{"id":1928,"date":"2014-11-29T10:56:27","date_gmt":"2014-11-29T10:56:27","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/11\/29\/kulturbotschaft-des-bundes-das-fehlende-glied\/"},"modified":"2014-11-29T10:56:27","modified_gmt":"2014-11-29T10:56:27","slug":"kulturbotschaft-des-bundes-das-fehlende-glied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/11\/29\/kulturbotschaft-des-bundes-das-fehlende-glied\/","title":{"rendered":"Kulturbotschaft des Bundes: das fehlende Glied"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>28.11.2014 &#8212; Allseits \u2012 sogar von b\u00fcrgerlichen Kreisen \u2012 wird die Kulturbotschaft des Bundes f\u00fcr die Jahre 2016 bis 2020 gelobt. Vor allem was die \u00dcbertragung von Aufgaben der gesellschaftlichen Integration und Partizipation auf die Kulturpolitik angeht. Wir sind in Sachen Koppelung von sozialen und kulturellen Aufgaben weitaus skeptischer, das ist aber nicht der Schwachpunkt, den wir in der Botschaft haupts\u00e4chlich sehen. Was uns besch\u00e4ftigt, ist vielmehr, dass sie dem Kernproblem der Kulturf\u00f6rderung aus dem Weg geht. Schlimmer noch: Niemand scheint sich wirklich bewusst zu sein, dass ein solches vorliegt. Dieser Mangel an Problembewusstsein ist freundlich ausgedr\u00fcckt Folge eines unreflektierten R\u00fcckgriffs auf traditionelle und angestaubte Kulturkonzepte der Linken. Weniger freundlich ausgedr\u00fcckt ist es Folge der Denkfaulheit in der b\u00fcrgerlichen Politik. Da scheint sich niemand grundlegende systematische Gedanken machen zu wollen, was Kulturpolitik eigentlich ist und welche Umsetzungsprobleme f\u00fcr allf\u00e4llige liberale F\u00f6rderstrategien sich daraus allenfalls erg\u00e4ben.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>28.11.2014 &#8212; Allseits \u2012 sogar von b\u00fcrgerlichen Kreisen \u2012 wird die Kulturbotschaft des Bundes f\u00fcr die Jahre 2016 bis 2020 gelobt. Vor allem was die \u00dcbertragung von Aufgaben der gesellschaftlichen Integration und Partizipation auf die Kulturpolitik angeht. Wir sind in Sachen Koppelung von sozialen und kulturellen Aufgaben weitaus skeptischer, das ist aber nicht der Schwachpunkt, den wir in der Botschaft haupts\u00e4chlich sehen. Was uns besch\u00e4ftigt, ist vielmehr, dass sie dem Kernproblem der Kulturf\u00f6rderung aus dem Weg geht. Schlimmer noch: Niemand scheint sich wirklich bewusst zu sein, dass ein solches vorliegt. Dieser Mangel an Problembewusstsein ist freundlich ausgedr\u00fcckt Folge eines unreflektierten R\u00fcckgriffs auf traditionelle und angestaubte Kulturkonzepte der Linken. Weniger freundlich ausgedr\u00fcckt ist es Folge der Denkfaulheit in der b\u00fcrgerlichen Politik. Da scheint sich niemand grundlegende systematische Gedanken machen zu wollen, was Kulturpolitik eigentlich ist und welche Umsetzungsprobleme f\u00fcr allf\u00e4llige liberale F\u00f6rderstrategien sich daraus allenfalls erg\u00e4ben.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Es gibt ein Thema, das in den Kontroversen um F\u00f6rderungen alle andern immer weit \u00fcberragt: Alle streiten fast nur darum, ob man nun zur Giesskanne greifen soll, oder ob man sich auf Leuchtt\u00fcrme konzentrieren m\u00fcsste. An den Antworten darauf entz\u00fcnden sich praktisch alle Kontroversen zu kulturpolitischen Massnahmen. Dabei wird regelm\u00e4ssig ein Entweder-Oder konstruiert, anstatt zu sehen, dass die beiden Strategien unerl\u00e4ssliche Bausteine eines Gesamtsystems sind.