und Aufbereitung zur \u00f6ffentlichen Pr\u00e4sentation <em>ist<\/em> ein Ereignis. <\/p>\n<p> Aufgefunden worden ist das Notenmaterial zu \u00abOrango\u00bb 2006 von der Archivarin Olga Digonska\u00efa im Moskauer Schostakowitsch-Archiv. Es handelt sich um Arbeiten an einem Musiktheater nach dem Libretto des Science-fiction-Autors Alexei Tolstoi (eines entfernten Verwandten des ungleich bekannteren Leo Tolstois). In Auftrag gegeben wurde es urspr\u00fcnglich vom Bolschoi Theater als Beitrag zu den Feiern von 1932 zum 15. Jahrestag der Oktoberrevolution.<\/p>\n<p> Es war die Zeit kurz vor den dunklen Jahren des stalinistischen Terror-Regimes, die den K\u00fcnstlern des Landes viele experimentelle Freiheiten liess. Das \u00abOrango\u00bb-Projekt kn\u00fcpfte denn auch an die Arbeiten der russischen Avantgarde der 1920er-Jahre an, an die Ideen Meyerholds, Majakowskis oder Eisensteins. <\/p>\n<p> Orango ist das erschreckende Produkt eines genetischen Experiments, der Kreuzung eines Wissenschaftlers mit einem Orang-Utan. Der Zwitter nimmt als Soldat am Ersten Weltkrieg teil, wird in Paris Gesch\u00e4ftsmann und schliesslich kapitalistischer Medienmogul. Er wird verraten, an einen sowjetischen Zirkus verkauft und nach Moskau verschleppt. <\/p>\n<p> Im Prolog, der hier rekonstruiert ist, wird Orango im Rahmen einer \u00f6ffentlichen Show vorgef\u00fchrt, und zwar in einer Art, die wir aus heutigen Fernsehspektakeln durchaus zu kennen glauben. Er versucht sich, an einer Frau in einer ausl\u00e4ndischen G\u00e4stegruppe zu vergreifen und wird dann vom skrupellosen Moderator der Show buchst\u00e4blich \u00abzum Affen gemacht\u00bb. <\/p>\n<p> Die Szene ist an B\u00f6sartigkeit und Zynismus fast nicht zu \u00fcberbieten, die Musik, die Schostakowitsch dazu geschrieben hat, ist denn auch pomp\u00f6s, kriegerisch, hart und energetisch. Die Witwe Schostakowitsch hat den Musikwissenschaftler Gerard McBurney gebeten, den 13-seitigen Klavierauszug zu orchestrierern. Dieser hat tief in die Trickkiste Schostakowitschs, wie sie zur Zeit der Entstehung gef\u00fcllt war, gegriffen. <\/p>\n<p> Unter Stabf\u00fchrung Esa-Pekka Salonens hat das Los Angeles Philharmonic Orchestra das Werk im Dezember 2011 in der Disney Concert Hall erstmals aufgef\u00fchrt, erg\u00e4nzt um eine Wiedergabe der kurze Zeit sp\u00e4ter entstandenen vierten Sinfonie des Komponisten. Peter Sellars hat \u00abOrango\u00bb f\u00fcr Los Angeles \u00fcberdies szenisch eingerichtet. <\/p>\n<p> Der \u00abOrango\u00bb-Prolog ist bitter-komisch, umwerfend musikantisch und sehr verst\u00f6rend. Nicht auszumalen, was aus dem Werk geworden w\u00e4re, h\u00e4tte es Schostakowitsch zu Ende f\u00fchren k\u00f6nnen. Einmal mehr ahnen wir, welche kreative Potenz im Russland der Stalinzeit absurdesten Affentheatern geopfert worden ist. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <em><span class=\"txt-s-black\" style=\"font-size: x-small;\">Schostakowitsch: Orango Prologue. World Premiere Recording. Symphony No. 4. Los Angeles Philharmonic, Esa-Pekka Salonen. Deutsche Grammophon\/Universal, Best.-Nr. 479 0249. <\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.06.2012 &#8212; Die Musikgeschichte ist mehr oder weniger geschrieben, in der Historischen Musikwissenschaft wird vor dem Lichterl\u00f6schen noch etwas an&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-126","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/126","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=126"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/126\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}