{"id":202,"date":"2014-01-10T10:09:22","date_gmt":"2014-01-10T10:09:22","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/kaufmann-und-die-deutsche-romantik\/"},"modified":"2014-01-10T10:09:22","modified_gmt":"2014-01-10T10:09:22","slug":"kaufmann-und-die-deutsche-romantik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/kaufmann-und-die-deutsche-romantik\/","title":{"rendered":"Kaufmann und die deutsche Romantik"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090710kaufmann.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>10.07.2009 &#8212;<\/em> Fr\u00fcher mal h\u00e4tte die CD, die der Tenor Jonas Kaufmann als zweites Solo-Album vorlegt, m\u00f6glicherweise Polemik provoziert \u2013 da wird mit Versatzst\u00fccken deutschen Selbstverst\u00e4ndnisses gespielt, die unter Umst\u00e4nden Unbehagen ausgel\u00f6st h\u00e4tten: Die Silberscheibe bringt bereits im Titel \u2013 \u00abSehnsucht\u00bb \u2013 ein angeblich urdeutsches Heimatgef\u00fchl zum Ausdruck, und der Booklet-Text ist mit \u00abJonas Kaufmann \u2013 der <em>deutsche<\/em> Tenor\u00bb (unsere Kursivsetzung) \u00fcbertitelt. Der Klappentext erinnert \u00fcberdies an Fritz Wunderlich, der vielleicht insofern gar nicht typisch deutsch gewesen sei, als er \u00abimmer sein ganzes Herz in seine Stimme legte\u00bb, zitiert er Kaufmann. Auch Kaufmanns Einsch\u00e4tzung einer vermeintlichen Blendung in Wunderlichs Kunst mutet typisch deutsch an. Wunderlich habe gelernt, erkl\u00e4rt Kaufmann, die Stimme so zu kontrollieren, dass \u00abdie Leute darauf schw\u00f6ren k\u00f6nnten, dass man wirklich und wahrhaftig so empfindet.\u00bb Damit wolle man nicht nur das Publikum beeindrucken \u2013 es erscheine vielmehr als <em>echt<\/em> (kursiv im Original). Kunst als distanzierte, dem spontanen Impuls misstrauende K\u00fcnstlichkeit, die sich gerade dadurch ihre Dauerhaftigkeit sichert. Unwillk\u00fcrlich dr\u00e4ngt sich da Kaufmanns Kollege Rolando Villaz\u00f3n als Alter Ego auf, als Gegenfigur, die \u2013 dem Klischee lateinischer Emotionalit\u00e4t folgend \u2013 inneres Feuer vor Technik stellt und sich dabei prompt vor der Zeit auszuzehren scheint.<\/p>\n<p> Kaufmann pr\u00e4sentiert das volle Programm des deutsch-romantischen Gef\u00fchlsgenies, von Mozarts Tamino \u00fcber Beethovens Florestan (den er f\u00fcr relativ eindimensional h\u00e4lt) und die schubertschen Biedermeier-Helden bis zum \u00abreinen Tor\u00bb Parsifal des wagnerschen Sagen-Universums. Auf dem Cover der CD posiert Kaufmann in der Manier von Caspar David Friedrichs Wanderer \u00fcber dem Nebelmeer. Dem kontemplativen Tableau bricht er allerdings die Pointe, indem er als Portr\u00e4tierter dem Betrachter nicht wie im Original in verinnerlichter Weltabgewandheit den R\u00fccken zukehrt, sondern sich uns in \u00abKauf mich\u00bb-Pose zuwendet und die Szene damit platt entzaubert.<\/p>\n<p> Keiner allerdings w\u00fcrde ein solches Album heute als deutscht\u00fcmelndes Bekenntniswerk verstehen, vielmehr fasst man es im Nachgang zur Postmoderne automatisch als Spiel mit den Versatzst\u00fccken des Topos&#8216; auf. Im globalisierten Konzert- und Opernbusiness, in dem Ten\u00f6re vom Schlag eines Domingo, Villaz\u00f3n, Florez, Cura oder Alagna den Takt vorgeben, gilt es offenbar, ein vermarktungsf\u00e4higes nordl\u00e4ndisches Gegenbild zum Latin Lover aufzubauen.<\/p>\n<p> Ein Gegenbild allerdings, dem interpretatorisch auch etwas Nivellierendes eigen ist: Sie werden in dieser Tour d&#8217;horizon eingeebnet, die unterschiedlichen \u00e4sthetischen Welten, in welche die Kl\u00e4nge Mozarts, Beethovens, Schuberts und Wagners eingebettet sind \u2013 ungeachtet der immer ausdifferenzierteren historisch-kritischen Interpretationskunst der letzten Jahrzehnte, die ihnen mittlerweile ausgepr\u00e4gte individuelle Konturen verliehen haben.<\/p>\n<p> Die nicht chronologisch, sondern dramaturgisch motivierte Zusammenstellung der Arien gewinnt dadurch aber auch etwas: Sie modelliert eine Art \u00abBig Picture\u00bb, ein virtuelles romantisches Entwicklungsdrama, das mit Lohengrin von Sehnsucht und Aufbruch ins Ferne Land erz\u00e4hlt (\u00abMein lieber Schwan!\u00bb) und \u00fcber die Pr\u00fcfungen Taminos und Florestans Kerker-Martyrium bis zu Parsifals Grals-Fund f\u00fchrt (\u00abZunehmende D\u00e4mmerung in der Tiefe, bei wachsendem Lichtschein in der H\u00f6he\u00bb), Partien denen Kaufmanns warme und wendige Stimme allen irgendwie gerecht wird, ohne je die \u00e4sthetische Distanz zu verlieren. Das Mahler Chamber Orchestra unter der Stabf\u00fchrung von Claudio Abbado errichtet ihm dazu auf hohem Niveau routiniert die Klangkulisse. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <em><span class=\"txt-s-black\" style=\"font-size: x-small;\">Jonas Kaufmann: Sehnsucht. Opern-Arien von Mozart (Zauberfl\u00f6te), Schubert (Fierrabras, Alfonso und Estrella), Beethoven (Fidelio) und Wagner (Lohengrin, Walk\u00fcre, Parsifal). Mahler Chamber Orchestra, Coro del Teatro Regio di Parma, Claudio Abbado (Leitung), Margarete Joswig (Mezzosopran), Michael Volle (Bassbariton), Valdis Jansons (Bass). Decca CD Album 0028947819639.<\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>10.07.2009 &#8212; Fr\u00fcher mal h\u00e4tte die CD, die der Tenor Jonas Kaufmann als zweites Solo-Album vorlegt, m\u00f6glicherweise Polemik provoziert \u2013&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-202","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/202","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=202"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/202\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=202"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=202"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=202"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}