{"id":1480,"date":"2014-06-09T09:47:50","date_gmt":"2014-06-09T09:47:50","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/06\/09\/brittens-peter-grimes-in-der-berner-reitschule\/"},"modified":"2014-06-09T09:47:50","modified_gmt":"2014-06-09T09:47:50","slug":"brittens-peter-grimes-in-der-berner-reitschule","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/06\/09\/brittens-peter-grimes-in-der-berner-reitschule\/","title":{"rendered":"Brittens \u00abPeter Grimes\u00bb in der Berner Reitschule"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">09.06.2014 &#8212; Frau Despa haut auf die Pauke. Auch die andern Mitglieder des Berner Symphonieorchesters machen kakophonen Krach, w\u00e4hrend die G\u00e4ste eintreffen, als w\u00fcrden sie sich \u2012 jeder f\u00fcr sich \u2012 einspielen. Frau Despa, die Paukenistin des Orchesters, traktiert ihre Kessel aber so nachhaltig, dass mit der Zeit der Groschen f\u00e4llt: das hat System, das geh\u00f6rt zum Spiel, da wird Stimmung gemacht. Da werden die Nerven gepr\u00fcft. Da wird eingestimmt auf die d\u00fcstere Handlung dieser Dogville-Inszenierung der Britten-Oper \u00abPeter Grimes\u00bb. Anderes in der Reithalle des alternativen Berner Kultur- und Begegnungszentrums Reitschule, an dem in klotziger Zierschrift an der Wand noch die Bahnregeln klargemacht werden, ist weniger offensichtlich oder bloss zuf\u00e4llig Teil der Inszenierung.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">09.06.2014 &#8212; Frau Despa haut auf die Pauke. Auch die andern Mitglieder des Berner Symphonieorchesters machen kakophonen Krach, w\u00e4hrend die G\u00e4ste eintreffen, als w\u00fcrden sie sich \u2012 jeder f\u00fcr sich \u2012 einspielen. Frau Despa, die Paukenistin des Orchesters, traktiert ihre Kessel aber so nachhaltig, dass mit der Zeit der Groschen f\u00e4llt: das hat System, das geh\u00f6rt zum Spiel, da wird Stimmung gemacht. Da werden die Nerven gepr\u00fcft. Da wird eingestimmt auf die d\u00fcstere Handlung dieser Dogville-Inszenierung der Britten-Oper \u00abPeter Grimes\u00bb. Anderes in der Reithalle des alternativen Berner Kultur- und Begegnungszentrums Reitschule, an dem in klotziger Zierschrift an der Wand noch die Bahnregeln klargemacht werden, ist weniger offensichtlich oder bloss zuf\u00e4llig Teil der Inszenierung.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Hinter dem Orchester \u2012 es ruft nicht aus eines Grabens Tiefe das Publikum an, sondern l\u00e4sst erh\u00f6ht von der Kopfseite des Spielplatzes die Kl\u00e4nge wie eine an der K\u00fcste gebrochene Welle nach unten sch\u00e4umen \u2012 prangt ein opulentes \u00abAntifa\u00bb-Graffiti. Ein antifaschistisches Manifest. Wie passend. Zu Benjamin Brittens Oper \u00abPeter Grimes\u00bb. Oder doch nicht? Die Geschichte der Oper l\u00e4sst sich in keine einfache Deutung einpassen. Das Schicksal des ehrgeizigen Fischers, der zwei minderj\u00e4hrige Hilfskr\u00e4fte wegen Mangels an Mitgef\u00fchl und \u00dcberforderung verliert, erweist sich im Laufe des Geschehens komplexer, als es den Anschein haben k\u00f6nnte. Grimes ist auch einer, dem in einem religi\u00f6s aufgeladenem Ambiente der selbstgew\u00e4hlte Auftrag \u00fcber alles geht, und der sich enerviert \u00fcber seine lauwarmen und mutlosen Mitb\u00fcrger. Liesse sich da nicht auch eine Parabel \u00fcber Zust\u00e4nde und Personal in der Schweizer Politik hineinlesen? Aber eben: Einpassen l\u00e4sst sich das nicht wirklich. Brittens archaische Geschichte steht letzlich bloss f\u00fcr sich und beh\u00e4lt so immer ein Geheimnis. Ihre Eindringlichkeit und St\u00e4rke macht gerade auch das aus.