{"id":1734,"date":"2014-09-20T07:31:00","date_gmt":"2014-09-20T07:31:00","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/09\/20\/ein-nationaler-musikpreis-und-die-irrtuemer-der-kulturpolitik\/"},"modified":"2014-09-20T07:31:00","modified_gmt":"2014-09-20T07:31:00","slug":"ein-nationaler-musikpreis-und-die-irrtuemer-der-kulturpolitik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/09\/20\/ein-nationaler-musikpreis-und-die-irrtuemer-der-kulturpolitik\/","title":{"rendered":"Ein nationaler Musikpreis und die Irrt\u00fcmer der Kulturpolitik"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>20.09.2014 &#8212; Erstmals ist in der Schweiz auf Bundesebene ein Musikpreis verliehen worden. Er heisst \u00abGrand Prix Musik\u00bb, was doppelt ungl\u00fccklich ist, weil sich zum einen das Sprachgef\u00fchl gegen die Verschwurbelung von Deutsch und Franz\u00f6sisch str\u00e4ubt (wieso nicht gleich \u00abGrand Premio Musik\u00bb?) und sich unweigerlich die Assoziation zur Formel 1 und <\/span><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"> (zumindest in der Deutschschweiz) <\/span><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">dem Grand Prix der Volksmusik ergibt. F\u00fcr den Entscheid steht eine Jury, in der neben sprachminderheitlichen Quotenmitgliedern die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen Einsitz gefunden haben: Graziella Contratto, Carine Zuber und Thomas Burkhalter geh\u00f6ren zum Inventar der Bundeskulturpolitik-Fachexperten und kennen sich aus dem fr\u00fcheren Pro-Helvetia-Stiftungsrat, stehen also nicht per se f\u00fcr vorw\u00e4rtsgerichtete Strategien. Und Graziella Contrattos Versicherung in der offizi\u00f6sen \u00abErkl\u00e4rung zu den Nominationen\u00bb, dass die von der Jury nun nominierten Musiker und Musikerinnen \u00abausnahmslos mit dem Begriff der Innovation in Verbindung gebracht werden konnten\u00bb weist auf die \u00fcbliche, mittlerweile selber der Innovation entbehrenden und zur Leerformel mutierten Begr\u00fcndung offizeller F\u00f6rderpolitik hin.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>20.09.2014 &#8212; Erstmals ist in der Schweiz auf Bundesebene ein Musikpreis verliehen worden. Er heisst \u00abGrand Prix Musik\u00bb, was doppelt ungl\u00fccklich ist, weil sich zum einen das Sprachgef\u00fchl gegen die Verschwurbelung von Deutsch und Franz\u00f6sisch str\u00e4ubt (wieso nicht gleich \u00abGrand Premio Musik\u00bb?) und sich unweigerlich die Assoziation zur Formel 1 und <\/span><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"> (zumindest in der Deutschschweiz) <\/span><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">dem Grand Prix der Volksmusik ergibt. F\u00fcr den Entscheid steht eine Jury, in der neben sprachminderheitlichen Quotenmitgliedern die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen Einsitz gefunden haben: Graziella Contratto, Carine Zuber und Thomas Burkhalter geh\u00f6ren zum Inventar der Bundeskulturpolitik-Fachexperten und kennen sich aus dem fr\u00fcheren Pro-Helvetia-Stiftungsrat, stehen also nicht per se f\u00fcr vorw\u00e4rtsgerichtete Strategien. Und Graziella Contrattos Versicherung in der offizi\u00f6sen \u00abErkl\u00e4rung zu den Nominationen\u00bb, dass die von der Jury nun nominierten Musiker und Musikerinnen \u00abausnahmslos mit dem Begriff der Innovation in Verbindung gebracht werden konnten\u00bb weist auf die \u00fcbliche, mittlerweile selber der Innovation entbehrenden und zur Leerformel mutierten Begr\u00fcndung offizeller F\u00f6rderpolitik hin.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Den ersten Grand Prix der Musik hat die Jury im Namen des Bundesamtes f\u00fcr Kultur (BAK) einem Musiker zugesprochen, der nicht vielen in der Schweiz etwas sagen d\u00fcrfte, und der nicht zu den Grauen Eminenzen der tradierten Hochkultur geh\u00f6rt (er heisst Franz Treichler und ist Gr\u00fcnder der Gruppe Young Gods). Damit ist ein Pflock eingeschlagen: Der Schweizer Nationalpreis soll offenbar nicht an eine in die Jahre gekommene Instanz mit internationaler Ausstrahlung gehen (dann w\u00e4re die Medaille wohl einer Pers\u00f6nlichkeit wie Heinz Holliger, Charles Dutoit oder Dieter Meier umgeh\u00e4ngt worden), sondern es sollen Kanten und Eigenst\u00e4ndigkeit in der Jurierung markiert werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Ist