{"id":207,"date":"2014-01-10T10:13:34","date_gmt":"2014-01-10T10:13:34","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/bach-kantaten-ohne-pietistische-patina\/"},"modified":"2014-01-10T10:13:34","modified_gmt":"2014-01-10T10:13:34","slug":"bach-kantaten-ohne-pietistische-patina","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/bach-kantaten-ohne-pietistische-patina\/","title":{"rendered":"Bach-Kantaten ohne pietistische Patina"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090501vonotter.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>01.05.2009 &#8212;<\/em> Historisches Spekulieren ist ja v\u00f6llig m\u00fcssig. Wir nehmen aber trotzdem mal an (nur weil&#8217;s ins \u00fcbliche Bild passt), Bach w\u00e4re schockiert gewesen, h\u00e4tte er das geh\u00f6rt: Die Mezzosopranistin Anne Sofie von Otter, der Dirigent und Organist Lars Ulrik Mortensen und das Concerto Copenhagen f\u00fcllen seine Kirchenmusik mit prallem, sinnlichem, g\u00e4nzlich unpietistischem Leben. Aber vielleicht untersch\u00e4tzen wir ja Bachs heimliches Verst\u00e4ndnis f\u00fcr kaum verh\u00fcllte Musizierlust und Klangsinnlichkeit. Vielleicht w\u00e4re ja auch bloss die bigotte Gemeinde schockiert gewesen, an der sich der Thomaskantor immer wieder rieb; er selber h\u00e4tte m\u00f6glicherweise seine helle Freude gehabt, mal statt die T\u00f6ne von Zippelfagottisten, quengelnden Musici und mehr kokett als korrekt fl\u00f6tenden Sopranistinnen eben mal andere zu h\u00f6ren.<\/p>\n<p> Anne Sofie von Otter hat sich ihr eigenes, unkonventionelles Album an Bach-Arien zusammengestellt. Es umfasst Ausz\u00fcge aus Kantaten aus der Weimarer Zeit des Barockmeisters, dar\u00fcber hinaus St\u00fccke aus der Matth\u00e4uspassion, der h-Moll-Messe und dem Magnificat. Aus den Kantaten BWV 12 und 35 haben auch zwei rein instrumentale Sinfonias in die Kollektion Eingang gefunden.<\/p>\n<p> Da wird Bachs Musik in ein funkelndes, stets wechselndes und immer wieder \u00fcberraschendes klangliches Licht getaucht. Umwerfend etwa, wie seidig-verf\u00fchrerisch die Violine das \u00abErbarme dich, mein Gott\u00bb aus der Matth\u00e4uspassion einleitet, oder wie Klangmixturen \u2013 etwa die Fl\u00f6te\/Streicher-Kopplung in \u00abKommt ihr angefocht&#8217;nen S\u00fcnder\u00bb aus der Kantate BWV 30 oder freche Tutti-Sforzati der Streicher in \u00abNichts kann mich erretten\u00bb aus der Kantate BWV 74 \u2013 diese Musik von der eher fr\u00f6mmlerischen Patina reinigt, die sie im konventionellen Kirchenkonzert oft anzusetzen droht.<\/p>\n<p> Auch das transparente, pr\u00e4zise und energiegeladene Orgel-Continuo sowie das nicht minder pr\u00e4zise und klar artikulierte Ineinandergreifen von Solo- und Orchesterstimmen verleihen diesem urmusikalischen Dahinfliessen etwas Atemraubendes. Anne Sofie von Otters Stimme f\u00fcgt sich (wie diejenigen ihrer gelegentlichen Mits\u00e4nger, der Sopranistin Karin Roman, der Ten\u00f6re Anders J. Dahlin und Tomas Medici sowie des Bassbaritons Jakob Bloch Jespersen) in dieses Kollektiv einfach als weitere Farbe ein.<\/p>\n<p> In den Haltet\u00f6nen scheinen von Otters Vokallinien f\u00f6rmlich aus dem Orchersterklang herauszuwachsen und wieder zu versinken, in den Dialogen mit den warmen Oboen-Linien ergeben sich wunderbare Zwiegespr\u00e4che, die gelegentliches \u00dcberartikulieren des Textes zur l\u00e4sslichen S\u00fcnde machen, und wie in choralhafter Schlichtheit \u00abEwigkeit\u00bb zum oh du f\u00f6rmlich erlebbaren \u00abDonnerwort\u00bb wird (Kantate BWV 60), ohne dass sich opernhafte Attit\u00fcden einschlichen, das hat Sternstunden-Charakter.<\/p>\n<p> Ob da alles mit historisch-kritisch rechten Dingen zugeht? Wer sich diesen Bach anh\u00f6rt, dem mutet die Frage von Nummer zu Nummer zunehmend irrelevant, ja absurd an, und er gewinnt an Gewissheit, dass vom Concerto Copenhagen noch einiges zu h\u00f6ren sein wird. Dass Anne Sofie von Otter eine herausragende, authentische und originelle K\u00fcnstlerpers\u00f6nlichkeit ist, best\u00e4tigt sich mit dieser Produktion einfach einmal mehr. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\"><span style=\"font-size: x-small;\"><em>Anne Sofie von Otter: Bach. Anne Sofie von Otter (Mezzosopran), Concerto Copenhagen, Lars Ulrik Mortensen (Orgel und Leitung), Archiv Produktion, Deutsche Grammophon 2009. Aufgenommen im Juni 2008 in der Garnisonskirken Copenhagen. DG-Best.-Nr. 00289 477 7467<\/em> <\/span><br \/><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>01.05.2009 &#8212; Historisches Spekulieren ist ja v\u00f6llig m\u00fcssig. 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