{"id":1842,"date":"2014-10-29T08:17:12","date_gmt":"2014-10-29T08:17:12","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/10\/29\/processions-zeitgenoessisches-aus-dem-osten\/"},"modified":"2014-10-29T08:17:12","modified_gmt":"2014-10-29T08:17:12","slug":"processions-zeitgenoessisches-aus-dem-osten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/10\/29\/processions-zeitgenoessisches-aus-dem-osten\/","title":{"rendered":"Processions. Zeitgen\u00f6ssisches aus dem Osten"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/141024pre-art.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>24.10.2014 &#8212; Es gibt eine Tradition in der europ\u00e4ischen Kunstmusik-Avantgarde, die sich dem Durchschnittsh\u00f6rer nur schwer erschliesst. Sie ist theoretisch mit negativer \u00c4sthetik unterf\u00fcttert und hat sich den Gestus von postserieller Aleatorik und Free Jazz der 1960- und 70er-Jahre bewahrt. Oft erinnert sie an Objekte, die in tausend Scherben zersplittert sind, weil sie jemand mutwillig zu Boden geworfen hat. Auch ein metaphorischer Konnex zur Wissenschafts-Moderne findet sich: Vieles darin erinnert an die Momentaufnahmen von Crashs aus den Collidern der Elementarteilchenphysik. Partikelschauermusik\u2026<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/141024pre-art.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>24.10.2014 &#8212; Es gibt eine Tradition in der europ\u00e4ischen Kunstmusik-Avantgarde, die sich dem Durchschnittsh\u00f6rer nur schwer erschliesst. Sie ist theoretisch mit negativer \u00c4sthetik unterf\u00fcttert und hat sich den Gestus von postserieller Aleatorik und Free Jazz der 1960- und 70er-Jahre bewahrt. Oft erinnert sie an Objekte, die in tausend Scherben zersplittert sind, weil sie jemand mutwillig zu Boden geworfen hat. Auch ein metaphorischer Konnex zur Wissenschafts-Moderne findet sich: Vieles darin erinnert an die Momentaufnahmen von Crashs aus den Collidern der Elementarteilchenphysik. Partikelschauermusik\u2026<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Solcherart sind die meisten Werke, die im Rahmen des Projektes pre-art entstanden sind und wohl noch entstehen werden. Es nimmt f\u00fcr sich sinngem\u00e4ss in Anspruch, \u00ab\u00e4sthetische Grenzen auszuloten und neue k\u00fcnstlerische Wege zu \u00f6ffnen\u00bb, wirkt aber von aussen betrachtet eher wie eine Lobbyorganisation in den Balkan- und Kaukasusl\u00e4ndern f\u00fcr das\u00a0 mittlerweile selber recht traditionelle Avantgarde-Verst\u00e4ndnis der westeurop\u00e4ischen Kunstmusik. \u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Ziele gehen \u00fcber rein musikalische Forschungen hinaus: In einer Charta verlangt pre-art von den Partnern, dass sie \u00abstets ihre Erfindung und damit ihre Geschichtlichkeit, aber auch die darin enthaltenen \u00dcberschreibungen\u00bb reflektieren und offenlegen. Keinen Eingang in die Arbeit finden d\u00fcrfe die \u00abReproduktion von Stereotypen\u00bb. Auch wenn vieles gerade so wirkt: Wie die Konservierung einer bestimmten \u00e4sthetischen Haltung, die letztlich auf eine Schule (mit Brennpunkt in Darmstadt) zur\u00fcckgeht, die mit demokratischer Offenheit und geistiger Freiheit teils selber ihre liebe M\u00fche hatte.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Die Setzungen der Charta ergeben aber durchaus auch einen Sinn: Sie sollen sicherstellen, dass das Projekt nicht f\u00fcr\u00a0 religi\u00f6se, konfessionelle oder nationalistische Selbstdarstellungs-Zwecke vereinnahmt wird. Der Verein st\u00f6sst da aber durchaus auch selber an Grenzen: Wie dem Gesch\u00e4ftsbericht 2010 zu entnehmen ist, musste er sich in Armenien etwa den politischen Realit\u00e4ten beugen und t\u00fcrkische und aserbaidschanische Komponisten aus einem geplanten Programm kippen.\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>\u00a0\u00a0<\/p>\n<p>Pre-art scheint einerseits ein mehr oder weniger geschlossener Wirkkreis: Der Verein vergibt Kompositionsauftr\u00e4ge, pr\u00e4miert sie im Rahmen eigener Wettbewerbe, f\u00fchrt sie mit einem eigenen Ensemble auf, und schult die Instrumentalistinnen und Instrumentalisten in eigenen Meisterkursen. Es gibt aber auch Andockstellen in die umh\u00fcllende Neue-Musik-Szene und deren Infrastrukturen. Initiiert worden ist das Projekt massgeblich vom Schweizer Oboisten Matthias Arter, einem hiesigen Urgestein der Neuen Musik, und dem Fl\u00f6tisten\u00a0 Boris Previ\u0161i\u0107 mit Wurzeln im Balkan, der seine Ausbildung ebenfalls in der Schweiz (in Winterthur und Basel) absolviert hat.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Partikelschauermusik. Eine der Kompositionen, nicht die schlechteste, auf dieser als Werkschau angelegten CD heisst tats\u00e4chlich \u00abdisappearing particles\u00bb. Eine h-cis\u2018-Sekundschichtung agglutiniert in dem Werk der Belgrader Komponistin Sonja Muti\u0107 Klangbruchst\u00fccke und -kaskaden. Aus dem Rahmen f\u00e4llt \u00abJazz Exprompt\u00bb des 1978 geborenen Weissrussen Andr\u00e9y Zapko, das nicht bloss von einem Puls, sondern sogar von einem jazzigen Groove gepr\u00e4gt wird (und sogar\u00a0 keck-beil\u00e4ufig das unter Bassisten ber\u00fcchtigte <em>Smoke-On-The-Water-<\/em>Riff zitiert). F\u00fcr Hardcore-Adorno-Adepten vermutlich goutierbar, weil sich diese Stilmittel als ironische Zitate interpretieren lassen. Am Schluss der Auff\u00fchrung wird im Publikum sogar kurz entspannt gelacht. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><strong>Info:<br \/> <\/strong>Processions. Pre-Art Soloists live in Concert. Werke von Emre Sihan Kaleli, Davor Branimir Vincze, Klemen Leben, Sonja Muti\u0107, Darija Andovska, Djuro Zivkovi\u0107, Aram Hovhannisyan, Arman Gushchyan, Andr\u00e9y Tsapko. PAM 002. Webseite: <a href=\"www.pre-art.ch\">www.pre-art.ch<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2014\/141024pre-art.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>24.10.2014 &#8212; Es gibt eine Tradition in der europ\u00e4ischen Kunstmusik-Avantgarde, die sich dem Durchschnittsh\u00f6rer nur schwer erschliesst. Sie ist theoretisch mit negativer \u00c4sthetik unterf\u00fcttert und hat sich den Gestus von postserieller Aleatorik und Free Jazz der 1960- und 70er-Jahre bewahrt. Oft erinnert sie an Objekte, die in tausend Scherben zersplittert sind, weil sie jemand mutwillig zu Boden geworfen hat. Auch ein metaphorischer Konnex zur Wissenschafts-Moderne findet sich: Vieles darin erinnert an die Momentaufnahmen von Crashs aus den Collidern der Elementarteilchenphysik. 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