{"id":181,"date":"2014-01-09T17:43:27","date_gmt":"2014-01-09T17:43:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/gershwin-klassiker-im-jazzband-format\/"},"modified":"2014-01-09T17:43:27","modified_gmt":"2014-01-09T17:43:27","slug":"gershwin-klassiker-im-jazzband-format","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/gershwin-klassiker-im-jazzband-format\/","title":{"rendered":"Gershwin-Klassiker im Jazzband-Format"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2010\/100416gershwin.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>16.04.2010 &#8212;<\/em> Darf man das? Die Frage stellte sich Max Brod, als er gegen den Willen Kafkas dessen Schriften ver\u00f6ffentlichte; sie stellt sich zur Zeit auch mit Blick auf die Ver\u00f6ffentlichung von Max Frischs Fragmenten zu einem dritten Tagebuch. Das sind zwei von zahlreichen Beispielen, in denen Publikationsverbote oder ein Bann von K\u00fcnstlern ihren eigenen Werken gegen\u00fcber nach deren Tod ignoriert worden sind oder werden. Ein solches \u2013 ebenfalls ein tragisches \u2013 ist auch die Geschichte der Jazzband-Version von Gershwins \u00abPiano Concerto in F\u00bb.<\/p>\n<p> Gershwins 1924 entstandene \u00abRhapsody in Blue\u00bb wurde noch vom legend\u00e4ren Arrangeur Ferd\u00e9 Grof\u00e9 (siehe auch <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/rezensionen_ind2.php?art=59\"> diese<\/a> Rezension) erstellt, weil Gershwin von der Aufgabe \u00fcberfordert war. Als Grof\u00e9 auch eine Jazzband-Version des 1928 erstellten Klavierkonzertes ausarbeitete, war der Komponist jedoch verstimmt, glaubte er doch, die Kunst der Instrumentation nun im Griff zu haben. Testamentarisch erliess er ein Verbot, die Grof\u00e9-Variante aufzunehmen.<\/p>\n<p> \u00dcber dieses Verbot setzt man sich mittlerweile hinweg, und das ist gut so, denn die Jazzband-Version des amerikanischen Klassikers ist interessanter und stimmiger als Gershwins eigene sinfonische Variante. Sie klingt ein wenig, als h\u00e4tten Scott Bradley, der die legend\u00e4re Musik zu den \u00abTom und Jerry\u00bb-Trickfilmen beigesteuert hat, und Kurt Weill, der Komponist der \u00abDreigroschenoper\u00bb, sich gemeinsam \u00fcber die Partitur gebeugt. Grof\u00e9s Gershwin groovt ganz gewaltig. <\/p>\n<p> Die amerikanische Dirigentin Marin Alsop hat die von Gershwin mit einem Bann belegte Partitur mit dem von ihr selber gegr\u00fcndeten Concordia Orchestra bereits vor zwanzig Jahren eingespielt. Mit diesem Ensemble hat sie sich auch sonst um die Musik Gershwins verdient gemacht: Die erste Schallplatte des Ensembles \u00fcberhaupt war eine Ersteinspielung von dessen Kammeroper \u00abBlue Monday\u00bb.<\/p>\n<p> An die kernigen Grof\u00e9-Versionen der Klassiker und der von Einfallsreichtum nur so strotzenden \u00abI Got Rhythm\u00bb-Variationen in Gershwins eigener Orchestrierung hat sie sich nun gemeinsam mit dem Pianisten Jean-Yves Thibaudet und dem Baltimore Symphony Orchestra gemacht. Der CD liegen Live-Auftritte vom 12., 13. und 15. November 2009 in der Joseph Meyerhoff Symphony Hall, der Heimst\u00e4tte des Orchesters, zugrunde. <\/p>\n<p> Weshalb muss der Streit um die Authentizit\u00e4t der Jazzband- oder Klassikversion des Konzertes in F auch als tragisch bezeichnet werden? Weil er lebhaft illustriert, wie Gershwin mit seiner Musik, die sich um Gernegrenzen nicht scherte, zwischen Stuhl und Bank fiel und sich selber verunsichern liess, und weil sie \u00fcberdies vor Augen f\u00fchrt, wie zweisp\u00e4ltig sich die Amerikaner selber gegen\u00fcber dieser aus heutiger Perspektive uramerikanisch und genialisch anmutenden Musik verhalten haben.<\/p>\n<p> Der Song \u00abI Got Rhythm\u00bb ist im Jazz zu einer Art Urmuster f\u00fcr Improvisationen geworden, das Great American Songbook platzt fast vor Gershwin-Titeln, die Oper \u00abPorgy and Bess\u00bb hat den Status einer Art Nationaloper, welche die Genregrenzen in Richtung Musical und Gospel sprengt. Als Jean-Yves Thibaudet das \u00abPiano Concerto in F\u00bb vor f\u00fcnf Jahren (!) mit dem Boston Symphony Orchestra unter der Leitung von James Levine spielte, war dies aber das erste Mal, dass dieses in der Neuen Welt in ein Abonnementskonzert Eingang fand. <\/p>\n<p> Thibaudet ist schon deshalb der logische Pianist f\u00fcr eine CD, wie sie nun von Decca vorgelegt wird. Seine von Spielwitz und Energie strotzende Interpretation f\u00fcgt sich mit der Arbeit des Orchesters zu einem stimmigen Ganzen. Da entfalten sich auch die Qualit\u00e4ten der Dirigentin, der in Europa ab und zu zu Unrecht eine konventionell-einfallslose Art der Orchesterleitung nachgesagt wird. Und neben den Solisten Steven Barta an der Klarinette (nat\u00fcrlich vor allem mit der ber\u00fchmten Einleitung zur Rhapsodie) und dem Trompeter Andrew Balio sorgt vor allem auch die Saxophon-Section f\u00fcr bemerkenswerte Akzente. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <em><span class=\"txt-s-black\"><span style=\"font-size: x-small;\">Thibaudet plays Gershwin: Klavierkonzert in F (arr. Grof\u00e9), Rhapsodie in Blue (arr. Grof\u00e9), I Got Rhythm-Variationen (Orignalmanuskript), Jean-Yves Thibaudet (Klavier), Baltimore Symphony Orchestra, Marin Alsop (Leitung), Decca\/Universal, Best.Nr.: 478 2189.<\/span> <\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16.04.2010 &#8212; Darf man das? Die Frage stellte sich Max Brod, als er gegen den Willen Kafkas dessen Schriften ver\u00f6ffentlichte;&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-181","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/181","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=181"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/181\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}