{"id":1713,"date":"2014-09-12T12:16:29","date_gmt":"2014-09-12T12:16:29","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/09\/12\/tueftler-und-experimentatoren-der-volkmusik\/"},"modified":"2014-09-12T12:16:29","modified_gmt":"2014-09-12T12:16:29","slug":"tueftler-und-experimentatoren-der-volkmusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/09\/12\/tueftler-und-experimentatoren-der-volkmusik\/","title":{"rendered":"T\u00fcftler und Experimentatoren der Volkmusik"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/140909stubete_titel.jpg\" border=\"0\" width=\"170\" height=\"119\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>12.09.2014 &#8212; Zum vierten Mal nach 2008, 2010 und 2012 ist in und um die Z\u00fcrcher Tonhalle die \u00abStubete am See\u00bb durchgef\u00fchrt worden. Das Treffen der Repr\u00e4sentanten der Neuen Schweizer Volksmusik legt einen Schwerpunkt auf die Instrumentalmusik und die Verbindungen zur klassischen Musik und bietet Raum f\u00fcr allerlei anregende Experimente. Der Anlass versteht sich explizit als Br\u00fcckenschlag zwischen Schweizer Volksmusik und europ\u00e4ischer Kunstmusik. Er stellt dazu unter anderem ein \u00abL\u00e4ndlerorchester\u00bb, f\u00fcr den er jeweils einen Kompositionsauftrag vergibt.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/140909stubete_titel.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" \/><br \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: x-small;\">Das L\u00e4ndlerquartett Wasch\u00e4cht spielt auf dem Bausch\u00e4nzli zum Tanz auf (Bilder: Codex flores)<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>12.09.2014 &#8212; Zum vierten Mal nach 2008, 2010 und 2012 ist in und um die Z\u00fcrcher Tonhalle die \u00abStubete am See\u00bb durchgef\u00fchrt worden. Das Treffen der Repr\u00e4sentanten der Neuen Schweizer Volksmusik legt einen Schwerpunkt auf die Instrumentalmusik und die Verbindungen zur klassischen Musik und bietet Raum f\u00fcr allerlei anregende Experimente.<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Volksmusik ist per se Musik von, mit und aus dem Volk und zieht ihre Kraft aus der anarchischen, urchigen Kraft authentischer, unverschulter Kreativit\u00e4t l\u00e4ndlicher Musikanten \u2012 denkt man sich. Die Wirklichkeit ist komplizierter. Volksmusikstile sind in der Regel ein komplexes Produkt aus zweckgebundenem Musizieren an Volksfesten, religi\u00f6sen Traditionen und intellektueller Reflektion auch urbaner Komponisten und Virtuosen. Daraus entstanden sind so hochkar\u00e4tige Kulturen wie amerikanischer Blues, j\u00fcdischer Klezmer, argentinischer Tango, portugiesischer Fado, andalusischer Flamenco, franz\u00f6sische Musette, die Wiener Schrammelmusik oder die Blasmusik in Bayern und auf dem Balkan.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Z\u00fcrcher Stubete am See versteht sich explizit als Br\u00fcckenschlag zwischen Schweizer Volksmusik und europ\u00e4ischer Kunstmusik. Sie stellt ein \u00abL\u00e4ndlerorchester\u00bb, f\u00fcr den sie jeweils einen Kompositionsauftrag vergibt. Heuer ging er an den Wiener Kontrabassisten Tommaso Huber. Das durchaus gelungene Resultat f\u00fcr jeweils solistisch besetzte Streichergruppe, Bl\u00e4ser \u2012 Ventilposaune, Trompete und Klarinette \u2012, Schlagwerk und Harfe, waren \u00abAlpine Metamorphosen\u00bb, aus denen man alpenl\u00e4ndische Urkl\u00e4nge genauso herauszuh\u00f6ren glaubte wie Ankl\u00e4nge an die Musik Strawinskys oder Schostakowitschs.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>An der Stubete gab es aber auch Ank\u00fcpfungen an historische Musizierpraktiken in der Schweizer Volksmusik, bis zur\u00fcck ins 16. Jahrhundert (mit der Gruppe Radix), Bl\u00e4serformationen, wie sie im 19. Jahrhundert gang und g\u00e4be waren (Sch\u00e4nner Blech-F\u00fcfermusig und Niinermusig Reloaded), und alten Geigent\u00e4nzen (Giiger Berchtolds Seefi\u2019s Strichquartett), Musik aus den Regionen, aus dem Welschland, der r\u00e4toromanischen und italienischen Schweiz und viel Experimentelles, die Liste ist unvollst\u00e4ndig.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/140909stubete_2.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" \/><br \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: x-small;\">Das Trio Interfolk im Kleinen Tonhalle-Saal<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Auf konzeptionell eher umkompliziertem Terrain befindet sich die Neue-Volksmusik-Bewegung, wenn es um die \u00fcberaus verdienstvolle Arbeit am historischen Ged\u00e4chtnis und der Adaption geschichtlicher Quellen f\u00fcr heutige Ohren geht. Da leistet sie Wertvolles, und auch f\u00fcr die\u00a0 Netzwerkarbeit \u00fcber die Regionen und Gattungsgemeinschaften hinaus m\u00fcsste man eine derartige Plattform erfinden, g\u00e4be es sie nicht bereits. Die grosse \u00e4sthetische Herausforderung hat die Tonhalle-Stubete hingegen in ihrem Kernland, wenn man so will, in den gegenseitigen Befruchtungen der virtuosen und kompositorisch raffinierten europ\u00e4ischen Kunstmusik und der geerdeten Ausdruckskraft der Volksmusikanten. Aus vergleichbaren Schmelztiegeln sind andernorts \u2012 wir haben sie erw\u00e4hnt \u2012 regional hochklassige Stile entstanden, die alle hohe Emotionalit\u00e4t und eine Art elegischer Erotik mit immer wieder durchscheinenden Reflexen auf allt\u00e4gliche Entt\u00e4uschungen und Gewalterfahrungen Unterprivilegierter charakterisiert.