{"id":2185,"date":"2015-03-23T09:44:41","date_gmt":"2015-03-23T09:44:41","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2015\/03\/23\/die-kultur-in-der-mehrzweckhalle\/"},"modified":"2015-03-23T09:44:41","modified_gmt":"2015-03-23T09:44:41","slug":"die-kultur-in-der-mehrzweckhalle","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2015\/03\/23\/die-kultur-in-der-mehrzweckhalle\/","title":{"rendered":"Die Kultur in der Mehrzweckhalle"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>20.03.2015 &#8212; Das urbane Kulturleben wird gerne mit waghalsigen Bauten renommierter Architekten sichtbar gemacht. Es ist ein Statement: Die Stadt versteht sich als Ort k\u00fchner Innovation, als zukunftsgerichtet und innovativ, mit einer Kultur, die sich als revolution\u00e4r, provokativ und als Gegenentwurf zum Alltag versteht. Die Mehrzweckhallen l\u00e4ndlicher Dorfgemeinschaften gelten hingegen als wenig einladende Verk\u00f6rperung kleinb\u00fcrgerlicher Biederkeit. In ihnen trainiert die Damenriege, und das Muki-Turnen hat genauso Platz wie samstags eine thail\u00e4ndische Hochzeit oder sonntags der j\u00e4hrliche Unterhaltungsabend des Akkordeonorchesters.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><em>\u00a0<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>20.03.2015 &#8212; Das urbane Kulturleben wird gerne mit waghalsigen Bauten renommierter Architekten sichtbar gemacht. Es ist ein Statement: Die Stadt versteht sich als Ort k\u00fchner Innovation, als zukunftsgerichtet und innovativ, mit einer Kultur, die sich als revolution\u00e4r, provokativ und als Gegenentwurf zum Alltag versteht. Die Mehrzweckhallen l\u00e4ndlicher Dorfgemeinschaften gelten hingegen als wenig einladende Verk\u00f6rperung kleinb\u00fcrgerlicher Biederkeit. In ihnen trainiert die Damenriege, und das Muki-Turnen hat genauso Platz wie samstags eine thail\u00e4ndische Hochzeit oder sonntags der j\u00e4hrliche Unterhaltungsabend des Akkordeonorchesters.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Das neue Leitbild der Z\u00fcrcher Kulturf\u00f6rderung zeugt von einer wichtigen Einsicht: Heute lasse sich der Kanton nicht mehr in das Gegensatzpaar Stadt-Land unterteilen. Die Agglomeration greife immer weiter aus. Durch das dichte Netz des \u00f6ffentlichen Verkehrs habe die Mobilit\u00e4t in den Regionen entschieden zugenommen. Die Folgen seien weitreichend und betr\u00e4fen auch die Strukturen im Bereich der Kultur. Die Gemeinden st\u00fcnden vor der Herausforderung, im Wettbewerb um Aufmerksamkeit und Anziehungskraft zu bestehen, und zwar durch eine eigene Identit\u00e4t und eine \u00fcberzeugende Lebensqualit\u00e4t. Zahlreiche Gemeinden h\u00e4tten denn auch in den letzten Jahren ihr kulturelles Engagement wesentlich ausgebaut.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Das ist ja alles sehr l\u00f6blich. Sollte es allerdings dazu f\u00fchren, dass urbane Wertmasst\u00e4be und Gepflogenheiten nun auch den D\u00f6rfern aufgepfropft werden, dann w\u00fcrde die Einsicht zum Gegenteil dessen f\u00fchren, was sie beabsichtigt: L\u00e4ndliche Kultur w\u00fcrde nicht gest\u00e4rkt, sondern zerst\u00f6rt. Denn \u00abInnovation\u00bb bedeutet auf dem Land etwas anderes als in der Stadt: Es ist ein organischer, evolution\u00e4rer, hochgradig partizipativer Prozess im Dienste der Gemeinschaft und nach menschlichem Mass. In funktionierenden Dorfgemeinschaften arbeiten sich die Vereine in die H\u00e4nde: Die Damenriege hilft beim Unterhaltungsabend des Gemischten Chores, der M\u00e4nnerchor macht f\u00fcr das Akkordeonorchester die K\u00fcche und alle ziehen f\u00fcr die j\u00e4hrliche Chilbi und die Erst-Augustfeier am gleichen Strick. Dorfkultur ist echte Volkskultur und die gemeinsam verwaltete Mehrzweckhalle (zugegebenermassen manch eine eine Baus\u00fcnde) das Symbol daf\u00fcr.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Kulturf\u00f6rderung in den Regionen darf Dorfkultur keinesfalls als etwas schwerf\u00e4lligere Variante urbaner Kunstszenen verstehen. Sie muss verstehen, dass Dorfkultur keine Kultur repr\u00e4sentativer Orte und Aufsehen erregender Ereignisse ist, sondern eine solche sozialer Prozesse. D\u00f6rfer und Agglomerationen m\u00f6gen architektonisch gesichtslos und ohne kulturelle Repr\u00e4sentationsorte sein, aber dennoch voller Leben, genauso wie gentrifizierte schicke Quartiere in der Stadt bloss \u00f6de, t\u00f6dlich langweilige Ansammlungen der ewiggleichen globalen Markenl\u00e4den und Schickimicki-Lokale sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>Als erstes m\u00fcsste sich Kulturf\u00f6rderung vom unseligen Klischee verabschieden, dass urbane Kultur Ausdruck von Weltoffenheit, Toleranz und sozialer Neugier ist, und Dorfkultur ein solcher bornierter Kleinb\u00fcrgerlichkeit, Innvationsverweigerung und Fremdenfeindlichkeit. Kluge und dumme Menschen gibt\u2019s \u00fcberall. Die Uhren gehen auf dem Land vielleicht etwas langsamer als in der Stadt. Letztlich sind die Arten von Gesellschaften in St\u00e4dten und D\u00f6rfern, sich neu zu erfinden, aber bloss eine Frage des Stils.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>20.03.2015 &#8212; Das urbane Kulturleben wird gerne mit waghalsigen Bauten renommierter Architekten sichtbar gemacht. Es ist ein Statement: Die Stadt versteht sich als Ort k\u00fchner Innovation, als zukunftsgerichtet und innovativ, mit einer Kultur, die sich als revolution\u00e4r, provokativ und als Gegenentwurf zum Alltag versteht. Die Mehrzweckhallen l\u00e4ndlicher Dorfgemeinschaften gelten hingegen als wenig einladende Verk\u00f6rperung kleinb\u00fcrgerlicher Biederkeit. In ihnen trainiert die Damenriege, und das Muki-Turnen hat genauso Platz wie samstags eine thail\u00e4ndische Hochzeit oder sonntags der j\u00e4hrliche Unterhaltungsabend des Akkordeonorchesters.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2185","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2185","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2185"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2185\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2185"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2185"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2185"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}