{"id":1851,"date":"2014-11-01T13:23:04","date_gmt":"2014-11-01T13:23:04","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/11\/01\/abgetaucht-statt-versunken\/"},"modified":"2014-11-01T13:23:04","modified_gmt":"2014-11-01T13:23:04","slug":"abgetaucht-statt-versunken","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/11\/01\/abgetaucht-statt-versunken\/","title":{"rendered":"Abgetaucht statt versunken"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>31.10.2014 &#8212; Generation Fahrig: Der Nachwuchs h\u00e4ngt am Smartphone wie an einer Infusionsflasche. Ist es mal offline, droht der Kollaps. Videos (mit <em>J\u00f6<\/em>&#8211; oder <em>W\u00e4h<\/em>-Effekt) in Zweiminuten-H\u00e4ppchen konsumiert, rasch ein Like gesetzt, durch die zwanzig lustigsten Ausrutscher geklickt, n\u00e4chstes Thema. Noch ein Facebook-Eintrag kommentiert, im Vor\u00fcbergehen eine Online-Petition zum Tierschutz oder gegen die Ungerechtigkeit der Welt unterschrieben (man ist ja politisch engagiert), n\u00e4chstes Thema\u2026 Zwar machen sie alle einen in sich versunkenen Eindruck, wenn sie krass konzentriert auf ihre Bildschirmchen starren. Sind sie aber nicht, eher abgetaucht. Der Welt abhanden gekommen. Allerdings ohne die Poesie R\u00fcckerts. Des Knaben Wunderhorn heute: ein iPhone.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\u00a0<em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>31.10.2014 &#8212; Generation Fahrig: Der Nachwuchs h\u00e4ngt am Smartphone wie an einer Infusionsflasche. Ist es mal offline, droht der Kollaps. Videos (mit <em>J\u00f6<\/em>&#8211; oder <em>W\u00e4h<\/em>-Effekt) in Zweiminuten-H\u00e4ppchen konsumiert, rasch ein Like gesetzt, durch die zwanzig lustigsten Ausrutscher geklickt, n\u00e4chstes Thema. Noch ein Facebook-Eintrag kommentiert, im Vor\u00fcbergehen eine Online-Petition zum Tierschutz oder gegen die Ungerechtigkeit der Welt unterschrieben (man ist ja politisch engagiert), n\u00e4chstes Thema\u2026 Zwar machen sie alle einen in sich versunkenen Eindruck, wenn sie krass konzentriert auf ihre Bildschirmchen starren. Sind sie aber nicht, eher abgetaucht. Der Welt abhanden gekommen. Allerdings ohne die Poesie R\u00fcckerts. Des Knaben Wunderhorn heute: ein iPhone.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Laut der soeben ver\u00f6ffentlichten j\u00fcngsten James-Studie, welche die ZHAW seit 2010 im Auftrag der Swisscom durchf\u00fchrt, surften 2010 gerade mal 16 Prozent der befragten Jugendlichen t\u00e4glich oder mehrmals w\u00f6chentlich mit dem Handy im Netz. Dieser Anteil ist auf heute 87 Prozent gestiegen. Die Jugendlichen \u00abtelefonieren nicht nur mit dem Smartphone, sie h\u00f6ren damit auch Musik, surfen im Netz, knipsen Fotos, checken ihre E-Mails oder spielen Games\u00bb. Die Allgegenwart des Smartphone ist zum neuen Paradigma des In-der-Welt-Seins geworden.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Themen wie Sexting, Cybermobbing und Stalking sind medienwirksamer und haben gr\u00f6sseres Emp\u00f6rungspotential, die ganz grosse Gefahr der Allgegenwart mobiler Gadgets und Sozialer Medien scheint aber im Stillen die Gesellschaft zu destabilisieren: Die Aufmerksamkeitsspanne und die F\u00e4higkeit zur geduldigen Versenkung in ein Thema, ein R\u00e4tsel der Welt oder das R\u00e4tsel der eigenen Existenz, erodiert.\u00a0 \u00a0<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Glaubt man amerikanischen Studien (der Organisation Assisted Living Today), so ist die Aufmerksamkeitsspanne in den letzten zehn Jahren von zw\u00f6lf Minuten (!) auf f\u00fcnf Sekunden (!) gefallen. Wir haben es mit einer Epidemie, m\u00f6glicherweise der gr\u00f6ssten Bedrohungen der Menschheit seit ihrem Entstehen, zu tun: Der Selbsdispensation durch Unf\u00e4higkeit zur vertieften Reflexion.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Man k\u00f6nnte auf die Musik als Gegenmittel hoffen, denn die klingende Kunst ist wohl eine der \u00e4ltesten Formen des Biofeedback in Sachen Lernen: Ob etwas wirklich verstanden worden ist, zeigt sich sinnlich in der F\u00e4higkeit (oder Unf\u00e4higkeit), es angemessen zu reproduzieren. Musikalische Lernprozesse m\u00fcssen in organischer Weise auf das eigene Tempo mentaler und physischer Ver\u00e4nderungsprozesse R\u00fccksicht nehmen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Allerdings hat die Musik die Generation Fahrig bereits vorwegenommen. Man springt von einem Reiz (einer Urauff\u00fchrung) zum andern (einer Urauff\u00fchrung), ruft st\u00e4ndig nach neuem, statt sich in eine musikalische Erfahrung wirklich zu versenken. Auch die Zeiten, in denen man \u2012 sagen wir mal \u2012 Goulds Goldberg Variationen zweihundertmal aufgelegt und jedes Detail ausgeh\u00f6rt und zum Elebnis gemacht hat, scheinen vorbei\u2026<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>31.10.2014 &#8212; Generation Fahrig: Der Nachwuchs h\u00e4ngt am Smartphone wie an einer Infusionsflasche. Ist es mal offline, droht der Kollaps. Videos (mit <em>J\u00f6<\/em>&#8211; oder <em>W\u00e4h<\/em>-Effekt) in Zweiminuten-H\u00e4ppchen konsumiert, rasch ein Like gesetzt, durch die zwanzig lustigsten Ausrutscher geklickt, n\u00e4chstes Thema. Noch ein Facebook-Eintrag kommentiert, im Vor\u00fcbergehen eine Online-Petition zum Tierschutz oder gegen die Ungerechtigkeit der Welt unterschrieben (man ist ja politisch engagiert), n\u00e4chstes Thema\u2026 Zwar machen sie alle einen in sich versunkenen Eindruck, wenn sie krass konzentriert auf ihre Bildschirmchen starren. Sind sie aber nicht, eher abgetaucht. Der Welt abhanden gekommen. Allerdings ohne die Poesie R\u00fcckerts. 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