{"id":148,"date":"2014-01-09T15:17:02","date_gmt":"2014-01-09T15:17:02","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/vom-kanon-zum-konzept-album\/"},"modified":"2014-01-09T15:17:02","modified_gmt":"2014-01-09T15:17:02","slug":"vom-kanon-zum-konzept-album","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/vom-kanon-zum-konzept-album\/","title":{"rendered":"Vom Kanon- zum Konzept-Album"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/110805tristano.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><\/span><span class=\"txt-m-black\"><em>05.08.2011 &#8211;<\/em>&#8211; Bach hat eine Reihe von Klaviermusik-Zyklen hinterlassen \u2013 wohltemperierte, kunststiftende, t\u00e4nzerische \u2013 und der heutige Umgang damit ist beispielhaft f\u00fcr den Wandel im \u00e4sthetischen Selbstverst\u00e4ndnis klassischer Musiker. Virtuosen der \u00e4lteren Generation haben offenbar nach wie vor das Bed\u00fcrfnis, damit Denkm\u00e4ler (oder auch bloss Erinnerungsstatuetten) zu errichten. Maurizio Pollini hat, wie unz\u00e4hlige vor ihm, das Wohltemperierte Klavier als Gesamtkunstwerk eingespielt, Vladimir Ashkenazy hat dasselbe mit den sechs Partitas getan. Da stehn sie nun, als erratische Bl\u00f6cke, Monumente barocken Zeitgeistes und kontrapunktischer Systematik im Silberscheibenregal.<\/p>\n<p> Auch der gerade mal dreissigj\u00e4hrige luxemburgische Pianist Francesco Tristano nimmt eine Partita Bachs als Ausgangspunkt seines Albums <em>bachCage<\/em>. Der Name ist tats\u00e4chlich so geschrieben und suggeriert eine Art besch\u00e4digtes Palindrom. Es dr\u00e4ngt sich auf, weil die Namen beider Komponisten, die sich gerne in metaphysischen Symbolspekulationen ergingen, aus lauter Buchstaben bestehen, die auch absolute Tonh\u00f6hen bezeichnen. Es sind \u00fcberdies griffige \u00abFour Letter Names\u00bb, wie der englische Booklet-Originaltext zum Tristano-Album vermerkt, auch wenn die im Englischen damit gelabelte Wortkategorie nun ja nicht gerade zur feinen Art geh\u00f6rt. <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/110805ashkenazy.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Tristanos Album kennt keinen konstruktiven Kanon und hat nichts Monumentales. Es folgt einem Konzept-Gedanken, verkn\u00fcpft die Werke Bachs und Cages und verkettet sie mit kurzen eigenen kompositorischen Kommentaren. Die Werke fliessen auch produktionstechnisch ineinander, so \u00f6ffnet sich in den letzten Takten der ersten Partita Bachs etwa bereits der Hallraum des folgenden St\u00fccks <em>In A Landscape<\/em> von Cage. Es entsteht damit ein offenes Gesamtkunstwerk, das Fragen suggeriert und nicht wie die abschliessenden Steinmetzzeichen anmutet, die Bach mit seinem \u00abb-a-c-h\u00bb zur Signatur in seine Werke einf\u00fcgte und die das Verst\u00e4ndnis der \u00e4lteren Generation noch immer pr\u00e4gen. <\/p>\n<p> Wollte man die Spekulationen im Sinne Cages, der immer wieder mit Zufallsprozessen kokettierte, weiterf\u00fchren, k\u00f6nnte man sich von den Namen auch zu Charakterdeutungen hinreissen lassen: Entspricht der enge und absolute dichte Tonraum des \u00abb-a-c-h\u00bb nicht dem Charakter des Thomaskantors genauso wie das entspannte, Pentatonik suggerierende \u00abc-a-g-e\u00bb demjenigen des amerikanischen T\u00fcftlers und Pr\u00f6blers? <\/p>\n<p> Das ist aber nat\u00fcrlich Unsinn. Weitaus interessanter ist die Frage, ob die unterschiedlichen Konzepte sich in der musikalischen \u00c4sthetik niederschlagen. Vergleicht man die Interpretation der Partita Bachs, die sich sowohl auf Tristanos Album wie auf Ashkenazys Doppel-CD finden, so kann man dies eindeutig bejahen. Ashkenazy f\u00fchrt einen kr\u00e4ftigen, z\u00fcgigen Strich, der etwa im Pr\u00e4ludium eine klare einzelne Linie favorisiert und sich nicht in mikrorhythmischen und -klanglichen Nuancen verliert. Die Brennweite scheint da bereits auf das Ganze der sechs Partiten eingestellt. <\/p>\n<p> Tristanos Intepretation ist filigraner, subtiler in der federnden Rhythmik und klangbewusster, sei dies im Gewebe, das im Pr\u00e4ludium sich luzid in der Vertikale verspinnt oder der Aquarellqualit\u00e4t des chromatischen Absinkens in der abschliessenden Gigue. Sie entspricht damit auch der etwas selbstverliebt anmutenden und damit absolut zeitgeistigen Selbstinszenierung der Booklet-Fotos des Pianisten. Dass sich auf dem Booklet der CD Ashkenazys der Musiker bloss in kantiger Gegenlicht-Silhouette abbildet und das Klavier ins Zentrum r\u00fcckt, unterstreicht den Mentalit\u00e4ts-Wandel.<\/p>\n<p> Dennoch: Beide Ans\u00e4tze haben etwas f\u00fcr sich, in beiden zeigen sich Pers\u00f6nlichkeit und in sich stimmige Auseinandersetzung mit dem kompositorischen Erbe. Man m\u00f6chte sich nicht f\u00fcr eine entscheiden m\u00fcssen, auch wenn man dem offeneren und verspielteren Zugang Tristanos mehr Entwicklungspotential zutraut. So muss es ja aber auch sein im Wandel der Generationen&#8230; <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p><em><span class=\"txt-s-black\" style=\"font-size: x-small;\"> Francesco Tristano: bachCage, Werke von Johann Sebastian Bach (Partita Nr. 1 BWV 825, Vier Duette BWV 802-805, Menuett II aus der franz\u00f6sischen Suite Nr. 1 BWV 812), John Cage (In A Landscape, The Seasons, Etude australe Nr.VIII, Book I), Francesco Tristano (Introit, Interludes), Deutsche Grammophon\/Universal, Best.-Nr. 0289 476 417-35<br \/> Vladimir Ashkenazy: Bach, 6 Partitas. Doppel-CD Decca\/Universal, Best.-Nr. 478 2163<\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05.08.2011 &#8211;&#8211; Bach hat eine Reihe von Klaviermusik-Zyklen hinterlassen \u2013 wohltemperierte, kunststiftende, t\u00e4nzerische \u2013 und der heutige Umgang damit ist&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-148","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/148","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=148"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/148\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=148"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=148"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=148"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}