{"id":1945,"date":"2014-12-07T13:45:48","date_gmt":"2014-12-07T13:45:48","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/12\/07\/5-symphoniekonzert-des-berner-symphonieorchesters\/"},"modified":"2014-12-07T13:45:48","modified_gmt":"2014-12-07T13:45:48","slug":"5-symphoniekonzert-des-berner-symphonieorchesters","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/12\/07\/5-symphoniekonzert-des-berner-symphonieorchesters\/","title":{"rendered":"5. Symphoniekonzert des Berner Symphonieorchesters"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">07.12.2014 &#8212; Was h\u00e4lt gr\u00f6ssere Formen zusammen, woraus ergeben sich gr\u00f6ssere Sinnb\u00f6gen, die ein Werk der Tonkunst zu mehr als einer nicht unbedingt zwingenden Abfolge singul\u00e4rer Ereignisse machen? Im 19. Jahrhundert, der Hochbl\u00fcte der Grossformen in der absoluten Musik, scheint das Paradigma die motivische Arbeit in der Sonatenform, das pr\u00e4gende Erbe Bethovens. Auch in postromantischen Zeiten haben sich Tonsch\u00f6pfer auf das Strukturprinzip berufen. Allerdings scheinen H\u00f6r- und Kompositionsgrammatik dabei mehr und mehr auseinander gedriftet zu sein. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrzahl der theoretisch bloss rudiment\u00e4r geschulten H\u00f6rer d\u00fcrften sich vor allem an klanglichen Strukturen und charakteristischen rhythmisch-melodischen Pattern als sinnstiftende Formen orientiert haben (und immer noch orientieren). Die (nach dem faktischen Verbot strukturierender Elemente wie Puls oder Wiederholungen in der Neuen Musik) prim\u00e4r auf Textur- und Klang-Architekturen errichteten zeitgen\u00f6ssischen Werke akzentuieren die Differenz.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">07.12.2014 &#8212; Was h\u00e4lt gr\u00f6ssere Formen zusammen, woraus ergeben sich gr\u00f6ssere Sinnb\u00f6gen, die ein Werk der Tonkunst zu mehr als einer nicht unbedingt zwingenden Abfolge singul\u00e4rer Ereignisse machen? Im 19. Jahrhundert, der Hochbl\u00fcte der Grossformen in der absoluten Musik, scheint das Paradigma die motivische Arbeit in der Sonatenform, das pr\u00e4gende Erbe Bethovens. Auch in postromantischen Zeiten haben sich Tonsch\u00f6pfer auf das Strukturprinzip berufen. Allerdings scheinen H\u00f6r- und Kompositionsgrammatik dabei mehr und mehr auseinander gedriftet zu sein. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrzahl der theoretisch bloss rudiment\u00e4r geschulten H\u00f6rer d\u00fcrften sich vor allem an klanglichen Strukturen und charakteristischen rhythmisch-melodischen Pattern als sinnstiftende Formen orientiert haben (und immer noch orientieren). Die (nach dem faktischen Verbot strukturierender Elemente wie Puls oder Wiederholungen in der Neuen Musik) prim\u00e4r auf Textur- und Klang-Architekturen errichteten zeitgen\u00f6ssischen Werke akzentuieren die Differenz.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Klanglichkeit, Texturen, akustische Mikrolandschaften sind es denn auch, die an einem Werk wie Prokofiews erstem Violinkonzert (sinnigerweise in der Beethoven-Konzert-Tonart D-Dur) faszinieren. Dass sich darin historisch vorweggenommen ausgerechnet eine Klangikone der Filmmusik findet (die Messerszene in der Dusche von Hitchcocks \u00abPsycho\u00bb im Scherzo kurz vor der Nummer 33 in der Solovioline) ist symptomatisch. Ideal entgegen kommt die Partitur dem Berner Symphonieorchester (BSO) und dem ihm vom Chefdirigenten Mario Venzago zur Zeit vorgezeichneten Weg sowie der Solistin Veronika Eberle, die mit ihrer unaffektierten und pr\u00e4zise gestaltenden Art bestens zu Orchester und Dirigent zu passen scheint. Wie transparent, kammermusikalisch durchsichtig und dynamisch k\u00fchn da bis in ersterbende Pianissimi im 5. Symphoniekonzert der Saison gestaltet wird, ist (vor allem im ersten Satz) atemraubend. Da erklingt Musik, die ein Jahrhundert lang an \u00e4sthetischer Aktualit\u00e4t nichts verloren zu haben scheint. Die Solistin bedankt sich f\u00fcr den anhaltenden \u00a0Applaus mit dem Adagio aus Bachs g-Moll-Soloviolinpartita, genauso souver\u00e4n und nobel dargeboten wie der Solopart im Prokofiew-Konzert.