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das Publikum sitzt auf provisorischen Trib\u00fcnen entlang der Langsseiten der Halle, die Mitte ist B\u00fchne, eingeteilt in angedeutete Spielorte wie Pfarrhaus, Wirtshaus, Wohnungen, Anwaltsb\u00fcro und Anlegestelle am Hafen. Szenerie und Akteure erinnern etwas an Marthaler\/Viehbrock-\u00c4sthetik. \u00dcberall verteilte Schwarzweiss-Monitore mit Blick auf den entspannt-souver\u00e4nen, exzellenten Dirigenten Kevin John Edusei und Schattenw\u00fcrfe an der Wand (einmal sehr eindringlich ein Arrangement aus herumfuchtelndem Orchesterb\u00e4ndiger und hochgestrecktem Kreuz) gemahnen an Fritz Langs \u00abMetropolis\u00bb oder Murnaus \u00abNosferatu\u00bb, was ja auch wieder zum Motiv passt. \u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Die Zuschauer werden in die Geschichte hineingezogen vom Chor, dessen Mitglieder sich zum Auftakt unter sie gemischt hat und die Zaung\u00e4ste so zu Mitspielern macht. Vordergr\u00fcndig werden die Operng\u00e4nger Zeugen einer banalen Dorfszene mit dem \u00fcblichen Personal aus relig\u00f6sen Eiferern, n\u00fcchterner Wirtin, koketten Halbw\u00fcchsigen, Selbstgerechten und einem Mob, der willig den Lautesten folgt, wie in D\u00fcrrenmatts \u00abBesuch der Alten Dame\u00bb. Im Grunde genommen geht es aber auch um Archaisches, um menschliche Hybris, um Tods\u00fcnden, um einen Blick hinunter in Dantes Vorh\u00f6lle der r\u00fcckgratlosen Seelen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Diese Verschr\u00e4nkung der Ebenen des Symbolischen und des Realistischen bietet f\u00fcr die Berner Inszenierung (Regie: Ludger Engels, B\u00fchne: Ric Schachtebeck, Kost\u00fcme: Britta Leonhardt) die gr\u00f6sste Herausforderung. Nicht immer gelingt das Gleichgewicht ideal. In der Wirtshausszene im ersten Akt ist die Szenerie stilisiert. Der Raum gleicht eher einem Wartsaal als einem Wirtshaus, die handfeste Handlung verliert ihren allt\u00e4glichen Spiel-Raum. In einigen Szenen, in denen mehrere Spielnischen gleichzeitig besetzt sind, chargieren alle durcheinander, der Fokus geht so etwas verloren. Im Grossen und Ganzen aber wird das Geschehen schn\u00f6rkellos und eindringlich erz\u00e4hlt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"> Daniel Frank ist s\u00e4ngerisch und schauspielerisch ein herausragender Grimes, die restlichen Hauptrollen \u2012 Fabienne Jost (Ellen), Ceri Williams (Auntie), Robin Adams (Balstrode), Claude Eichenberger (Mrs. Sedley), Pavel Shmulevich (Swallow), Robert Davies (Keene), Andries Cloete (Boles), Michael Feyfar (Reverent Adams), Kai Wegner (Hobson) \u2012 werden alle auf exzellentem Niveau gesungen (Kopfmikrophone helfen dabei). Das Orchester agiert souver\u00e4n und wird einzig von der nicht ganz unproblematischen, elektronisch etwas aufgepeppten Akustik der Halle behindert. Sie zeigt vor allem in Fortissimi von Chor- und Orchestertutti ihre Limiten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><strong>Info:<\/strong> Benjamin Britten: Peter Grimes, Produktion von Konzert Theater Bern, Grosse Halle Reitschule Bern, Premiere 8. Juni 2014. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">09.06.2014 &#8212; Frau Despa haut auf die Pauke. Auch die andern Mitglieder des Berner Symphonieorchesters machen kakophonen Krach, w\u00e4hrend die G\u00e4ste eintreffen, als w\u00fcrden sie sich \u2012 jeder f\u00fcr sich \u2012 einspielen. Frau Despa, die Paukenistin des Orchesters, traktiert ihre Kessel aber so nachhaltig, dass mit der Zeit der Groschen f\u00e4llt: das hat System, das geh\u00f6rt zum Spiel, da wird Stimmung gemacht. Da werden die Nerven gepr\u00fcft. Da wird eingestimmt auf die d\u00fcstere Handlung dieser Dogville-Inszenierung der Britten-Oper \u00abPeter Grimes\u00bb. 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