{"id":139,"date":"2014-01-09T14:54:59","date_gmt":"2014-01-09T14:54:59","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/25-jahre-fuer-bachs-gesamtes-vokalwerk\/"},"modified":"2014-01-09T14:54:59","modified_gmt":"2014-01-09T14:54:59","slug":"25-jahre-fuer-bachs-gesamtes-vokalwerk","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/25-jahre-fuer-bachs-gesamtes-vokalwerk\/","title":{"rendered":"25 Jahre f\u00fcr Bachs gesamtes Vokalwerk"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><br \/><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/111209bach.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>09.12.2011 &#8212; Man kann als wohlhabender B\u00fcrger d\u00fcmmere Hobbys haben. Konrad Hummler, gesch\u00e4ftsf\u00fchrender Teilhaber der Privatbank Wegelin &amp; Co, mittlerweile \u00fcberdies Pr\u00e4sident des Verwaltungsrates der <em>Neuen Z\u00fcrcher Zeitung<\/em> (NZZ) und auch sonst eine St\u00fctze der Gesellschaft, hat\u2019s mit Bachs Vokalwerk. Daf\u00fcr wird er r\u00fcckblickend vielleicht mal 30 Millionen Franken aufgeworfen haben. Eine von ihm alimentierte Bachstiftung plant n\u00e4mlich in einem Zeithorizont von einem Vierteljahrhundert nichts anderes als die \u00abAuff\u00fchrung s\u00e4mtlicher Vokalwerke\u00bb des Thomaskantors, multimedial dokumentiert. <br \/><\/span><br \/> Kern des bachschen Vokalwerkes ist der opulente Korpus aus \u00fcber 200 Kantaten, eine Gesamteinspielung damit so etwas wie das Besteigen des musikalischen Mount Everest. Die sportliche Herausforderung haben schon einige angenommen, meist mit einer bestimmten interpretatorischen Idee: Auf Gustav Leonhardt, Nikolaus Harnoncourt und Helmut Rilling folgten Masaaki Suzuki, Ton Koopman und John Eliot Gardiner.<\/p>\n<p> Bachliebhaber sind also mit H\u00f6rweisen von Bachs klingendem Kirchenjahr mehr als bedient. Selbst im kirchlichen Alltag ist das Werk nach wie vor beinahe omnipr\u00e4sent: Seit Ostern 2004 ert\u00f6nen in der Basler Predigerkirche jeden Monat zwei Bachkantaten, in Mainz erklingen seit \u00fcber f\u00fcnfzig Jahren die Bach-Kantaten im sakralen Rahmen. Das ist erst der Anfang einer Liste. <\/p>\n<p> Das heisst nicht, dass das Unternehmen einer Bachstiftung eidgen\u00f6ssisch-freisinniger Pr\u00e4gung musikalisch nichts hergeben w\u00fcrde. Immerhin zeichnet k\u00fcnstlerisch ein profunder Kenner des Stils verantwortlich: Rudolf Lutz ist Dozent f\u00fcr Improvisation an der Hochschule f\u00fcr Alte Musik Schola Cantorum Basilensis und f\u00fcr Generalbass an der Hochschule f\u00fcr Musik Basel. Er hat an der Hochschule Z\u00fcrich Oratorienkunde unterrichtet und sich auch als namhafter Erforscher der Barockmusik einen Namen gemacht. <\/p>\n<p> Lutz stellt aus jungen Berufss\u00e4ngerinnen und -s\u00e4ngern in variabler Besetzung auch Chor und Orchester der Auff\u00fchrungen zusammen. Den Chor \u00abbilden bis zu vierzig Stimmen, wobei einzelne S\u00e4ngerinnen und S\u00e4nger auch immer wieder die Chance bekommen, solistische Aufgaben zu \u00fcbernehmen\u00bb.<\/p>\n<p> Das in einem Kirchenraum im appenzellischen Trogen materialisierte Projekt dokumentiert aber dennoch nicht in erster Linie das historisch-musikalische Bach-Erbe. Vielmehr soll damit offenbar der Topf spirituell-bildungsb\u00fcrgerlicher Werte einer einst staatstragenden liberalen Elite am Kochen gehalten werden.