der Entscheid gerecht? Nein, nat\u00fcrlich nicht. Ist das ein Problem? Nein, nat\u00fcrlich nicht, im Gegenteil. \u00d6ffentliche Kulturf\u00f6rderung kann aus Systemgr\u00fcnden nicht in Kategorien der Gerechtigkeit gemessen werden. Vielleicht l\u00e4sst sich in zweihundert Jahren im R\u00fcckblick beurteilen, ob ein solcher Entscheid <em>weise<\/em> war oder nicht. Mehr liegt da nicht drin. Sowohl die Zusammensetzung der Jury als auch der Entscheid sind in Ordnung, weil die Verleihung eines Preises den gr\u00f6ssten Mangel anderer F\u00f6rdermassnahmen \u2012 Stipendien, F\u00f6rderbeitr\u00e4ge etc. \u2012 ausschliesst: das Dem\u00fctigungsritual einer Bewerbung von Kandidaten und Kandiatinnen und eine Beurteilung oft erstklassiger K\u00fcnstler durch zumeist zweitklassige Kommissionsmitglieder. In Sachen nationaler Grand Prix Musik scheinen alle wichtigen Aspekte in Ordnung: die (eher verwaltungs\u00fcblich fantasielose) Zusammensetzung der Jury ist transparent, der Mut zum eigenst\u00e4ndigen Entscheid ist sp\u00fcrbar, der Preis wird auch f\u00fcr die andern Nominierten genutzt, um \u00d6ffentlichkeit f\u00fcr ihr Wirken zu schaffen. Ein Wermutstopfen ist h\u00f6chstens in letzterem: Musikerinnen und Musiker mit einer Nomination ausstellen, und sie letztlich sozusagen mit der Tatsache bewerben, dass sie einen Preis <em>nicht<\/em> erhalten, ist im Prinzip auch nicht gerade die feine Art.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Der Nationale Musikpreis findet sich auf der Plus-Seite der sich neu formierenden nationalen Kulturpolitik. Auf der Minus-Seite findet sich die \u00dcberfrachtung der Kulturpolitik in der Kulturbotschaft 2016-19 mit Begehrlichkeiten aus der Gesellschafts- und Sozialpolitik. \u00a0\u00c4hnlich wie sich Innovation nicht befehlen l\u00e4sst, sondern sich zeigt (und sich nach \u00dcberzeugung der Jury im Falle des Preistr\u00e4gers offenbar gezeigt hat), lassen sich Partizipation und Integration nicht befehlen. Auch sie w\u00fcrden sich nat\u00fcrlicherweise zeigen, wenn eine autonome Kulturpolitik autonome Wirkung entfalten k\u00f6nnte. Kulturpolitiker und -politikerinnen sollten sich \u00e4hnlich wie die Jury des Musikpreises f\u00fcr Eigenst\u00e4ndigkeit ihrer Arbeit einsetzen und sich dagegen wehren, dass ihnen sachfremde Verantwortungen \u00fcbertragen werden. Das w\u00e4re dann mal innovativ zu nennen.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>20.09.2014 &#8212; Erstmals ist in der Schweiz auf Bundesebene ein Musikpreis verliehen worden. Er heisst \u00abGrand Prix Musik\u00bb, was doppelt ungl\u00fccklich ist, weil sich zum einen das Sprachgef\u00fchl gegen die Verschwurbelung von Deutsch und Franz\u00f6sisch str\u00e4ubt (wieso nicht gleich \u00abGrand Premio Musik\u00bb?) und sich unweigerlich die Assoziation zur Formel 1 und <\/span><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"> (zumindest in der Deutschschweiz) <\/span><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">dem Grand Prix der Volksmusik ergibt. F\u00fcr den Entscheid steht eine Jury, in der neben sprachminderheitlichen Quotenmitgliedern die \u00fcblichen Verd\u00e4chtigen Einsitz gefunden haben: Graziella Contratto, Carine Zuber und Thomas Burkhalter geh\u00f6ren zum Inventar der Bundeskulturpolitik-Fachexperten und kennen sich aus dem fr\u00fcheren Pro-Helvetia-Stiftungsrat, stehen also nicht per se f\u00fcr vorw\u00e4rtsgerichtete Strategien. Und Graziella Contrattos Versicherung in der offizi\u00f6sen \u00abErkl\u00e4rung zu den Nominationen\u00bb, dass die von der Jury nun nominierten Musiker und Musikerinnen \u00abausnahmslos mit dem Begriff der Innovation in Verbindung gebracht werden konnten\u00bb weist auf die \u00fcbliche, mittlerweile selber der Innovation entbehrenden und zur Leerformel mutierten Begr\u00fcndung offizeller F\u00f6rderpolitik hin.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-1734","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1734","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1734"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1734\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1734"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1734"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1734"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}