{"id":1763,"date":"2014-10-01T09:42:06","date_gmt":"2014-10-01T09:42:06","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/10\/01\/ein-rachmaninow-psychogramm-in-herrliberg\/"},"modified":"2014-10-01T09:42:06","modified_gmt":"2014-10-01T09:42:06","slug":"ein-rachmaninow-psychogramm-in-herrliberg","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/10\/01\/ein-rachmaninow-psychogramm-in-herrliberg\/","title":{"rendered":"Ein Rachmaninow-Psychogramm in Herrliberg"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">01.10.2014 &#8212; In Boccaccios <em>Decamerone <\/em>fl\u00fcchten lebenslustige Einwohner von Florenz vor dem Schwarzen Tod, der Pest, und halten sich mit dem Erz\u00e4hlen durchaus auch frivoler Geschichten bei Laune. Etwa so kommt es einem vor, was sich ein fideles Tr\u00fcpplein Unentwegter in der Kulturschiene Herrliberg immer mal wieder leistet; nur dass es sich dabei nicht um junge rebellische, sondern vorwiegend eher um in die Jahre gekommene rebellische Exponenten des Schweizer Kulturlebens handelt, und auch nicht um die Pest (selbst wenn die Epidemie \u00e4hnlich zu riechen scheint), sondern um einen Kulturbetrieb, der aufgrund von Eventitis, Sauglattismus und Ahnungslosigkeit zahlenmastigierender Kulturmanager mit Sch\u00fcler-Wagner-Mentalit\u00e4t vor die Hunde geht.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">01.10.2014 &#8212;<\/span> In Boccaccios <em>Decamerone <\/em>fl\u00fcchten lebenslustige Einwohner von Florenz vor dem Schwarzen Tod, der Pest, und halten sich mit dem Erz\u00e4hlen durchaus auch frivoler Geschichten bei Laune. Etwa so kommt es einem vor, was sich ein fideles Tr\u00fcpplein Unentwegter in der Kulturschiene Herrliberg immer mal wieder leistet; nur dass es sich dabei nicht um junge rebellische, sondern vorwiegend eher um in die Jahre gekommene rebellische Exponenten des Schweizer Kulturlebens handelt, und auch nicht um die Pest (selbst wenn die Epidemie \u00e4hnlich zu riechen scheint), sondern um einen Kulturbetrieb, der aufgrund von Eventitis, Sauglattismus und Ahnungslosigkeit zahlenmastigierender Kulturmanager mit Sch\u00fcler-Wagner-Mentalit\u00e4t vor die Hunde geht.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Um im Tierreich zu bleiben: W\u00e4hrend also in den angesagten Kulturinstitutionen eine Sau nach der durch die Konzerts\u00e4le und \u00fcber die Opernb\u00fchnen getrieben wird, beschr\u00e4nken sich die Herrliberger aufs unpr\u00e4tenti\u00f6s-ironische Nachdenken \u00fcber Musik, das aus der Mode gekommen zu sein scheint. Daf\u00fcr steht ein Konzept von Armin Brunner, der als einstiger Redaktionsleiter \u00abMusik und Ballett\u00bb des Schweizer Fernsehens, Tr\u00e4ger des \u00a0Z\u00fcrcher Fernsehpreises (und zahlreicher weiterer), Erfinder der \u00abUBS-Arena\u00bb-Konzerte und ehemaliger k\u00fcnstlerischer Leiter der Klubhaus-Konzerte (heute Migros-Kulturprozent-Classics) mit dem Innenleben des massenmedialen Event-Betriebs \u00e0 fond vertraut ist.