{"id":1796,"date":"2014-10-12T08:43:30","date_gmt":"2014-10-12T08:43:30","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/10\/12\/schweizer-lieder-nach-1900\/"},"modified":"2014-10-12T08:43:30","modified_gmt":"2014-10-12T08:43:30","slug":"schweizer-lieder-nach-1900","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/10\/12\/schweizer-lieder-nach-1900\/","title":{"rendered":"Schweizer Lieder nach 1900"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/141010lieder.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>Vielleicht gibt\u2019s einen ganz einfachen Grund, weshalb der Schweizer Beitrag zur abendl\u00e4ndischen Kunstmusik nicht als solcher mit nationaler F\u00e4rbung wahrnehmbar geworden ist. Dem Schweizer qua Republikaner in einem Staatengebilde, das seine St\u00e4rken im Ausgleich von Minderheiteninteressen hat, war das nationalistische Selbstverst\u00e4ndnis immer etwas suspekt, so zeigt sich das \u00abtypisch Schweizerische\u00bb in der Musik eben gerade auch im Eklektizismus. War die europ\u00e4ische Kunstmusik von Beginn im Mittelalter weg ein durch und durch europ\u00e4isiertes Projekt, ist es die schweizerische in den Zeiten der sich formierenden postmonarchistischen Nationalstaaten gar als Raison d\u2019\u00eatre. Der 1889 in Baden geborene Emil Frey erlernte sein Handwerk bei Faur\u00e9 und Widor in Paris und re\u00fcssierte in Berlin und Moskau; der 1896 geborene Basler Walter Lang ging nach M\u00fcnchen, der Aargauer Max Zehnder aus Turgi orientierte sich unter anderem an Hindemiths Ideen. Und der 1876 in Frankfurt am Main als Auslandschweizer geborene Marcel Sulzberger, der sp\u00e4ter als passionierter Cyclist auch mal an der Tour de Suisse teilgenommen hat \u2012 wer kennt heute noch seinen Namen? \u2012 formte seinen Stil in Paris und gab sich als Debussy-Sch\u00fcler aus (der er nicht war), und wurde in der Schweiz vor allem vom Italiener Ferrucio Busoni gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/141010lieder.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>Vielleicht gibt\u2019s einen ganz einfachen Grund, weshalb der Schweizer Beitrag zur abendl\u00e4ndischen Kunstmusik nicht als solcher mit nationaler F\u00e4rbung wahrnehmbar geworden ist. Dem Schweizer qua Republikaner in einem Staatengebilde, das seine St\u00e4rken im Ausgleich von Minderheiteninteressen hat, war das nationalistische Selbstverst\u00e4ndnis immer etwas suspekt, so zeigt sich das \u00abtypisch Schweizerische\u00bb in der Musik eben gerade auch im Eklektizismus. War die europ\u00e4ische Kunstmusik von Beginn im Mittelalter weg ein durch und durch europ\u00e4isiertes Projekt, ist es die schweizerische in den Zeiten der sich formierenden postmonarchistischen Nationalstaaten gar als Raison d\u2019\u00eatre. Der 1889 in Baden geborene Emil Frey erlernte sein Handwerk bei Faur\u00e9 und Widor in Paris und re\u00fcssierte in Berlin und Moskau; der 1896 geborene Basler Walter Lang ging nach M\u00fcnchen, der Aargauer Max Zehnder aus Turgi orientierte sich unter anderem an Hindemiths Ideen. Und der 1876 in Frankfurt am Main als Auslandschweizer geborene Marcel Sulzberger, der sp\u00e4ter als passionierter Cyclist auch mal an der Tour de Suisse teilgenommen hat \u2012 wer kennt heute noch seinen Namen? \u2012 formte seinen Stil in Paris und gab sich als Debussy-Sch\u00fcler aus (der er nicht war), und wurde in der Schweiz vor allem vom Italiener Ferrucio Busoni gef\u00f6rdert.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Sulzberger und sein Werk sind Entdeckungen, die wir nicht zuletzt dem Briten Chris Walton verdanken. Er hat sein Leben und Werk 2010 in einer im Winterthurer Amadeus-Verlag erschienenen Biografie aufgearbeitet. Sulzberger geh\u00f6rte einerseits nicht zum Establishment des Schweizer Musiklebens seiner Zeit, war charakterlich in seiner ganzen futuristischen Urbanit\u00e4t inkompatibel mit der masshaltenden, l\u00e4ndlichen Schweiz und verlacht an den Tonk\u00fcnstlerfesten. Andererseits war er ein <em>First Mover<\/em>, wie man das heute neudeutsch nennt, einer der ersten, die sich auf das Gebiet der Atonalit\u00e4t wagten. Und die ernten ja bekanntlich selten den Ruhm.