{"id":1304,"date":"2014-03-23T13:50:40","date_gmt":"2014-03-23T13:50:40","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/03\/23\/seligers-buch-das-geschaeft-mit-der-musik\/"},"modified":"2014-03-23T13:50:40","modified_gmt":"2014-03-23T13:50:40","slug":"seligers-buch-das-geschaeft-mit-der-musik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/03\/23\/seligers-buch-das-geschaeft-mit-der-musik\/","title":{"rendered":"Seligers Buch \u00abDas Gesch\u00e4ft mit der Musik\u00bb"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">21.03.2014 &#8212; Zur Zeit ist ein Buch des Berliner Musikmanagers Berthold Seliger \u2012 <em>Das Gesch\u00e4ft mit der Musik. Ein Insiderbericht<\/em> (Edition Tiamat, Berlin 2013) \u2012 im Gespr\u00e4ch. Der Agent und Tourneeveranstalter beschreibt die Mechanismen, nach denen heute Rock- und Popacts (schwergewichtig, aber nicht nur) auf dem Musikmarkt positioniert werden. Nicht alles an Seligers Berichten ist wirklich neu, einiges zitiert er aus der einschl\u00e4gigen Musikpresse, und sein ideeller Standort ist deutlich sp\u00fcrbar: Seliger polemisiert aus deutlich linken, stark wertenden und 68er-nahen Positionen heraus.\u00a0 So beklagt er sich in einem Kapitel \u00abDie soziale Situation\u00bb \u00fcber die prek\u00e4ren rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr die Kreativen. Aber auch er stellt sich den zwei Kernproblemen der Kreativwirtschaft nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>21.03.2014 &#8212; Zur Zeit ist ein Buch des Berliner Musikmanagers Berthold Seliger \u2012 <em>Das Gesch\u00e4ft mit der Musik. Ein Insiderbericht<\/em> (Edition Tiamat, Berlin 2013) \u2012 im Gespr\u00e4ch. Der Agent und Tourneeveranstalter beschreibt die Mechanismen, nach denen heute Rock- und Popacts (schwergewichtig, aber nicht nur) auf dem Musikmarkt positioniert werden. Nicht alles an Seligers Berichten ist wirklich neu, einiges zitiert er aus der einschl\u00e4gigen Musikpresse, und sein ideeller Standort ist deutlich sp\u00fcrbar: Seliger polemisiert aus deutlich linken, stark wertenden und 68er-nahen Positionen heraus.\u00a0 So beklagt er sich in einem Kapitel \u00abDie soziale Situation\u00bb \u00fcber die prek\u00e4ren rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr die Kreativen. Aber auch er stellt sich den zwei Kernproblemen der Kreativwirtschaft nicht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Zum ersten ist da die Frage der Finanzierung auch f\u00fcr Normalb\u00fcrger erschwinglicher Kulturangebote. Es gen\u00fcgt halt eben nicht, Sponsoring, Urheberrechtsgesellschaften und die grossen Konzertagenturen zu brandmarken, auch wenn viele der in dem Buch beschriebenenen Zust\u00e4nde bedenklich sind. Sie sind allerdings l\u00e4ngst analysiert. Der franz\u00f6sische Journalist Fr\u00e9d\u00e9ric Martel etwa hat in seinem Buch <em>Mainstream<\/em> eine ungleich profundere, ausgewogenere und datenreichere Beschreibung geliefert. Ein bessere L\u00f6sung f\u00fcr ein Musikleben, das den Musikern ein anst\u00e4ndiges Auskommen verschafft, aber die Preise f\u00fcr Konzerte und Tontr\u00e4ger (bei Kostenwahrheit) nicht in unerschwingliche H\u00f6hen treibt, haben weder Martel noch Seliger. \u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Zum zweiten muss man eine systemische Grundstruktur thematisieren, die sich weder mit besserer gewerkschaftlicher Arbeit noch sozialer Absicherung beseitigen l\u00e4sst. Tats\u00e4chlich w\u00e4ren alle Bem\u00fchungen darum, dem Heer an materiell (aber m\u00f6glicherweise nicht ideell) erfolglosen T\u00fcftler und Bastler an der Basis der kulturellen Innovation bessere Lebensbedingungen zu schaffen, vermutlich kontraproduktiv. Sie w\u00fcrden n\u00e4mlich bloss noch mehr als die ohnehin schon sehr