{"id":201,"date":"2014-01-10T10:08:33","date_gmt":"2014-01-10T10:08:33","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/deqing-wen-und-die-fuenf-formen-der-kalligrafie\/"},"modified":"2014-01-10T10:08:33","modified_gmt":"2014-01-10T10:08:33","slug":"deqing-wen-und-die-fuenf-formen-der-kalligrafie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/deqing-wen-und-die-fuenf-formen-der-kalligrafie\/","title":{"rendered":"Deqing Wen und die f\u00fcnf Formen der Kalligrafie"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090724denqingwen.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>24.07.2009 &#8212;<\/em> Schrift und Musik \u2013 das ist ein Paar, das Musiker immer wieder herausfordert, ja irritiert. Die Notenschrift selber hat ja schon einen ganz eigenen \u00e4sthetischen Wert, der die Art, wie Instrumentalisten und S\u00e4nger die klingende Kunst verstehen, beeinflusst. Schrift hat aber nicht bloss als Schrift-<em>bild<\/em> mit seinen Rhythmen, Leerstellen und Ornamenten etwas Musikalisches, auch der <em>Vorgang des Schreibens<\/em> weckt Assoziationen zur Tonkunst. Speziell trifft dies zu auf die Formen, die als Kalligrafie zu einer Art meditativer, hoch artifizieller T\u00e4tigkeit weiterentwickelt worden sind. In Europa wurde dieses Handwerk vor allem in den mittelalterlichen Schreibstuben praktiziert. Die M\u00f6nche erzeugten die Anfangsbuchstaben von Texten im fortlaufenden Fluss, die Hand durfte dabei nicht absetzen, schlich sich ein Fehler ein, blieb er stehen. Dieses Ritual hat der deutsche Komponist Hans Zender auf Musik \u00fcbertragen. Seine 2004 in Berlin uraufgef\u00fchrten \u00abKalligraphien\u00bb sind \u00abin einem Fluss, ohne die Hand abzusetzen, ohne zu streichen oder nachzubessern\u00bb, aufs Papier gebracht worden.<\/p>\n<p> Zu einem zentralen Motiv ist die Kalligrafie in der ostasiatischen Kunstmusik geworden. Hierzulande finden sich im Konzertleben in dieser Hinsicht etliche Spuren. 2007 hat das Amati Quartett den japanischen Komponisten Toshio Hosokawa mit dem Schreiben eines neuen Werkes beauftragt. Entstanden sind so sechs St\u00fccke f\u00fcr Streichquartett, die den Namen \u00abKalligrafie\u00bb tragen. Seine T\u00f6ne entsprechen laut einer Charakterisierung Hosokawas den Schriftzeichen \u2013 Linien und Punkten \u2013 , die mit unterschiedlichen Pinseln auf eine \u00abLeinwand des Schweigens\u00bb geschrieben sind. <\/p>\n<p> Das Aargauer Symphonie Orchester wiederum hat im M\u00e4rz dieses Jahres die Symphonie \u00abDharani\u00bb des japanischen Komponisten Isao Matsushita in den Konzertsaal gebracht. Zu der Musik des anfangs nur improvisierenden Orchesters malte der japanische Kalligraf Tetsuo Terasaki auf der B\u00fchne drei chinesische Schriftzeichen auf grosse Tafeln.<\/p>\n<p> Ein radikale und geistige tief in die r\u00e4tselhaften Verbindungen von Schrift, Sprache, Klang und Musik dringende Auseinandersetzung f\u00fchrt auch der chinesisch-schweizerische Komponist Deqing Wen, der heuer beim \u00abDavos Festival &#8211; young artists in concert\u00bb als Composer in residence amtet. Das Label Musiques Suisses des Migros Kulturprozentes hat rechtzeitig zu diesem bemerkenswerten Auftritt im Pr\u00e4ttigau des ansonsten schwergewichtig in der Westschweiz und Schanghai t\u00e4tigen Tonsch\u00f6pfers eine repr\u00e4sentative CD mit fr\u00fcheren Werken und unterschiedlichen Interpreten, darunter das Collegium Novum Z\u00fcrich und das Orchestre de la Suisse Romande, produziert. <\/p>\n<p> Zwei der darauf vertretenen Werke entstammen einem Zyklus, der die \u00abf\u00fcnf verschiedenen Formen der Kalligrafie\u00bb portr\u00e4tiert. \u00abTraces IV\u00bb f\u00fcr die chinesische Trompete Suo-na und grosses Orchester bildet die fl\u00fcchtige Schrift ab, die auch als \u00abungez\u00fcgeltes Pferd\u00bb charakterisiert wird. \u00abTraces II\u00bb f\u00fcr Fl\u00f6te, Klarinette, zwei Perkussionisten, Klavier, Geige, Bratsche, Cello und Kontrabass ist eine Reverenz an den \u00abwarmherzig-echten Stil\u00bb.<\/p>\n<p> Denqin Wens Musik ist f\u00fcr europ\u00e4ische Ohren gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, lehnt sie sich doch stark an die Kl\u00e4nge und das Instrumentarium der traditionellen chinesischen Musik mit ihren schnarrenden, nerv\u00f6s-vibrierenden Spieltechniken und hochfrequenten Mixturen an. \u00abTraces IV\u00bb klingt denn oberfl\u00e4chlich auch, wie wenn sich ein Ensemble der Kunqu-Oper in ein Freejazz-Lokal der 1960er-Jahre verirrt h\u00e4tte. Der an ein Sopransaxophon erinnernde Klang des Suo-na tut dazu das Seinige. Beim zweiten Hinh\u00f6ren \u00f6ffnet sich in den St\u00fccken aber ein feinnerviger, hochdifferenzierter Klangkosmos, der \u2013 wie etwa auch im Vogelstimmenduo \u00abTwo Birds in one Cage\u00bb f\u00fcr Oboe und Englischhorn \u2013 Deqing Wen als virtuosen Wanderer zwischen den Welten akustischer Mimikry und poetischer Stilisierung von Umgebungskl\u00e4ngen zeigt. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Denqin Wen. Musiques Suisses Grammont Portrait. \u00abTraces IV\u00bb, f\u00fcr Suo-na und grosses Orchester; \u00abTwo Birds in one Cage\u00bb f\u00fcr Oboe und Englischhorn; \u00abInk Splashing I\u00bb und \u00abTraces II\u00bb f\u00fcr Kammerensemble; \u00abSpring, River and Flowers on a Moonlit Night\u00bb, Konzert f\u00fcr Pipa und Kammerorchester. MGB CTS-M 116.<br \/> Bezugsnachweis: <a href=\"http:\/\/www.musiques-suisses.ch\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.musiques-suisses.ch<\/a><\/span><\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>24.07.2009 &#8212; Schrift und Musik \u2013 das ist ein Paar, das Musiker immer wieder herausfordert, ja irritiert. 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