{"id":208,"date":"2014-01-10T10:14:30","date_gmt":"2014-01-10T10:14:30","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/yuja-wang-spielt-sonaten-und-etueden\/"},"modified":"2014-01-10T10:14:30","modified_gmt":"2014-01-10T10:14:30","slug":"yuja-wang-spielt-sonaten-und-etueden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/yuja-wang-spielt-sonaten-und-etueden\/","title":{"rendered":"Yuja Wang spielt Sonaten und Et\u00fcden"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2009\/090417wang.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>17.04.2009 &#8212;<\/em> Es f\u00e4llt auf, dass Nachwuchspianistinnen und -pianisten aus China f\u00fcr ihre \u00e4sthetischen Visitenkarten in Form einer CD sich mehr und mehr auf das romantische Repertoire konzentrieren \u2013 vornehmlich in seiner hypervirtuosen Auspr\u00e4gung. Yundi Li hat f\u00fcr die Deutsche Grammophon Klavierkonzerte von Chopin und Liszt eingespielt, See Siang Wong etliches aus dem Schumannschen Tastenkosmos; selbst Lang Lang dient sich dem Publikum zur Zeit mit den Chopin-Klavierkonzerten an \u2013 nachdem er bereits Tschaikowsky, Mendelssohn, Rachmaninow, Paganini und Skrjabin seine Reverenz erwiesen hat. <\/p>\n<p> Ihre Kolleginnen halten es ebenso. Wenn die junge Sa-Chen im Mai in Luzern ein Rezital gibt, stehen auf dem Programm Werke von Mendelssohn, Schumann, Chopin und Liszt. Auch die 22-j\u00e4hrige Yuja Wang pr\u00e4sentiert f\u00fcr Deutsche Grammophon zum Einstand eine CD mit Werken von Chopin, Skrjabin und Liszt (mit zwei k\u00fcrzeren Ligeti-Et\u00fcden als Impromptus). Das Programm bringt mit Chopins zweiter Klaviersonate op. 35, Skrjabins zweiter Sonate op.19 und Liszts h-Moll-Sonate S178 eine geballte Masse an geniegetr\u00e4nkten Fingerbrechern.<\/p>\n<p> Man kann das Ph\u00e4nomen vordergr\u00fcndig erkl\u00e4ren: die Stars aus dem Reich der Mitte pr\u00e4sentieren Chopin, Liszt und Skrjabin aus einem einfachen Grund: Sie&#8217;s k\u00f6nnen. Aus dem riesigen Pool an unglaublich hart arbeitenden und unglaublich leistungswilligen jungen Musikern Chinas resultiert nat\u00fcrlicherweise eine schmale Elite aus Spitzenk\u00f6nnern, denen technische Probleme nicht einmal ansatzweise Probleme zu schaffen scheinen. Mit Fuo Tsong hat das Land \u00fcberdies einen legend\u00e4ren Lehrmeister, der bereits 1955 beim Chopin-Wettbewerb in Warschau ausgezeichnet worden ist. Eine Neuentdeckung ist das romantische Repertoire f\u00fcr die Chinesen sicherlich nicht.<\/p>\n<p> Man kann den aktuellen Hang zur romantischen Hypervirtuosit\u00e4t aber auch mit einem Wandel des kulturellen Selbstverst\u00e4ndnisses verstehen. Das, was diese Musik verk\u00f6rpert, scheint ungleich mehr als die Werke Bachs oder Mozarts republikanische Individualit\u00e4t und Emotionalit\u00e4t zu verk\u00f6rpern, und damit so etwas wie die Gegenthese zu chinesischem Harmoniestreben und Kollektivgeist. In der Musik \u00fcbernimmt die romantisch-virtuose Klaviermusik somit m\u00f6glicherweise die Funktion, die in der chinesischen Wirtschaft eine krude Form von fr\u00fchindustriellem Radikalkapitalismus faktisch bereits eingenommen hat. <\/p>\n<p> Interessant ist, was Yuja Wang selber zu ihrem k\u00fcnstlerischen Werdegang erz\u00e4hlt. Sie habe, erkl\u00e4rt sie im Booklet, in China einfach genau das tun m\u00fcssen, was ihr ihre Lehrer vorgeschrieben h\u00e4tten. Als sie das Land mit 14 Jahren verlassen habe, um in den USA und Kanada weiterzustudieren, sei sie gezwungen gewesen, sich darauf einstellen, dass ihr keiner mehr gesagt habe, was sie tun solle. <\/p>\n<p> Sie spricht damit diesen Wandel von Kollektiv-Werten zur Suche eines individuellen \u00e4sthetischen Weges an, der auch die Besch\u00e4ftigung mit den romantischen Pianisten\/Komponisten zu motivieren scheint. Dennoch bleibt Wang als k\u00fcnstlerische Pers\u00f6nlichkeit (noch) recht schwer fassbar. In einem Videointerview etwa, das als Promotionsmaterial vertrieben wird, erf\u00e4hrt man von ihr nichts, was \u00fcber Gemeinpl\u00e4tze, wie Musik diene der Kommunikation, hinausgehen w\u00fcrde.<\/p>\n<p> Ein wenig erscheint sie gegen\u00fcber den pianistischen Monumenten wie die artige Alice, die sich ins Wunderland der existentiellen Absurdit\u00e4ten und Skurrilit\u00e4ten, in die Welt von Goethes \u00abFaust\u00bb, die sie als Leitfaden des Programmes der CD beschw\u00f6rt, verirrt hat, ohne wirklich zu realisieren, worauf sie sich da wirklich eingelassen, und was das alles mit ihr zu tun hat. <\/p>\n<p> Ihr st\u00e4rksten Momente scheint sie denn auch dort zu haben, wo sich Klarheit und Pr\u00e4zision mit klanglichem Schalk verbinden kann, in den Ligeti-Et\u00fcden und dem letzten Satz der Chopin-Sonate etwa. Aber auch wer sich ihre spiel- und gestaltungstechnisch souver\u00e4ne Interpretation von Liszts h-Moll-Sonate anh\u00f6rt, wird ihren k\u00fcnftigen k\u00fcnstlerischen Werdegang mit zugeneigter Neugier verfolgen. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Yuja Wang: Sonatas &amp; Etudes, Werke von Chopin (Sonate Nr. 2 b-Moll), Skrjabin (Sonate Nr. 2 gis-Moll), Liszt (Sonate in h-Moll) und Ligeti (Et\u00fcden 4 und 10). Deutsche Grammophon 477 8140.<\/span><\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>17.04.2009 &#8212; Es f\u00e4llt auf, dass Nachwuchspianistinnen und -pianisten aus China f\u00fcr ihre \u00e4sthetischen Visitenkarten in Form einer CD sich&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-208","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=208"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/208\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=208"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=208"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=208"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}