{"id":1812,"date":"2014-10-18T15:15:21","date_gmt":"2014-10-18T15:15:21","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/10\/18\/thibaudet-und-das-berner-symphonieorchester\/"},"modified":"2014-10-18T15:15:21","modified_gmt":"2014-10-18T15:15:21","slug":"thibaudet-und-das-berner-symphonieorchester","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/10\/18\/thibaudet-und-das-berner-symphonieorchester\/","title":{"rendered":"Thibaudet und das Berner Symphonieorchester"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">18.10.2014 &#8212; Den Auftakt macht eine Friedensbotschaft, den Abschluss macht auch eine Friedensbotschaft. Die erste mutet recht hermetisch an, die zweite emphatisch. Klaus Hubers \u00abBeati Pauperes II\u00bb verarbeitet Vokalmusik von Orlando di Lasso mit Texten aus der Bibel und des zur Zeit der Entstehung des Werkes auch hierzulande sehr popul\u00e4ren nicaraguanischen Befreiungstheologen Ernesto Cardenal. Arthur Honeggers dritte Sinfonie, die \u00abSymphonie liturgique\u00bb schliesst ab mit der Bitte \u00abDona nobis pacem\u00bb, Herr, gib uns den Frieden. Wir sind im 2. Symphoniekonzert des Berner Symphonieorchesters.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">18.10.2014 &#8212; Den Auftakt macht eine Friedensbotschaft, den Abschluss macht auch eine Friedensbotschaft. Die erste mutet recht hermetisch an, die zweite emphatisch. Klaus Hubers \u00abBeati Pauperes II\u00bb verarbeitet Vokalmusik von Orlando di Lasso mit Texten aus der Bibel und des zur Zeit der Entstehung des Werkes auch hierzulande sehr popul\u00e4ren nicaraguanischen Befreiungstheologen Ernesto Cardenal. Arthur Honeggers dritte Sinfonie, die \u00abSymphonie liturgique\u00bb schliesst ab mit der Bitte \u00abDona nobis pacem\u00bb, Herr, gib uns den Frieden. Wir sind im 2. Symphoniekonzert des Berner Symphonieorchesters.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Die beiden Eckpunkte \u2012 paradigmatisch daf\u00fcr, wie sehr die europ\u00e4ische Kunstmusik des 20. Jahrhunderts mit Werten aufgeladen war, und welche gesellschaftsethische Strenge sie austrahlte. Heute h\u00f6ren wir diese Werke anders, ihre musikalischen Qualit\u00e4ten treten in den Vordergrund, und selbst eine rein akustische Klang- und Texturkomposition wie diejenige Hubers (hier mit einem Vokalseptett, einstudiert von Zsolt Czentner) scheint uns nach all den elektronischen Kl\u00e4ngen, die uns aus zeitgen\u00f6ssischen Filmmusiken, Electropop, Raves und anderem vertraut geworden sind, emotional les- und erlebbar geworden.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Mario Venzago, der Chefdirigent des Berner Symphonieorchesters (BSO), ist als Mensch empathisch, bedankt sich nach dem Konzert am Ausgang mit H\u00e4ndedruck bei jedem einzelnen der Musiker und strahlt eine einnehmende priesterlich-vers\u00f6hnliche W\u00e4rme aus, wenn er sich ans Publikum wendet, um ihm einen Zugang zu den f\u00fcr viele ungewohnten Klangwelten zu \u00f6ffnen. Als Interpret hingegen kultiviert er einen transparenten, hochpr\u00e4zisen, ja seismografischen Klang, der nicht emotional \u00fcbew\u00e4ltigen, sondern sinnlich zugleich auf Distanz halten und verf\u00fchren will. In der Werkwahl seiner Berner Programme, die auch einen Akzent auf exzellente Schweizer Werke \u2012 speziell mit Berner Bezug \u2012 legt, und der dezidiert textkritischen Art des Umgang mit dem Notentexten, hat er dem Klangk\u00f6rper der Bundesstadt in der Zeit seines dortigen Wirkens mittlerweile ein starkes eigenes Profil gegeben.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Typisch etwa der Tausch der Werke f\u00fcr das zweite Symphoniekonzert dieser Saison, in dem neben Hubers Werk und dem f\u00fcnften Klavierkonzert von Camille Saint-Sa\u00ebns eigentlich Vincent d\u2019Indys zweite Sinfonie vorgesehen war. Venzago hat das Notenmaterial vor einigen Jahren f\u00fcr Auff\u00fchrungen in Leipzig aufbereitet, die Noten sind in Deutschland allerdings nicht mehr auffindbar, ausser in Fotokopien der Einzelstimmen, aus denen die Partitur m\u00fchsam rekonstruiert werden m\u00fcsste, und dazu hat der Dirigent, wie er entschuldigend erkl\u00e4rt, die Zeit schlicht nicht gehabt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Dank CD-Projekten, unter anderem der Einspielung von Schoeck-Orchesterwerken auf dem Migros-Kulturprozent-Label Musiques Suisses, hat Venzago die Werke Hubers und Saint-Sa\u00ebns mit Othmar Schoecks Streicher-Intermezzo \u00abSommernacht\u00bb op. 58\u00a0 \u2012 seinerzeit ein Auftragswerk des Berner Symphonieorchesters und in