{"id":161,"date":"2014-01-09T15:52:00","date_gmt":"2014-01-09T15:52:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/mahlers-wunderhorn-in-neuaufnahmen\/"},"modified":"2014-01-09T15:52:00","modified_gmt":"2014-01-09T15:52:00","slug":"mahlers-wunderhorn-in-neuaufnahmen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/mahlers-wunderhorn-in-neuaufnahmen\/","title":{"rendered":"Mahlers \u00abWunderhorn\u00bb in Neuaufnahmen"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><em>28.01.2011 &#8212;<\/em> Das beginnt (im \u00abRheinlegendchen\u00bb) mit einem schon fast provokativ \u00fcbergen\u00fcsslichen Portamento in der Violine: Der mahlersche Wiener Ton aus Schwelgen, Ironisieren, subtiler Theatralik und Verfall, der da beschw\u00f6rt wird, durchzieht aber auch den Rest der Einspielung der Lieder aus \u00abDes Knaben Wunderhorn\u00bb, die der Bariton Thomas Hampson und die Wiener Virtuosen hier vorlegen. Die kammermusikalische Variante des Liederzyklus ist eines der selten gewordenen Ereignisse in der zeitgen\u00f6ssischen Flut von CD-Produktionen: Eine Aufnahme die packt, \u00fcberzeugt, Massst\u00e4be setzt und den Eindruck hinterl\u00e4sst, neben den unz\u00e4hligen Adabeis in Polycarbonat ziehe man nach dem Anh\u00f6ren f\u00fcr einmal wieder etwas aus dem CD-Player, das zum Kanon der unverzichtbaren Neuerscheinungen geh\u00f6rt.<\/p>\n<p> Da wird etwas gesagt, was aufhorchen und staunen l\u00e4sst. Der \u00fcberaus differenziert notierte Tonsatz Mahlers wird transparent, mit Spiellust und Tiefgang ausgedeutet und in perfektem Deutsch teils frech, teils verschmitzt, teils schmachtend deklamiert.<\/p>\n<p> Die Reihenfolge der Lieder entspricht (bewusst oder unbewusst?) einem Vorschlag, den der Berliner Musikwissenschaftler Mathias Hansen gemacht hat: auf Nummern mit volkst\u00fcmlich-t\u00e4nzerischem Charakter (\u00abRheinlegendchen\u00bb, \u00abTrost im Ungl\u00fcck\u00bb) folgen die Predigten (\u00abLob des hohen Verstandes\u00bb, \u00abDes Antonio von Padua Fischpredigt\u00bb) und schliesslich die Soldatenlieder. Abgeschlossen wird der Zyklus hier vom irdischen und himmlischen Leben und dem Urlicht. <\/p>\n<p> Die solistische Streicherbesetzung verschiebt das Gewicht auf die Bl\u00e4ser und die Perkussion und unterstreicht den bizarren, sp\u00f6ttischen und herben Grundklang in transpranter, scharf konturierter Feinzeichnung. Als ob es f\u00fcr den durch und durch \u00fcberzeugenden H\u00f6reindruck einer Legitimerung bed\u00fcrfte, rechtfertigt Hampson die reduzierte Besetzung im Booklet mit Aussagen Mahlers, der in einem Brief an Richard Strauss 1905 selber darauf hingewiesen habe, dass die Lieder eigentlich \u00abKammermusik\u00bb seien und er sie selber in Wien deshalb in einem kleinen und nicht einem grossen Saal zur Auff\u00fchrung gebracht habe. <\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2011\/110128boulez.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Gerade den andern Akzent setzen Boulez und das Cleveland Orchestra in einer Aufnahme mit Magdalena Ko\u017een\u00e1 und Christian Gerhaher als Solisten. Da legt ein schwerer Streicherklang den Boden, alles wirkt fl\u00e4chiger, pauschaler. Gerhaher \u2013 wie die Mezzosopranistin mit vorbildlicher Diktion \u2013 wirkt im direkten Vergleich harmloser und blasser als Hampson. Ko\u017een\u00e1 r\u00fcckt Mahler stellenweise in L\u00e9har-N\u00e4he, das Aufteilen der Gesangspartie auf zwei Stimmen macht die Interpretation anonymer und damit weniger intim als der eindringliche Erz\u00e4hlton Hampsons. <\/p>\n<p> Gef\u00fchlt sind die Tempi der Boulez-Aufnahme deutlich z\u00fcgiger als diejenigen der Wiener Virtuosen. Der Vergleich der Zeiten in den Booklets best\u00e4tigt den Eindruck, dass das amerikanische Orchester unter dem franz\u00f6sischen Dirigenten eher vordergr\u00fcndig durch die Partitur eilt und Hampson mit dem Kammerensemble die Feinheiten ausspielt, ohne dass der Eindruck entst\u00fcnde, es werde verschleppt.<\/p>\n<p> F\u00fcr den \u00abTamboursg\u2019sell\u00bb brauchen die Amerikaner 4 Minuten 56 Sekunden, die Wiener exakt 2 Minuten (!) mehr, bei den Clevelandern predigt Antonio 3 Minuten und 35 Sekunden zu den Fischen, bei den Wienern braucht er dazu 4 Minuten und 13 Sekunden. In sehr wenigen F\u00e4llen sind die Amerikaner ein Tick schneller. <\/p>\n<p> Da hat es denn auf der CD mit Boulez auch noch Platz f\u00fcr das Adagio aus der unvollendeten zehnten Sinfonie Mahlers. Das Anh\u00e4ngsel wirkt genauso: wuchtig und wenig durchgeformt, aber kaum als \u00abRes\u00fcmee all dessen, was Mahler zuvor komponiert hat\u00bb, wie Boulez im Booklet behauptet. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\"><em><span style=\"font-size: x-small;\">Mahler: Des Knaben Wunderhorn, Thomas Hampson (Bariton), Wiener Virtuosen, Deutsche Grammophon\/Universal, Best.-Nr.477 9289. <\/span><\/em><br \/><em><span style=\"font-size: x-small;\"> Gustav Mahler: Des Knaben Wunderhorn, Symphonie No. 10: Adagio, Magdalena Ko\u017een\u00e1 (Mezzosopran), Christian Gerhaher (Bariton), The Cleveland Orchestra, Pierre Boulez (Leitung), Deutsche Grammophon\/Universal, Best.-Nr. 4777 9069<\/span><\/em><br \/><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>28.01.2011 &#8212; Das beginnt (im \u00abRheinlegendchen\u00bb) mit einem schon fast provokativ \u00fcbergen\u00fcsslichen Portamento in der Violine: Der mahlersche Wiener Ton&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-161","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/161","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=161"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/161\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=161"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=161"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=161"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}