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Die Musik Rachmaninows, die mit dem Programm \u00abSergej Rachmaninow, Geliebt\u2009\u2013\u2009Verschm\u00e4ht\u2009\u2013\u2009Verachtet. Ein (musikalisches) Psychogramm\u00bb diesmal im Zentrum stand, hat den Zeiten- und Mentalit\u00e4tswandel exemplarisch gezeigt: Die Klavierkonzerte des Russen gelten mehr denn je als die grossen Schlachtr\u00f6sser der Virtuosenliteratur, und die Ukrainerin Valentina Lisitsa ist mit Rachmaninow-Youtube-Filmchen zum ersten Klassikstar der Sozialen Medien geworden. Das von ihr zuerst ins Netz heraufgeladene Video ihrer Wiedergabe der Et\u00fcde op. 39, Nr. 6 hat (Stand 29.09.2014) \u00a01\u2018872\u2018864 Abrufe erzielt \u2012 fast eine magere Bilanz im Vergleich zu ihrer Wiedergabe des g-Moll-Pr\u00e4ludiums, op. 23, Nr. 5, das (dto) 4\u2018256\u2018368 Mal abgerufen worden ist. Um soviel Publikum zu erreichen, m\u00fcsste der Durchschnitts-Konzertpianist rund 4000 Mal auftreten, g\u00e4be er \u00fcberfleissig pro Jahr 200 Konzerte, w\u00e4re er in 20 Jahren damit durch. Frau Lisitsa d\u00fcrfte helfen, dass in ihr (als Ukrainerin) eine russische Seele vermutet wird; und dass sie lange blonde Haare hat, wird ihr verkaufstechnisch wohl auch kaum zum Schaden gereichen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">In der Kulturschiene erf\u00e4hrt man mit deutlich weniger gef\u00fchlsgenialischem Aufwand deutlich mehr \u00fcber den Komponisten. Die (nicht minder langhaarige) Pianistin Andrea Wiesli hat ihr Handwerk unter anderem bei Galina Vracheva und Konstantin Scherbakov in Z\u00fcrich erworben und pr\u00e4sentierte dem Publikum Pr\u00e4ludien, Et\u00fcden und die Elegie op. 3, Nr. 1 auf exzellentem Niveau, unterbrochen von souver\u00e4n-entspannten Lesungen des Schauspielers Hartmut Vogel und der Schauspielerin Graziella Rossi zu Leben und Wirken des Dandys zwischen europ\u00e4ischem Osten und amerikanischem Westen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Was da in den Texten aus dem Leben des Tonsch\u00f6pfers erz\u00e4hlt worden ist, ist weit \u00fcber eine Reverenz an sein individuelles Wirken hinausgegangen; es hat eine skandal\u00f6se Schw\u00e4che der Musik\u00e4sthetik des 20. Jahrhunderts freigelegt, n\u00e4mlich das Fehlen einer adaquaten Theorie der Werte musikalischer Emotionalit\u00e4t. Es ist ja erstaunlich, wie die absurdesten Behauptungen \u00fcber die Natur des menschlichen Gef\u00fchlslebens und der Emotionalit\u00e4t in der Musik\u00e4shetik durch das ganze Jahrhundert hindurch unwidersprochen geblieben sind. Und kaum einem scheint aufgefallen zu sein, dass die \u00fcblichen Avantgarde-Diskurse \u00fcber die Qualit\u00e4t und Relevanz von Musik (vor allem im Umfeld der Frankfurter Schule und der Schriften Adornos) im Grunde genommen keine Urteile \u00fcber musikalische Strukturen waren und sind, sondern Werturteile \u00fcber Emotionen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Wenn Adorno den verminderten Septakkord als verbraucht denunziert oder bei Oktaven in Akkorden gar Brechreiz empfindet, denunziert er im Grunde genommen kein musikalisches Ph\u00e4nomen, sondern eine Art zu erleben. Und genauso ist sein ber\u00fchmtes Verdikt \u00fcber Rachmaninows ber\u00fchmtes cis-Moll-Pr\u00e4ludium \u00a0op.3, Nr.2, das er als \u00abplakatives Schaust\u00fcck, mit dem Dilettanten Kraft und Virtuosit\u00e4t vort\u00e4uschen k\u00f6nnen\u00bb und als \u00abPr\u00e4ludium f\u00fcr infantile Erwachsene\u00bb deklassiert, ein appellatives Werturteil \u00fcber musikalisches Erleben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Dahinter steckt ein aristokratischer Gestus, der Geschmacksverfeinerung und kontrollierte Impulse dem angeblich Ungebildeten und Naiven als moralisch \u00fcberlegen betrachtet, und ein protestantischer Ethos, der nat\u00fcrliche Emotionalit\u00e4t als moralische H\u00f6chstgefahr denunziert. In diesem Geiste werden auch heute noch im \u00abQualit\u00e4tsfeuilleton\u00bb