<\/p>\n<p> So beschreibt die Webseite der Stiftung selber den Ablauf der monatlich stattfindenden Auff\u00fchrungen: Sie beginnen mit einem Einf\u00fchrungsworkshop. Danach folgt das eigentliche Konzert. Pro Abend gelangt lediglich eine Kantate, daf\u00fcr aber zweimal, zur Auff\u00fchrung. Zwischen den beiden Auff\u00fchrungen gibt\u2019s eine Reflexion \u00fcber den jeweiligen Kantatentext. Dabei betrachten Pers\u00f6nlichkeiten aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen den barocken Kantatentext aus heutiger und pers\u00f6nlicher Sicht. Die Stiftung ist davon \u00fcberzeugt, dass man danach die Kantate \u00abanders h\u00f6rt als zuvor\u00bb.<\/p>\n<p> Unter den Referenten prominent vertreten sind die Feuilletonisten der NZZ und ihr Umfeld, Chefdenker Martin Meyer, die Philosophin Ursula Pia Jauch, der Philosoph Georg Kohler, Aush\u00e4ngeschilder des politischen Liberalismus wie Suzette Sandoz oder der heutige Avenir-Suisse-Direktor Gerhard Schwarz sowie Wissenschaftler und Literaten vom Schlage des Biochemikers Gottfried Schatz oder des Geschichtenerz\u00e4hlers Urs Widmer. F\u00fcr die Auswahl der Referenten zeichnet der fr\u00fchere DRS2-Programmleiter Arthur Godel verantwortlich.<\/p>\n<p> Damit ist das Bachprojekt so etwas wie die sakrale Version des B\u00fcndnisses aus bildungsb\u00fcrgerlicher Presse und Festivalbetrieb beim Lucerne Festival, bei dem NZZ-Musikjournalisten und DRS2-Redaktoren ja auch nicht bloss kritische Distanz wahren, sondern mitgestalten, als Vortragende, Vermittler und Moderatoren. Bei aller Prominenz und Partizipation steht das Projekt aber in erster Line f\u00fcr das M\u00e4zenatentum Hummlers. <\/p>\n<p> Trotz seiner festen Stellung inmitten des freisinnigen Establishments nimmt man ihn vor allem als Mann der Ersatzhandlungen wahr: Statt Journalist ist er Verfasser von Anlagekommentaren und Verwaltungsrat einer Zeitung geworden, statt Geiger M\u00e4zen eines Musikprojektes.<\/p>\n<p> Aber der Mann zeigt Haltung. Er tut hemmungslos Gutes (oder was er daf\u00fcr h\u00e4lt) und spricht \u2013 wie\u2019s f\u00fcr M\u00e4zene in den erzliberalen Vereinigten Staaten selbstverst\u00e4ndlich, hierzulande aber nicht ist \u2013 dar\u00fcber. Man muss seine Werte nicht teilen, man kann sie als ewiggestrig betrachten, aber irgendwie kann man nicht anders als Respekt davor haben. Weil man irgendwie ahnt: Der Mann w\u00e4re diesselbe Wetter-Eiche, verf\u00fcgte er \u00fcber Geld wie Otto Normalb\u00fcrger und k\u00f6nnte er nicht auf diese erstaunliche Art mutwillige Erbvernichtung betreiben. <\/p>\n<p> Ein intellektuelles Zukunftsprojekt ist der Bachzyklus nicht. Ein authentisches schon. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Das Schweizer Fernsehen dokumentiert auf SF1 das Projekt am Sonntag, 18. Dezember 2011, um 10.30 Uhr in der <strong>\u00abSternstunde Religion\u00bb<\/strong> <\/p>\n<p> Webseite des Projektes mit Bezugshinweisen f\u00fcr CD und DVD:<br \/> <a href=\"http:\/\/www.bachstiftung.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.bachstiftung.ch<\/a><\/span> <\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09.12.2011 &#8212; Man kann als wohlhabender B\u00fcrger d\u00fcmmere Hobbys haben. 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