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Sopranistin Sybille Diethelm, der Tenor Valentin Gloor und der Pianist Edward Rushton dokumentieren auf dieser CD routiniert und mit viel k\u00fcnstlerischem Respekt ein Schweizer Kunstmusikleben zu Beginn des 20 Jahrhunderts, das eine \u00fcberraschende Vielfalt und Lebendigkeit und viel handwerkliches Geschick offenbart.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Im ersten Moment mag man den Vedacht hegen, dass hier nach der musikwissenschaftlichen Aufarbeitung der Grossen \u2012 allen voran mit der Gesamtausgabe der Werke Othmar Schoecks \u2012 nun auch noch die Kleinmeister der Schweizer Musikgeschichte ins Blickfeld r\u00fccken. Der erste Eindruck zeigt jedoch; dass das handwerkliche Gef\u00e4lle weitaus flacher ist, als die Winner-takes-all-Mentalit\u00e4t der Musikgeschichte suggerieren mag.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Zudem scheinen individuelle \u00e4sthetische Positionen, die in ihrer Zeit aussenseiterisch und deshalb minderwertig anmuten mochten, noch nicht wirklich aufgearbeitet. Mag sein, dass der eine oder andere Tonsch\u00f6pfer, f\u00fcr den hier eine Lanze gebrochen wird, in der historisch-kritischen Aufarbeitung sich als k\u00fcnstlerisch gewichtiger erweisen wird, als es das Urteil der Zeitgenossen vermuten liesse. <em>(cf)<\/em><\/p>\n<p><strong>Info:<\/strong><br \/>Am Bruch zur Moderne. Schweizer Lieder nach 1900. Werke von Emil Frey, Walter Lang, Marcel Sulzberger und Max Zehnder. Sybille Diethelm (Sopran), Valentin Johannes Gloor (Tenor), Edward Rushton (Klavier). Musiques Suisses, MGB CD 6280.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/141010lieder.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>Vielleicht gibt\u2019s einen ganz einfachen Grund, weshalb der Schweizer Beitrag zur abendl\u00e4ndischen Kunstmusik nicht als solcher mit nationaler F\u00e4rbung wahrnehmbar geworden ist. Dem Schweizer qua Republikaner in einem Staatengebilde, das seine St\u00e4rken im Ausgleich von Minderheiteninteressen hat, war das nationalistische Selbstverst\u00e4ndnis immer etwas suspekt, so zeigt sich das \u00abtypisch Schweizerische\u00bb in der Musik eben gerade auch im Eklektizismus. War die europ\u00e4ische Kunstmusik von Beginn im Mittelalter weg ein durch und durch europ\u00e4isiertes Projekt, ist es die schweizerische in den Zeiten der sich formierenden postmonarchistischen Nationalstaaten gar als Raison d\u2019\u00eatre. Der 1889 in Baden geborene Emil Frey erlernte sein Handwerk bei Faur\u00e9 und Widor in Paris und re\u00fcssierte in Berlin und Moskau; der 1896 geborene Basler Walter Lang ging nach M\u00fcnchen, der Aargauer Max Zehnder aus Turgi orientierte sich unter anderem an Hindemiths Ideen. Und der 1876 in Frankfurt am Main als Auslandschweizer geborene Marcel Sulzberger, der sp\u00e4ter als passionierter Cyclist auch mal an der Tour de Suisse teilgenommen hat \u2012 wer kennt heute noch seinen Namen? \u2012 formte seinen Stil in Paris und gab sich als Debussy-Sch\u00fcler aus (der er nicht war), und wurde in der Schweiz vor allem vom Italiener Ferrucio Busoni gef\u00f6rdert.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-1796","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1796","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1796"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1796\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1796"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1796"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1796"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}