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Schweizer Folklore ist \u2012 sicherlich als Folge der jahrhundertelangen relativen Unversehrtheit des Landes \u2012 aus auffallend anderem Holz geschnitzt: Die vielschichtig-unterschwellige Sinnlichkeit des Tango, Klezmer oder Fado geht ihr ab, der weite Atem des Klageliedes ebenso, sie ruht in sich selber, wirkt unpers\u00f6nlich, aber energetisch und gelassen zugleich. Formal ist sie kleingliedrig, mit wenigtaktigen, t\u00e4nzerischen und melodisch geschlossenen Phrasen, in denen ab und zu eine Art skurril-verspielter Humor aufscheint. Es ist die Musik eines selbstgen\u00fcgsamen, gl\u00fccklichen, von grossen existentiellen Katastrophen verschonten Volkes mit gesundem Misstrauen gegen\u00fcber allen Formen von Grossartigkeit.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Daraus eine Kunstform zu schmieden, die virtuos-raffiniert, authentisch und universal ist, aber zugleich auch das urchige, authentische Musizieren in der Volksmusikszene zu befruchten vermag, das d\u00fcrfte die sich nat\u00fcrlich ergebende Aufgabe f\u00fcr eine solche urbane Konzerthalle-Stubete sein.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/140909stubete_3.jpg\" border=\"0\" alt=\"\" \/><br \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: x-small;\">R\u00e4mschf\u00e4dra mit \u00abgrimmix\u00bb im Vestib\u00fcl der Tonhalle<\/span><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<\/p>\n<p>In der Welschschweiz gelingt einem Jazzmusiker wie Thierry Lang mit seinen Meditationen zum Ranz des Vaches, dem Blues der Alpen, derartiges bereits auf \u00fcberzeugende Weise, wenn auch eher in einem minimalistischen Stil. Aber auch in Z\u00fcrich zeigten sich vielversprechende Ans\u00e4tze, etwa im Selbstverst\u00e4ndnis des jungen Frauentrios Interfolk, das Neue Schweizer Volksmusik mit Tango Nuevo und Pariser Hot-Club- und Musette-Kl\u00e4ngen fusioniert. Ihre Arrangements etwa eines Piazzolla-Klassikers aus den Estaciones Porte\u00f1as zeigen, wie schwierig es ist, den weiten Atem dieser Musik in die wohlgeordnete Kleinr\u00e4umigkeit des Schweizer Schottisch- und Polka-Universums einzupassen. Die witzige Zugabe, die sie auf Fl\u00f6ten und Klein\u00f6rgeli boten, war dann aber auch, als h\u00e4tte sie der brasilianische Tausendsassa Hermeto Pascoal erfunden. In der Formation steckt viel Potential, wie auch im Perspektivewechsel auf den Berner Mundartrock, der sp\u00e4testens seit Span und Polo Hofer den stilistischen Horizont ge\u00f6ffnet hat, und mit Tinu Heiniger, der an der Stubete auf Appenzeller Hackbrett und Innerschweizer Schwyzer\u00f6rgeli traf, zum Emmentaler Blues mutiert ist.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Neben zahlreichen weiteren Premieren verbl\u00fcffte am Abschlusstag der Stubete das Ensemble R\u00e4mschf\u00e4dra mit \u00abgrimmix\u00bb, einem selbstgetrickten, humorvollen Stummfilm einer Schweizerreise in Chaplin- und M\u00e4rchenmanier, zu dem es die gut gemachte Musik live lieferte und dazu sogar ein Theremin integrierte. Ein Beispiel mehr f\u00fcr die gelungene Art, in der die Bewegung der Neuen Schweizer Volksmusik die Volkmusikszene \u00f6ffnet und vitalisiert. Dass sogar an einem Eidgen\u00f6ssischen Jodlerfest dieses Jahr erstmals Raum f\u00fcr freie Vortr\u00e4ge \u00abeine Plattform f\u00fcr spezielle oder gar experimentelle Darbietungen\u00bb geschaffen wurde, d\u00fcrfte eine direkte oder indirekte Folge solcher Bestrebungen sein. In der Neuen Schweizer Volksmusik steckt noch viel Potential, und der Eindruck, dass sie bei den Initianten der Stubete am See in sehr guten H\u00e4nden ist, hat sich auch dieses Jahr best\u00e4tigt. (wb)<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Info:<br \/> <\/strong>Stubete am See, 5. bis 7. September 2014, Tonhalle und Bausch\u00e4nzli Z\u00fcrich (vom Rezensenten besuchter Tag: 7. September). <a href=\"http:\/\/www.stubeteamsee.ch\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.stubeteamsee.ch<\/a><strong><br \/><\/strong><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/140909stubete_titel.jpg\" border=\"0\" width=\"170\" height=\"119\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>12.09.2014 &#8212; Zum vierten Mal nach 2008, 2010 und 2012 ist in und um die Z\u00fcrcher Tonhalle die \u00abStubete am See\u00bb durchgef\u00fchrt worden. Das Treffen der Repr\u00e4sentanten der Neuen Schweizer Volksmusik legt einen Schwerpunkt auf die Instrumentalmusik und die Verbindungen zur klassischen Musik und bietet Raum f\u00fcr allerlei anregende Experimente. Der Anlass versteht sich explizit als Br\u00fcckenschlag zwischen Schweizer Volksmusik und europ\u00e4ischer Kunstmusik. 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