vielen, die in Kreativbereiche dr\u00e4ngen, auf den Plan rufen. Kreative T\u00e4tigkeiten werden eben nicht wegen der materiellen Lebensaussichten ergriffen, sondern h\u00e4ufig gerade um des Chics der Fragilit\u00e4t eines Bo\u00e8hmelebens willen. \u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das Problem ist, dass kreative Innovation in jedem Fall in den Phasen ihrer Geburt weder breite soziale Resonanz noch materiellen Erfolg findet. Dass 99 von 100 dabei T\u00e4tigen scheitern, ist kein Misserfolg, sondern systemimanent: Bloss die m\u00f6glichst breite Basis an nicht bereits gewerteten und gesicherten Konzepten und Ideen erm\u00f6glicht echte Innovation. Es geht darum, wie man mit denjenigen umgeht, die dabei nicht das grosse Los ziehen. Sie sind weder \u00aberfolglos\u00bb noch \u00abgescheitert\u00bb, sondern haben ihren unerl\u00e4sslichen Beitrag zum Gelingen des Ganzen geliefert. Zynismus und L\u00e4cherlichmachen sind ihnen gegen\u00fcber v\u00f6llig fehl am Platz.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Unsere heutigen F\u00f6rdersysteme sind aber noch immer all zu sehr darauf aus, Existenzen am Rande des Existenzminimums so lange zu erm\u00f6glichen, bis eine Umorientierung und eine Zweitkarriere auf anderen Gebieten nicht mehr m\u00f6glich ist. Was also fehlt, sind Modelle, die jungen Kreativen freie Arbeit auf hohem professionellem Niveau an eigenen Konzepten erm\u00f6glicht, ihnen aber gleichzeitig einen Plan B bietet. Sich \u00fcber die sozialen Beschaffenheiten der kreativen Klasse (verw\u00f6hnte und unselbst\u00e4ndige Mittelstandskinder\u2026) zu mokieren, wie dies Seliger tut, scheint uns zu billig.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Was Seliger \u00fcber den Musikjournalismus und seine hohe Bereitschaft zur Liebedienerei schreibt, deckt sich hingegen (leider, leider) mit unseren eigenen Beobachtungen. Bloss eine Passage scheint uns \u2012 da sind wir nat\u00fcrlich Partei \u2012 gerade verkehrt. \u00abDie Chance der Musikkritik ist letztlich die Langsamkeit\u00bb, meint Seliger (308). Damit sind wir vollkommen einverstanden. Es gelte das als St\u00e4rke herauszubilden, schreibt er allerdings nun weiter, was das Internet so nicht bieten k\u00f6nne. In die Tiefe und in die Breite gehende Kritik und Analyse.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das trifft daneben. In die Tiefe und in die Breite gehende Kritik und Analyse sind medienunabh\u00e4ngig. \u00abEine Rezension sollte also nicht zum Ver\u00f6ffentlichungstermin erscheinen (schon gar nicht Wochen vorher), sondern dann, wenn der Kritiker Zeit gefunden hat, sich mit dem Album [oder halt einem Buch, wb] zu befassen\u00bb, schreibt Seliger weiter. Eben. Genau so haben wir es mit seinem Buch gehalten. Im Internet \ud83d\ude09<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>Von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">21.03.2014 &#8212; Zur Zeit ist ein Buch des Berliner Musikmanagers Berthold Seliger \u2012 <em>Das Gesch\u00e4ft mit der Musik. Ein Insiderbericht<\/em> (Edition Tiamat, Berlin 2013) \u2012 im Gespr\u00e4ch. Der Agent und Tourneeveranstalter beschreibt die Mechanismen, nach denen heute Rock- und Popacts (schwergewichtig, aber nicht nur) auf dem Musikmarkt positioniert werden. Nicht alles an Seligers Berichten ist wirklich neu, einiges zitiert er aus der einschl\u00e4gigen Musikpresse, und sein ideeller Standort ist deutlich sp\u00fcrbar: Seliger polemisiert aus deutlich linken, stark wertenden und 68er-nahen Positionen heraus.\u00a0 So beklagt er sich in einem Kapitel \u00abDie soziale Situation\u00bb \u00fcber die prek\u00e4ren rechtlichen und gesellschaftlichen Rahmenbedingungen f\u00fcr die Kreativen. 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