{"id":186,"date":"2014-01-09T17:50:01","date_gmt":"2014-01-09T17:50:01","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/pollinis-wohltemperiertes-klavier\/"},"modified":"2014-01-09T17:50:01","modified_gmt":"2014-01-09T17:50:01","slug":"pollinis-wohltemperiertes-klavier","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/09\/pollinis-wohltemperiertes-klavier\/","title":{"rendered":"Pollinis Wohltemperiertes Klavier"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/www.codexflores.ch\/bilder\/2010\/100124pollini.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>22.01.2010 &#8212; Pollini spielt Bachs \u00abWohltemperiertes Klavier\u00bb ein? So ein Projekt liegt etwas schr\u00e4g in der gegenw\u00e4rtigen musikalischen Landschaft. Der italienische Pianist hat ein unverkennbares, nicht unumstrittenes eigenes k\u00fcnstlerisches Profil \u2013 was ihn heute schon weit \u00fcber den Durchschnitt der Klaviervirtuosen hinaushebt; in den Dom\u00e4nen der Alten-Musik-Spezialisten hat er sich bislang allerdings nicht bemerkbar gemacht. Der technische Perfektionist hat sich zun\u00e4chst mit Chopin-Interpretationen, sp\u00e4ter mit eigenen Sichtweisen auf Wiener Klassik und Moderne einen Namen geschaffen. Wagt er sich nun auf barockes Terrain, so d\u00fcrfte dies zun\u00e4chst einmal Ausdruck eines Zeitgeistes sein, der f\u00fcr die intuitive Musikantik der f\u00fcnfziger und sechziger Jahre auf undogmatische, aber dennoch eher restaurative Art das barocke Repertoire wieder f\u00fcr sich reklamiert.<\/p>\n<p> Zumindest mit Blick auf das \u00abWohltemperierte Klavier\u00bb ist das sicherlich legitim, ist der monumentale Zyklus doch weit mehr als bloss Zeugnis barocken Lebensgef\u00fchls. Vielmehr stellt er ein \u00fcber seiner Zeit stehendes musikalisches Grundlagenwerk dar, das immer wieder neu und immer wieder unter den verschiedensten Aspekten gedeutet werden soll und kann, was denn K\u00fcnstler von Glenn Gould bis Keith Jarrett auch getan haben. <\/p>\n<p> Man kann sehr grob gesehen zwei Interpretations-Ans\u00e4tze f\u00fcr das Werk postulieren: Der eine entwickelt ausgehend von der barocken Lehre der Klangrede eine organische, melodiebetonte, s\u00e4ngerische Auffassung und legt dabei viel Sorgfalt in die Ausdeutung und Ausgestaltung von Verzierungen und Phrasierungen. Der andere betont st\u00e4rker die architektonischen Dimensionen und widmet sich eher dem Herausarbeiten von Texturen und formalen Spannungsgleichgewichten. <\/p>\n<p> Pollinis Bach scheint in die zweite Kategorie zu fallen. Die s\u00e4ngerisch atmenden Mittel wie Rubati, Artikulationen, Mikrophrasierungen und differenzierte oder reflektierte Verzierungskunst sind nicht im Fokus seines Interesses. Er entwirft auf einem modernen Konzertfl\u00fcgel (Angaben zum benutzten Instrument finden sich leider nirgends) ein \u00abWohltemperiertes Klavier\u00bb, das transparent und feingezeichnet, aber auch etwas mechanistisch anmutet und den Interpreten hinter dem Notentext eher zur\u00fccktreten l\u00e4sst. Man kann dies als \u00e4sthetische Unentschiedenheit deuten, aber auch als k\u00fcnstlerische Souver\u00e4nit\u00e4t, welche die Einspielung zum Benchmark f\u00fcr Interpretationen macht, die einen pers\u00f6nlicheren und \u00e4sthetisch eigenwilligeren Zugang zu dem Werk suchen.<\/p>\n<p> Bedauerlich ist, dass die Aufnahmetechnik mit Pollinis Interpretationsansatz nicht wirklich korrespondiert. Das eher verhallte und dumpfe Klangbild h\u00e4tte einer s\u00e4ngerischen, aufs melodische Atmen und Ausziselieren der Linien fokussierenden Interpretation m\u00f6glicherweise die richtige Portion W\u00e4rme verleihen k\u00f6nnen. Pollinis in allen Lagen durchsichtiges Spiel verwischt sie eher, und sie beraubt dieses ein wenig des Glanzes. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <em><span class=\"txt-s-black\"><span style=\"font-size: x-small;\">Maurizio Pollini: The Well-Tempered Clavier I, aufgenommen 2008\/2009 im M\u00fcnchner Herkulessaal, Doppel-CD, Booklet mit einem Essay des italienischen Musikwissenschaftlers Paolo Petazzi (e\/d\/f), Deutsche Grammophon, Best.-Nr. 477 8078.<\/span> <\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>22.01.2010 &#8212; Pollini spielt Bachs \u00abWohltemperiertes Klavier\u00bb ein? So ein Projekt liegt etwas schr\u00e4g in der gegenw\u00e4rtigen musikalischen Landschaft. 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