{"id":1575,"date":"2014-07-16T08:29:52","date_gmt":"2014-07-16T08:29:52","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/07\/16\/musik-und-emotion-i-der-grosse-graben\/"},"modified":"2014-07-16T08:29:52","modified_gmt":"2014-07-16T08:29:52","slug":"musik-und-emotion-i-der-grosse-graben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/07\/16\/musik-und-emotion-i-der-grosse-graben\/","title":{"rendered":"Musik und Emotion I: Der Grosse Graben"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>11.07.2014 &#8212; Die Musikpsychologie und \u2011therapieforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen Aufschwung genommen. Mehr und mehr zeichnet sich aber ab, dass f\u00fcr echte Fortschritte im Verst\u00e4ndnis der Zusammenh\u00e4nge von Musik, Emotionen und kognitiven Funktionen grundlegende Konzepte fehlen. Was sind Emotionen? Wie kann man die Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik im Hirn formal so beschreiben, dass sie experimenteller Forschung fruchtbar zug\u00e4nglich wird? Nicht zuletzt am zur Zeit laufenden Weltkongress\u00a0 der Musiktherapie im \u00f6sterreichischen Krems (mehr dar\u00fcber etwas sp\u00e4ter in einem Kongressbericht) wird der Ruf nach zeitgem\u00e4ssen Basistheorien der sozialen und wahrnehmungspsychologischen Musikerfahrung in verschiedensten Referaten laut. Der experimentelle Apparat f\u00fcr die Grundlagenforschung ist vorhanden, die neugierigen Forscherinnen und Forscher sind es ebenfalls, was den Experimentalpsychologen fehlt, sind Partner in der theoretischen Grundlagenarbeit.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>11.07.2014 &#8212; Die Musikpsychologie und \u2011therapieforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen Aufschwung genommen. Mehr und mehr zeichnet sich aber ab, dass f\u00fcr echte Fortschritte im Verst\u00e4ndnis der Zusammenh\u00e4nge von Musik, Emotionen und kognitiven Funktionen grundlegende Konzepte fehlen. Was sind Emotionen? Wie kann man die Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik im Hirn formal so beschreiben, dass sie experimenteller Forschung fruchtbar zug\u00e4nglich wird? Nicht zuletzt am zur Zeit laufenden Weltkongress\u00a0 der Musiktherapie im \u00f6sterreichischen Krems (mehr dar\u00fcber etwas sp\u00e4ter in einem Kongressbericht) wird der Ruf nach zeitgem\u00e4ssen Basistheorien der sozialen und wahrnehmungspsychologischen Musikerfahrung in verschiedensten Referaten laut. Der experimentelle Apparat f\u00fcr die Grundlagenforschung ist vorhanden, die neugierigen Forscherinnen und Forscher sind es ebenfalls, was den Experimentalpsychologen fehlt, sind Partner in der theoretischen Grundlagenarbeit.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Daf\u00fcr w\u00e4ren an den Universit\u00e4ten die Philosophen, Musikwissenschaftler, Linguisten, Musiktheoretiker und Emotionsforscher zust\u00e4ndig. Allerdings finden sich zu deren Arbeiten und Konzepten f\u00fcr die Musiktherapeuten keine Andockstellen. Das hat einerseits mit der Abneigung in den (deutschsprachigen) Geisteswissenschaften gegen\u00fcber empirischer Forschung zu tun (die noch aus der Bl\u00fcte der Kritischen Theorie stammt), andererseits mit Konzeptionen der Emotionalit\u00e4t, die am besten als altaristokratisch bezeichnet werden k\u00f6nnen: Der Emotionsbegriff der Geisteswissenschaften ist Planeten entfernt von dem, was im Alltag als Emotionen verstanden wird und womit Psychologen und Musiktherapeuten arbeiten.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>In der Musikphilosophie und Literaturwissenschaft sind Emotionen eine hochgradig wertbefrachtete und anspruchs\u00fcberladene Sache: Es gibt in ihrer Lesart die edlen Gef\u00fchle, die mittels Bildung geformt werden m\u00fcssen, und es gibt die billigen Gef\u00fchle der Unterschichten, die plump, roh und ordin\u00e4r sind.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Es gibt in der Musikwissenschaft auf der andern Seite kaum ein vageres Konzept als dasjenige der Expressivit\u00e4t. Die aus h\u00f6fischer Tradition stammende Unsitte, das h\u00f6chste der Gef\u00fchle in der elit\u00e4ren Geschmacksverfeinerung zu suchen, f\u00fchrt zu eklatanten Widerspr\u00fcchen, vor allem zwischen dem Anspruch, mit der humanistischen Bildung eine allgemeine, moralisch gute Lebenshaltung anzubieten und dem exklusiven, letztlich bloss einem ganz kleinen Kreis von Spezialisten zug\u00e4nglichen Anspruch, Musik \u00abrichtig\u00bb zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ein erster Schritt weg davon w\u00e4re es, wenn Musikwissenschaftler und \u2011philosophen die exponentiell wachsenden emprischen Daten der Neuromusikologen, Musikpsychologen und Musiktherapeuten zur Kenntnis nehmen w\u00fcrden und versuchen w\u00fcrden, empirisch fruchtbare theoretische Basismodelle zu Ihrer Erkl\u00e4rung zu entwickeln. Dies k\u00f6nnte auch f\u00fcr die stark angestaubten Geisteswissenschaften zu einem Vitalit\u00e4tsschub f\u00fchren.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>11.07.2014 &#8212; Die Musikpsychologie und \u2011therapieforschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten einen enormen Aufschwung genommen. Mehr und mehr zeichnet sich aber ab, dass f\u00fcr echte Fortschritte im Verst\u00e4ndnis der Zusammenh\u00e4nge von Musik, Emotionen und kognitiven Funktionen grundlegende Konzepte fehlen. Was sind Emotionen? Wie kann man die Wahrnehmung und Verarbeitung von Musik im Hirn formal so beschreiben, dass sie experimenteller Forschung fruchtbar zug\u00e4nglich wird? Nicht zuletzt am zur Zeit laufenden Weltkongress\u00a0 der Musiktherapie im \u00f6sterreichischen Krems (mehr dar\u00fcber etwas sp\u00e4ter in einem Kongressbericht) wird der Ruf nach zeitgem\u00e4ssen Basistheorien der sozialen und wahrnehmungspsychologischen Musikerfahrung in verschiedensten Referaten laut. 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