die Trauben des Musikverstehens und -erlebens derart hoch geh\u00e4ngt, dass bloss noch ein paar wenige Spezialisten f\u00fcr sich in Anspruch nehmen d\u00fcrfen, die richtigen Ohren und die richtige moralisch-sinnliche Reife und Sensibilit\u00e4t zu haben, um die Tonkunst angemessen w\u00fcrdigen zu k\u00f6nnen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">So ist denn ein Grossteil, wenn nicht die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrzahl von Musik der Epoche, die es nicht so mit dem Erhabenen hat und lieber direkt das Gem\u00fct anspricht, der Geringsch\u00e4tzung und Ignoranz \u00fcberantwortet worden. Wie im Falle Rachmaninows gen\u00fcgte es etwa im Falle Korngolds, Szymanowskis, Sibelius\u2018, Granados\u2018 und zahlloser anderer, sich des Naser\u00fcmpfens der Peers zu versichern, um deren Erfolge nicht der ad\u00e4quaten \u00e4sthetischen Erforschung wert zu finden. Die Geschichte der virtuosen Beherrschung des Weckens der ungek\u00fcnstelter Emotionen, des kathartischen Staunens und der unverstellten Faszination in der Musik muss erst noch geschrieben werden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Dazu taugt, wie im Falle der Herrliberger Kulturschiene, offenbar auch ein (buchst\u00e4blich) ausrangierter, schmuckloser, aber stimmungsvoller Lagerschuppen eines S-Bahnhofes, an dem immer mal wieder Z\u00fcge und Busse wie Menetekel des kulturellen Niederganges in Pianissmi rattern, ohne doch Stimmungen zerst\u00f6ren zu k\u00f6nnen. Da ist mehr Subversion, als in letzten Schreien der immer hysterischeren Kulturschickeria die sich (wie Adorno mit seiner Vorliebe f\u00fcr Instantnegationen geschrieben haben k\u00f6nnte) innovativ geb\u00e4rdet und gerade darin als reaktion\u00e4r erweist. <em>(wb)<\/em><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><strong>Info:<\/strong> <span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Sergej Rachmaninow, Geliebt\u2009\u2013\u2009Verschm\u00e4ht\u2009\u2013\u2009Verachtet. Ein (musikalisches) Psychogramm von Armin Brunner, Kulturschiene Herrliberg, 27. September 2014. Mit Andrea Wiesli (Klavier), Graziella Rossi, Helmut Vogel (Sprecher)<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">01.10.2014 &#8212; In Boccaccios <em>Decamerone <\/em>fl\u00fcchten lebenslustige Einwohner von Florenz vor dem Schwarzen Tod, der Pest, und halten sich mit dem Erz\u00e4hlen durchaus auch frivoler Geschichten bei Laune. Etwa so kommt es einem vor, was sich ein fideles Tr\u00fcpplein Unentwegter in der Kulturschiene Herrliberg immer mal wieder leistet; nur dass es sich dabei nicht um junge rebellische, sondern vorwiegend eher um in die Jahre gekommene rebellische Exponenten des Schweizer Kulturlebens handelt, und auch nicht um die Pest (selbst wenn die Epidemie \u00e4hnlich zu riechen scheint), sondern um einen Kulturbetrieb, der aufgrund von Eventitis, Sauglattismus und Ahnungslosigkeit zahlenmastigierender Kulturmanager mit Sch\u00fcler-Wagner-Mentalit\u00e4t vor die Hunde geht.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1763","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1763","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1763"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1763\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1763"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1763"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1763"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}