{"id":171,"date":"2014-01-09T17:33:31","date_gmt":"2014-01-09T17:33:31","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/julia-fischer-kapriziert-sich-auf-paganini\/"},"modified":"2014-01-09T17:33:31","modified_gmt":"2014-01-09T17:33:31","slug":"julia-fischer-kapriziert-sich-auf-paganini","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/julia-fischer-kapriziert-sich-auf-paganini\/","title":{"rendered":"Julia Fischer kapriziert sich auf Paganini"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2010\/100909fischer.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/> <em>10.09.2010 &#8212;<\/em> In der Carl-Flesch-Ausgabe von Niccol\u00f2 Paganinis 24 Capricen f\u00fcr Solovioline gibt\u2019s eine Stelle, wo als Fingersatz zwei \u00fcbereinanderstehende Nullen stehen. In einer Fussnote wird erkl\u00e4rt, die angegebene Oktave m\u00fcsse an dieser Stelle auf der Saite gar nicht gegriffen werden, \u00abda in dem schnellen Tempo die leere Saite eine Oktave h\u00f6her klingt\u00bb. Von diesem Kaliber sind die exorbitant schweren Charakterst\u00fccklein: Da wird der Klang nicht bloss in seine Einzelteile zerlegt; die fingerbrecherischen Kapriolen setzen sogar die Physik der Saiten ausser Kraft \u2013 Paganini hat mit seinem op.1 gleich so etwas wie die Quantentheorie des Geigenspielens entworfen. <\/p>\n<p> Da kann ein Geiger effektvoll mit dem Bogen rumfuchteln und seine Finger wegen \u00dcbernutzung der Gefahr fr\u00fcher Arthrose aussetzen. Das alleine macht\u2019s aber noch lange nicht aus. Die Musik t\u00f6nt mit ihren Klangfl\u00e4chen, Texturen und Mikroverzierungen dar\u00fcberhinaus verbl\u00fcffend modern. Sie dr\u00e4ngte sich f\u00fcr eine zeitgen\u00f6ssische Orchestrierungs-Studie deshalb geradezu auf. <\/p>\n<p> Man fragt sich, weshalb noch keiner draufgekommen ist. So wie Sch\u00f6nberg und Webern Bach-Werke instrumentierend zerlegt haben, m\u00fcsste ein Komponist des 21. Jahrhunderts diese Kleinode Paganinis neu ausleuchten k\u00f6nnen, vielleicht in der Art von Hans Zenders \u00abkomponierter Interpretation\u00bb, in der alle die Nebenger\u00e4usche von Bogen und Fingern auf dem Griffbrett der Violine gleich mitvertont w\u00fcrden.<\/p>\n<p> Vor kurzem hat Thomas Zehetmair die Paganini-Capricen f\u00fcr das M\u00fcnchner Edellabel ECM eingespielt. Ist es Zufall, dass diese Art der intelligenten Virtuosit\u00e4t rund um die bayerische Landeshauptstadt Anziehungskraft entwickelt? Der Lebensmittelpunkt von Zehetmairs Kollegin Julia Fischer, die es ihm nachtut, ist ja der nahegelegene Starnberger See. Zehetmair spielt die Capricen allerdings impulsiver und pers\u00f6nlicher als Fischer, die selbst in einem \u00abAmoroso\u00bb oder \u00abPosato\u00bb nie das beherrschte Mass verliert und ins Schwelgerische abgleitet und sich auch keine Nachl\u00e4ssigkeiten in Strich und Tongebung erlaubt.<\/p>\n<p> Interessanterweise faszinieren an ihrem Spiel aber im Grunde genommen nicht die wilden Noten-Kaskaden, sondern die ruhenden T\u00f6ne, die im Tonsatz immer wieder eingestreut sind und in den Oktav-Verdoppelungs-Studien besonders eindringlich wirken. Da entfaltet die Geigerin eine unglaubliche F\u00fclle und Fantasie an Mikrovariationen und -durchformungen, die sie als grosse Meisterin ihres Faches ausweisen.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2010\/100909fischerDVD.