{"id":200,"date":"2014-01-10T10:07:43","date_gmt":"2014-01-10T10:07:43","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/improvisationen-ueber-schweizer-lieder\/"},"modified":"2014-01-10T10:07:43","modified_gmt":"2014-01-10T10:07:43","slug":"improvisationen-ueber-schweizer-lieder","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/improvisationen-ueber-schweizer-lieder\/","title":{"rendered":"Improvisationen \u00fcber Schweizer Lieder"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090807vracheva.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>07.08.2009 &#8212;<\/em> Der Jazz hat die Kunst der Improvisation zu einer ganz eigenen Ausdrucksform gemacht und dabei die Regeln f\u00fcr die spontane Art des Musizierens auf eigene Art definiert. Es ist dabei keineswegs so, dass da immer alles pure Erfindung ist. Vielmehr verf\u00fcgt der Jazzmusiker \u00fcber einen reichen Baukasten an Elementen, Formen, Kl\u00e4ngen, Rhythmen, die er kunstvoll kombiniert und, wenn er es in seinem Fach wirklich zur Meisterschaft bringt, daraus auch einen originellen eigenen Stil erschafft, in dem sich die echte Erfindung gegen\u00fcber der Rekombination von Klischees ihr Recht erstreitet. Der Akzent liegt dabei \u2013 auch auf den Harmonieinstrumenten Gitarre, Orgel oder Klavier \u2013 in der Regel auf einer immer kunstvolleren Form der fein ausziselierten, sich stetig fortspinnenden Melodik, die mit impressionistisch anmutenden harmonischen Farbtupfern auf originelle Art koloriert werden, zumindest in der Tonsprache, die sich als Mainstream der Jazzgeschichte herausgebildet hat.<\/p>\n<p> Auch in der europ\u00e4ischen Kunstmusik wurde fr\u00fcher oft und gerne improvisiert, der barocke Basso continuo erinnert dabei durchaus an die zeitgen\u00f6ssischen Jazztechniken. Mit der Klassik und der Romantik bildete sich aber ein Idiom heraus, das seine Bausteine nicht wie der Jazz in <em>Licks, Changes<\/em> und <em>Patterns<\/em> und wie sie in dessen Theorie sonst so heissen, findet, sondern in kontrapunktischen Begleitformeln, Kadenzierungen, aus den Tanztraditionen stammenden rhythmischen Zellen und motivischer Arbeit. Zu h\u00f6chster Meisterschaft brachten es dabei Pianisten wie Liszt oder der geb\u00fcrtige Genfer Sigismund Thalberg. Heutzutage ist das Improvisieren im klassischen Idiom vor allem noch unter den Organisten verbreitet, aber selbst die kundigen Orgelimprovisatoren geh\u00f6ren zu einer aussterbenden Gattung, zu stark ist der Sog der eleganten und subtilen \u00abneuen\u00bb Art des Improvisierens, die der Jazz nach Europa exportiert hat.<\/p>\n<p> Freieren Umgang mit den typischen Bausteinen der klassischen Komposition eigneten sich im 20. Jahrhundert vor allem Begleiter von Stummfilmen, Ballett-Korrepetitoren und Barpianisten an, die tagein-, tagaus, wenn nicht jahraus-, jahrein die immer gleichen Fugati, Alberti-B\u00e4sse, Chopin-L\u00e4ufe, Barcarolen, Mazurken, Walzer, Tangos, Czardas und so weiter abzunudeln hatten und denen damit deren Schablonen in Fleisch und Fingerspitzen \u00fcbergingen.<\/p>\n<p> Etwas von dieser hohen Kunst des europ\u00e4ischen <em>instant composing<\/em> l\u00e4sst die bulgarische Pianistin Galina Vracheva wieder aufleben. Interessanterweise scheint sie auch die gesellschaftliche Umgebung, in der sie sich dabei bewegt, die grossb\u00fcrgerlichen Traditionen des 19. Jahrhunderts, in denen diese Kunst ihre Wurzeln hat, wieder aufleben zu lassen. Die K\u00fcnstlerin tritt gerne im Ambiente geschichtsbeladener Luxushotels auf, dem Dolder in Z\u00fcrich, im Bellevue-Palace in Bern, im Schweizerhof Luzern, und sogar im Saal der Z\u00fcrcher Freimaurerloge und auch wie einst Liszt oder Chopin in Salons geschlossener Gesellschaften.<\/p>\n<p> Auch die Faszination des Orients, die der Sp\u00e4tromantik eigen war, scheint sich in ihrer Konzertagenda zu spiegeln, mit Auftritten in Zagreb und Damaskus. Und selbst das Zirzensische, das dieser Art des Virtuosentums immer eigen war, scheint da reproduziert zu werden: Liest man, dass Vracheva zusammen mit ihrem Hologramm im Z\u00fcrcher Dolder an zwei B\u00f6sendorfer Konzertfl\u00fcgeln aufgetreten sein soll, f\u00fchlt man sich unversehens in Offenbachs Oper \u00abHoffmanns Erz\u00e4hlungen\u00bb versetzt.<\/p>\n<p> Radio Swiss Classic und Deutsche Grammophon dokumentieren Vrachevas Improvisationen mit einer CD, f\u00fcr die Schweizer Lieder als Stichwortgeber dienen. Die vorwiegend simplen Melodien haben da bloss die Aufgabe einer Art Marksteine. Die Pianistin verbl\u00fcfft dabei weniger mit differenziertem Anschlag und ausgekl\u00fcgelter Dynamik (die Mikrophonierung scheint in dieser Hinsicht auch nicht viel Spielraum zu lassen) als mit teils verbl\u00fcffenden harmonischen Wendungen und einem scheinbar unersch\u00f6pflichen, mit Spielwitz und Fantasie genutztem Reservoir an Versatzst\u00fccken aus der europ\u00e4ischen Musikgeschichte. Einer der H\u00f6hepunkte bildet zweifellos eine Fuge mit vorangestelltem Pr\u00e4ludium \u00fcber das Thema des Beresinaliedes. Bach und Chopin scheinen generell die Ecksteine von Galina Vrachevas improvisatorischem Kosmos zu bilden.<\/p>\n<p> Interessant ist im \u00fcbrigen, ihre Versionen der Freiburger Ranz des Vaches mit denjenigen des Jazzpianisten Thierry Lang zu vergleichen (siehe Codex-flores-<a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/popular.php?art=39\">Rezension<\/a>), die Unterschiede im Improvisationsverst\u00e4ndnis von Klassik und Jazz zeigen sich wohl kaum anderswo sonst so eindr\u00fccklich. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Galina Vracheva: Die Kunst der Paraphrase, Romantische Fantasien und Virtuosit\u00e4ten \u00fcber Schweizer Lieder. Radio Swiss Classic\/Deutsche Grammophon, Doppel-CD, Universal 476 353-8.<\/span><\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>07.08.2009 &#8212; Der Jazz hat die Kunst der Improvisation zu einer ganz eigenen Ausdrucksform gemacht und dabei die Regeln f\u00fcr&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-200","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/200","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=200"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/200\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=200"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=200"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=200"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}