der Gesamtausgabe vorgelegt vom Berner Musikwissenschaftler Victor Ravizza \u2012 und Honeggers dritter Sinfonie kombiniert, ohne dass die zu erwartenden leeren Pl\u00e4tze im Saal zur finanziellen Kraftprobe gef\u00fchrt h\u00e4tten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Als Solist in Saint-Sa\u00ebns\u2018 Konzert amtet der franz\u00f6sische Hypervirtuose Jean-Yves Thibaudet, ein idealer Interpret f\u00fcr die Musik der franz\u00f6sischen Moderne und ein exzellenter Partner f\u00fcr das BSO, eine Kombination,die kaum W\u00fcnsche offenl\u00e4sst, in aller pulsierenden Souver\u00e4nit\u00e4t atmosph\u00e4rische Dichte schafft und h\u00f6chstens in den Pianissimi noch mehr Potential h\u00e4tte. Thibaudet scheint im Leisen nie unter eine Art Thibaudet-Wirkungsquantum sinken zu wollen, so dass der Dynmamikumfang (m\u00f6glicherweise abgeschliffen in gr\u00f6sseren Hallen) eingeschr\u00e4nkter ist, als er im Berner Kultur-Casino sein m\u00fcsste. Thibaudet bedankt sich f\u00fcr den warmen Applaus mit Liszts dritter Consolation, einer nach dem Saint-Sa\u00ebns-Exploit geradezu antivirtuos anmutenden Zugabe.\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Dass das Orchester selber allerdings auch in den Nebelkammern des kaum noch H\u00f6rbaren zu operieren versteht, zeigt es im Ausklang des Schoeck-Intermezzos, das tats\u00e4chlich im vorgeschriebenen vierfachen Piano versinkt, ohne dass der Streicherklang an Spannkraft und Intensit\u00e4t verl\u00f6re. Die \u00abSommernacht\u00bb zeigt \u00fcberhaupt, wie alleine die Streicher des BSO sich unter Venzago entwickelt haben. Wie glasklar und sicher, auch in h\u00f6chsten H\u00f6hen, wie seismografisch pr\u00e4zise in den Klangnuancen da musiziert wird, ist packend. Bloss in den verstreuten Zweiundreissigstel-Melismen des Schoeck-Satzes scheinen sich ab und an musikalisch keineswegs sinnwidrige Pauschalisierungen einzuschleichen. Schoecks Klangkomos aus fraktalen Divisi, Handharmonika-L\u00e4ndlern aus der Ferne, sirrenden Sordinen und past\u00f6sen Pastoralen k\u00f6nnte kaum bessere F\u00fcrsprecher finden. Was f\u00fcr Musik!<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Dasselbe gilt f\u00fcr Honeggers \u00abSymphonie liturgique\u00bb. Venzago versteigt sich mit Blick auf das \u00abDona nobis Pacem\u00bb, dem dritten Satz dieses Nachkriegs-Requiems, sogar dahin, von etwas vom Besten zu sprechen, was er in der Musik \u00fcberhaupt kenne. Die opulente, an Dramatik reiche und an Kontrasten vielumspannende Partitur macht klar, dass auch die BSO-Bl\u00e4ser auf h\u00f6chstem Niveau zu agieren verstehen. Der m\u00e4chtige Klangk\u00f6rper agiert jederzeit energetisch, aber feingliedrig, durchsichtig und in den Registern wohlausgewogen. Nicht die erkl\u00e4rtermassen klangmalerischen Dimensionen des Werkes r\u00fccken da in den Vordergrund, sondern die architektonische Textur, welche die Sinfonie zu einem Ereignis absoluter Musik macht.\u00a0 \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Zu hoffen ist, dass Konzert Theater Bern und Mario Venzago den Mut haben,\u00a0 Programme wie dieses so lange durchzuziehen, bis sie ein m\u00f6glicherweise auch \u00fcberregionales Stammpublikum finden und damit auch in Sachen Resonanz legitimiert werden. Und dass die Berner Kulturpolitik dabei zumindest keine allzu grossen Steine in den Weg legt. <em>(cf)<\/em> \u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><strong>Info:<\/strong><\/span><br \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Berner Symphonieorchester, 2. Symphoniekonzert, Freitag, 17. Oktober 2014, Kultur-Casino Bern. Werke von Klaus Huber (Beati pauperes II), Camille Saint-Sa\u00ebns (Klavierkonzert Nr.5, \u00ab\u00c4gyptisches\u00bb), Othmar Schoeck (\u00abSommernacht\u00bb op. 58) und Arthur Honegger (Liturgische Symphonie). Solist: Jean-Yves Thibaudet (Klavier). \u00a0\u00a0<\/span>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">18.10.2014 &#8212; Den Auftakt macht eine Friedensbotschaft, den Abschluss macht auch eine Friedensbotschaft. Die erste mutet recht hermetisch an, die zweite emphatisch. Klaus Hubers \u00abBeati Pauperes II\u00bb verarbeitet Vokalmusik von Orlando di Lasso mit Texten aus der Bibel und des zur Zeit der Entstehung des Werkes auch hierzulande sehr popul\u00e4ren nicaraguanischen Befreiungstheologen Ernesto Cardenal. Arthur Honeggers dritte Sinfonie, die \u00abSymphonie liturgique\u00bb schliesst ab mit der Bitte \u00abDona nobis pacem\u00bb, Herr, gib uns den Frieden. Wir sind im 2. 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