{"id":193,"date":"2014-01-10T10:01:11","date_gmt":"2014-01-10T10:01:11","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/alfred-brendels-konzerte-zum-abschied\/"},"modified":"2014-01-10T10:01:11","modified_gmt":"2014-01-10T10:01:11","slug":"alfred-brendels-konzerte-zum-abschied","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/alfred-brendels-konzerte-zum-abschied\/","title":{"rendered":"Alfred Brendels Konzerte zum Abschied"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/091113brendel.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>13.11.2009 &#8212;<\/em> Der Bach-Choral zum Ausklang. Das ist schon fast allzu bedeutungsschwer. In Bergs Violinkonzert setzt der Choral \u00abEs ist genug\u00bb den todesumwehten (Fast-)Schlusspunkt, und auf der sinkenden Titanic soll die Kapelle die H\u00f6llenfahrt ins kalte Grab mit \u00abN\u00e4her mein Gott zu dir\u00bb orchestriert haben. Auch die Doppel-CD mit Aufnahmen zweier Abschiedskonzerte des Pianisten Alfred Brendel enden mit einem Bach-Choral, n\u00e4mlich Busonis Bearbeitung des Vorspiels zu \u00abNun komm\u2019 der Heiden Heiland\u00bb (BWV 659). <\/p>\n<p> Der Titel eignet sich ja nun nicht gerade zur Beschw\u00f6rung von Endzeitstimmung; Brendel ist auch heute nach wie vor quicklebendig. Der vielsagende Schlusspunkt ist im Grunde genommen aber auch gar keiner. Das Busoni\/Bach-Werklein bildet in der Dramaturgie der beiden CDs den Abschluss der Zugabenreihe, die Brendel am 14. Dezember 2008 in Hannover einem Rezital nachgeschoben hat (die beiden vorangehenden Bis waren die Beethoven-A-Dur-Bagatelle op. 33, Nr.4 und Schuberts Impromptu Ges-Dur, D899, Nr. 3). <\/p>\n<p> Mit dem Bach plante Brendel offensichtlich auch das Konzert vom 18. Dezember 2008 im Musikverein Wien, den definitiv endg\u00fcltig letzten Schlusspunkt der finalen Abschiedstournee, abzurunden. Dort erklatschte sich das Publikum allerdings ein weiteres Encore, und Brendel verliess das Podium nach einer Wiedergabe von Liszts \u00abAu Lac de Wallenstadt\u00bb. Es soll unfreiwillig vom hartn\u00e4ckigen Klingeln eines Mobiltelefons im Auditorium begleitet gewesen sein. Ein ziemlich prosaischer Punkt hinter eine lange Solistenkarriere. Aber auch nicht ganz frei von Anspielungen auf den Anlass, handelt es sich doch um einen Auszug aus dem Album \u00abAnn\u00e9es de P\u00e8lerinage\u00bb Liszts, und eine Art Pilgerreise ist so eine Musikerkarriere ja tats\u00e4chlich. Der Klingelton wiederum schien eine Art Menetekel f\u00fcr das, worauf unser Konzertleben nach dem Abgang von Pers\u00f6nlichkeiten wie Alfred Brendel hinsteuern k\u00f6nnte. Im schlimmsten Fall.<\/p>\n<p> Dass auf die CD das Rezital in Hannover mitsamt Zugaben gebrannt worden ist, deutet darauf hin, dass hier nicht das musikalische Werk, sondern tats\u00e4chlich der historische Anlass im Vordergrund steht. Heutzutage sind Live-Aufnahmen ja auch mehr oder weniger poliert, zusammengeschnitten und aufgemotzt und damit so steril wie weiland Studioarbeiten. Das vorliegende Album hingegen verstr\u00f6mt erfreulicherweise den Charme historischer Konzertaufnahmen: da wird mit den F\u00fcssen gescharrt, ger\u00e4uspert, geklappert und (von Brendel selber) mitgesungen, gebrummt und \u2013 h\u00f6ren wir richtig? \u2013 ab und an sogar innerlich erheitert gekichert ob des Gespielten. <\/p>\n<p> Der Mann hat Stil. Schon der selbstbestimmte Abgang zu einem Zeitpunkt, zu dem noch alles im Lot ist, zeugt davon. Aber auch die souver\u00e4ne Gelassenheit, mit der er das musikalische Programm angeht, hat echte Klasse. Gegen eine Aufnahme des Rezitals in Hannover hat sich Brendel laut eigenen Aussagen zun\u00e4chst gewehrt. Dass seine Entourage in umzustimmen vermochte, kann ihr nicht genug verdankt werden. Selten genug vermitteln heutige CD-Produktionen das Gef\u00fchl, an einem authentischen und nicht von irgendwelchen Marketingstrategen konstruierten Ereignis teilzuhaben. <\/p>\n<p> Bei modernen \u00abLive\u00bb-Aufnahmen sind Huster und St\u00fchler\u00fccken l\u00e4stige St\u00f6rfaktoren. Hier ist dies interessanterweise nicht der Fall. Dies hat vor allem damit zu tun, dass bei allem klanglichen Raffinement der Wiener Philharmoniker und des Pianisten nicht die polierte Oberfl\u00e4che der Musik das Wesentliche ausmacht, sondern die lebendige und farbenreiche Ausdeutung der Mikro- und Makroarchitektur der Kompositionen, die auch aufnahmetechnisch eine ungew\u00f6hnliche r\u00e4umliche Plastizit\u00e4t schafft. So konturiert und klanggeredet h\u00f6rt man Mozarts \u00abJeunehomme\u00bb-Konzert KV 271 sonst kaum je. Und auch Haydns geniale f-Moll-Variationen HOB XVII:6 sowie die Sonaten \u2013 Mozarts KV 533 in F-Dur, Beethovens 13. in E-Dur und Schuberts D960 in B-Dur \u2013 h\u00f6rt man hier beseelt und frei von jeglicher Effekthascherei. Die Doppel-CD erinnert so in gewisser Weise an einen Spruch, den die Erbauer des Berner M\u00fcnsters stolz in einen Stein des alles \u00fcberragenden Geb\u00e4udes gemeisselt haben: \u00abMach\u2019s na\u00bb steht dort. Das d\u00fcrfte im Fall Brendels zur echten Herausforderung werden. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\" style=\"font-size: x-small;\"><em> Alfred Brendel: The Farewell Concerts, Alfred Brendel (Piano), Wiener Philharmoniker, Sir Charles Mackerras (Leitung). Aufnahmen von den Konzerten vom 14. Dezember 2008 im Grossen Sendesaal des Landesfunkhauses Niedersachsen (Hannover) und vom 18. Dezember im Musikverein Wien. Universal\/Decca, Best.-Nr. 478 2116<\/em> <\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13.11.2009 &#8212; Der Bach-Choral zum Ausklang. Das ist schon fast allzu bedeutungsschwer. 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