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Der Perfektionismus ihres Spiels kommt nicht von ungef\u00e4hr; er ist ja nicht einmal bloss auf die Geige beschr\u00e4nkt. Dass sie auch als Pianistin Furore gemacht h\u00e4tte, zeigt die DVD mit einem Video-Mitschnitt eines Neujahrskonzertes, dass sie mit der brillant aufspielenden Jungen Deutschen Philharmonie unter der Leitung von Matthias Pintscher 2008 in der Alten Oper Frankfurt gegeben hat. Da spielt sie (auf der Geige) zum einen Saint-Sa\u00ebns drittes Violinkonzert und (auf dem Fl\u00fcgel) zum andern Griegs nicht minder virtuoses a-Moll-Klavierkonzert. <\/p>\n<p> Auf der DVD findet sich auch eine sehenswerte, rund 50-min\u00fctige Dokumentation, die etwas von der Pers\u00f6nlichkeit Julia Fischers sp\u00fcren l\u00e4sst. Sie wirkt da fast etwas wie ein Gegenst\u00fcck zur japanisch-amerikanischen Kollegin Midori, die ihre Karriere ebenfalls bereits im Kindesalter begonnen hat und wie die Deutsche zeitlebens den unz\u00e4hmbaren Willen zu einer beinahe \u00fcbermenschlichen Vollendung ihrer Kunst gezeigt hat. <\/p>\n<p> Anders als die zierliche Japanerin, die am eigenen Anspruch fast zerbrochen ist und sich jahrelang in typisch weiblich-pathologische Formen der Selbstzerst\u00f6rung gefl\u00fcchtet hat, scheint Julia Fischer aber bajuwarisch-geerdet. Die leichte Melancholie, welche die \u00e4ltere asiatische Kollegin auch heute noch umweht, ist ihr v\u00f6llig fremd.<\/p>\n<p> Die Dokumentation l\u00e4sst ahnen, in welche Richtung sich Julia Fischer weiterentwickeln k\u00f6nnte. Sie zeigt sie unter anderem beim Unterrichten, wo sie sich als resolute P\u00e4dagogin mit einem leichten Anflug zur Ungeduld outet \u2013 die Art Respektsperson in der Musikausbildung, die sich \u2013 je \u00e4lter sie wird \u2013 mit ihrer fordernden und scheinbar unerreichbaren Autorit\u00e4t mehr und mehr zum Trauma des Nachwuchses auswachsen kann. <\/p>\n<p> Dabei \u00e4ussert sie auch originelle und \u00fcberraschende Einsichten in die kindliche Seele. Kinder, die musikalisch seien, merkt sie da an, h\u00e4tten die Tendenz, immer schneller zu werden, weil sie gar nicht anders k\u00f6nnten, als sich in die Musik reinzusteigern \u2013 tr\u00f6stlich f\u00fcr alle oft gescholtenen Zappel-Philippe und Pippi Langstrumpfs ist das alleweil. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Julia Fischer: Paganini, 24 Caprices. 1 CD, Decca\/Universal, Best.-Nr. 478 2274.<br \/> Julia Fischer: Violin &amp; Piano, Saint-Sa\u00ebns: 3.Violinkonzert, Grieg Klavierkonzert a-Moll, Junge Deutsche Philharmonie, Matthias Pintscher (Leitung), Interview mit Julia Fischer, 1 DVD, Decca\/Universal, Best.-Nr. 074 3344.<\/span><\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.09.2010 &#8212; In der Carl-Flesch-Ausgabe von Niccol\u00f2 Paganinis 24 Capricen f\u00fcr Solovioline gibt\u2019s eine Stelle, wo als Fingersatz zwei \u00fcbereinanderstehende&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-171","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/171","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=171"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/171\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=171"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=171"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=171"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}