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">M\u00f6glich dass die Klanglichkeit von Dieter Ammanns \u00abBoost\u00bb die Ohren f\u00fcr die Wiedergabe des Prokofiew-Konzerts kalibriert hat. Es ist dem BSO hoch anzurechnen, dass es eine f\u00fcr zeitgen\u00f6ssische Kompositionen allzu seltene Interpretationsgeschichte mitschreibt. \u00abBoost\u00bb ist bereits mehrfach in Schweizer Konzerts\u00e4len erklungen, in Luzern, aber auch in Aarau mit dem dortigen Orchester, das sich heute argovia philharmonic nennt \u2012 notabene mit dem gleichen Konzertmeister, der auch in Bern die Streicher anf\u00fchrt und damit Erfahrung weitergeben kann. Das Privileg des Aargauer Ensembles war es, eine vom Komponisten selber einstudierte Wiedergabe realisieren zu k\u00f6nnen. Dem BSO sind weniger Zeit und Ressourcen geblieben, das Resultat ist \u2012 auch dank der allgemeinen intensiven Orchesterarbeit Venzagos mit dem Klangk\u00f6per \u2012 durchaus respektabel. Gerne l\u00e4sst man sich hineinziehen in die akustischen Landschaften, die von sirrenden Streichern, gamelanartigen Perkussionspassagen und fraktalen Texturen in verklumpte Klangkaskaden \u00fcberblenden, ohne in der grossen Anlage planlos zu wirken. Amman hat f\u00fcr die grosse Form eine eigenst\u00e4ndige Dramaturgie entwickelt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Der Beitrag Venzagos und des BSO zur Kultur der Wiederauff\u00fchrungen neuer Werke ist das eine, das \u00a0andere der Einsatz f\u00fcr einen lange Zeit marginalisierten russisch-schweizerischen Tonsch\u00f6pfer der Belle \u00c9poque. Gemeint ist der 1842 als Exilb\u00fcndner in Russland geborene Paul Juon, der auch als \u00dcbersetzer russischer Harmonielehren seiner Zeit einen wichtigen Beitrag zum Austausch zwischen deutschen und russischen Kompositionsschulen geleistet hat. Mario Venzago und das BSO begegnen der Partitur seiner zweiten Symphonie Nr. 2 in A-Dur mit allem Respekt und entdecken darin viele klanglich und formal reizvolle Details. Das analytische Bem\u00fchen um Respekt vor dem Notentext l\u00e4sst die Sinfonie allerdings etwas harmlos erscheinen. Da w\u00e4re man neugierig gewesen, wie sie unter Venzagos Vorg\u00e4nger, dem Russen Andrey Boreyko, geklungen h\u00e4tte und ob ihr etwas mehr Erdenschwere und Klangopulenz m\u00f6glicherweise mehr Dringlichkeit verliehen h\u00e4tte. <em>(wb) <\/em>\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><strong>Info:<\/strong><\/span><br \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"> Freitag, 5.12.2014, Kultur-Casino Bern, 5. Symphoniekonzert des Berner Symphonieorchesters, Mario Venzago (Leitung), Veronika Eberle (Violine), Werke von Dieter Ammann (\u00abBoost\u00bb, 2000\/01), Sergej Prokofiew (1.Violinkonzert D-Dur, op.19) und Paul Juon (Symphonie Nr.2 A-Dur op. 23)<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">07.12.2014 &#8212; Was h\u00e4lt gr\u00f6ssere Formen zusammen, woraus ergeben sich gr\u00f6ssere Sinnb\u00f6gen, die ein Werk der Tonkunst zu mehr als einer nicht unbedingt zwingenden Abfolge singul\u00e4rer Ereignisse machen? Im 19. Jahrhundert, der Hochbl\u00fcte der Grossformen in der absoluten Musik, scheint das Paradigma die motivische Arbeit in der Sonatenform, das pr\u00e4gende Erbe Bethovens. Auch in postromantischen Zeiten haben sich Tonsch\u00f6pfer auf das Strukturprinzip berufen. Allerdings scheinen H\u00f6r- und Kompositionsgrammatik dabei mehr und mehr auseinander gedriftet zu sein. Die \u00fcberw\u00e4ltigende Mehrzahl der theoretisch bloss rudiment\u00e4r geschulten H\u00f6rer d\u00fcrften sich vor allem an klanglichen Strukturen und charakteristischen rhythmisch-melodischen Pattern als sinnstiftende Formen orientiert haben (und immer noch orientieren). Die (nach dem faktischen Verbot strukturierender Elemente wie Puls oder Wiederholungen in der Neuen Musik) prim\u00e4r auf Textur- und Klang-Architekturen errichteten zeitgen\u00f6ssischen Werke akzentuieren die Differenz.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[12],"tags":[],"class_list":["post-1945","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-ereignisbesprechungen","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1945","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=1945"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/1945\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=1945"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=1945"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=1945"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}