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Mit der Giesskanne wird auf elementarer Ebene in m\u00f6glichst breiter Art und ohne bereits allzu sehr zu werten, die Suche nach Ideen motiviert. Von letzteren schaffen es einige, zu \u00fcberleben, sich festzusetzen und sich zu Weiterentwicklung zu empfehlen. Daraus k\u00f6nnen neue Stile, Produkte oder Werke entstehen, f\u00fcr deren geistige Wirkung oder Martktauglichkeit gezielte Leuchtturm-F\u00f6rderung erforderlich ist. Anders als die sehr offene, nicht wertende Giesskannenf\u00f6rderung stellt sie Anspr\u00fcche, verlangt sie Professionalismus in der Projektarbeit und bringt sie rigide Qualit\u00e4tskontrollen mit sich.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Dies sind die beiden elementaren Ebenen, auf denen Kulturf\u00f6rderung stattfinden m\u00fcsste. Das historisch gewachsene \u00f6ffentliche Kulturf\u00f6rdersystem der Schweiz ist dazu inkompatibel, weil alle in der Kulturf\u00f6rderung alles machen wollen und die Gemeinden und St\u00e4dte diese auch (und manchmal fatalerweise ausschliesslich) als Mittel der Selbstdarstellung und Identit\u00e4tspflege verstehen (wogegen sich die Kulturschaffenden genauso wehren sollten wie gegen die \u00dcberb\u00fcrdung gesellschaftlicher Aufgaben). Die Fragen, die sich also stellen m\u00fcssten, w\u00e4ren: Wer (Bund, Kantone, Gemeinden, Private) ist im systematisch stimmigen F\u00f6rderganzen f\u00fcr was zust\u00e4ndig? Wie lassen sich die F\u00f6rderungen entsprechend koordinieren?<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Diese Fragen beantwortet die Kulturbotschaft nicht. Wir werden also faktisch auch k\u00fcnftig kulturpolitische Debatten erleben, die fast ausschliesslich die Endlosgeschichte Giesskanne vs. Leuchtt\u00fcrme weiterschreiben werden. So etwas nennt man Treten-an-Ort. Und das macht bloss nach einer Traubenernte Sinn.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Ziele einer guten Kulturpolitik sollte zum einen sein, daf\u00fcr zu k\u00e4mpfen, dass k\u00fcnstlerische Ausdrucksformen wertfrei als elementare Kulturtechniken anerkannt werden; sie sollte daf\u00fcr sorgen, dass Singen, Zeichnen, Modellieren, Tanzen, Dichten auf gleicher Stufe steht wie Lesen, Schreiben, Rechnen und Purzelb\u00e4ume schlagen. Zum andern sollte Kulturpolitik eben wie die Bildungspolitik f\u00fcr Lesen, Schreiben, Rechnen und Purzelb\u00e4ume ein sinnvolles und koordiniertes Gesamtsystem der Vermittlung der Kulturtechniken Singen, Zeichnen, Modellieren, Tanzen, Dichten und so weiter und der Infrastrukturen zu ihrer Aus\u00fcbung etablieren. Davon ist die Kulturbotschaft des Bundes noch weit, weit entfernt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>28.11.2014 &#8212; Allseits \u2012 sogar von b\u00fcrgerlichen Kreisen \u2012 wird die Kulturbotschaft des Bundes f\u00fcr die Jahre 2016 bis 2020 gelobt. Vor allem was die \u00dcbertragung von Aufgaben der gesellschaftlichen Integration und Partizipation auf die Kulturpolitik angeht. Wir sind in Sachen Koppelung von sozialen und kulturellen Aufgaben weitaus skeptischer, das ist aber nicht der Schwachpunkt, den wir in der Botschaft haupts\u00e4chlich sehen. Was uns besch\u00e4ftigt, ist vielmehr, dass sie dem Kernproblem der Kulturf\u00f6rderung aus dem Weg geht. Schlimmer noch: Niemand scheint sich wirklich bewusst zu sein, dass ein solches vorliegt. Dieser Mangel an Problembewusstsein ist freundlich ausgedr\u00fcckt Folge eines unreflektierten R\u00fcckgriffs auf traditionelle und angestaubte Kulturkonzepte der Linken. Weniger freundlich ausgedr\u00fcckt ist es Folge der Denkfaulheit in der b\u00fcrgerlichen Politik. 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