{"id":223,"date":"2014-01-10T10:25:51","date_gmt":"2014-01-10T10:25:51","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/sofia-gubaidulina-in-tempus-praesens\/"},"modified":"2014-01-10T10:25:51","modified_gmt":"2014-01-10T10:25:51","slug":"sofia-gubaidulina-in-tempus-praesens","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/sofia-gubaidulina-in-tempus-praesens\/","title":{"rendered":"Sofia Gubaidulina: In Tempus Praesens"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/080906gubaidulina.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>06.09.2008 &#8212;<\/em> Die Musik der russisch-tatarischen Komponistin Sofia Gubaidulina revitalisiert in ihrer aussergew\u00f6hnlichen Authentizit\u00e4t und Gef\u00fchlskraft Formen der Musikauffassung, welche die europ\u00e4ische Avantgarde nach ihrer Absage ans Espressivo offensichtlich voreilig als \u00fcberwunden erkl\u00e4rte. Instrumentalkonzerte im Allgemeinen und die Exemplare der Gattung f\u00fcr Violine im Besonderen haben ihre Bl\u00fcte zweifelssohne in der Hochromantik erlebt \u2212 als Sinnbild f\u00fcr die durch das aufkommende B\u00fcrgertum verk\u00f6rpernde Individualisierung des Menschen: Da ist eine f\u00fchlende, unverwechselbare und zugleich in Opposition und Harmonie zum Orchester stehende Pers\u00f6nlichkeit zum Sinnbild des sch\u00f6pferischen Geistes geworden, die ihre Kraft nicht mehr \u2212 wie noch in der Klassik Haydns und Mozarts \u2212 aus der Einbettung in eine ewige Weltordnung, sondern aus dem pers\u00f6nlichen Drang zur Selbstwerdung sch\u00f6pft. Diese Verk\u00f6rperung des Romantischen schien in Alban Bergs Violinkonzert (\u00abDem Andenken eines Engels\u00bb) voller Trauer und Todessehnsucht zu einem unwiderruflichen Ende gekommen zu sein, das Gef\u00fchlsgenie und seine Selbstbehauptung in einer kalten, materialistischen Welt endg\u00fcltig d\u00e9mod\u00e9.<\/p>\n<p> Sofia Gubaidulina ist es allerdings gelungen, die Form mit ihrem ganzen existentialistischen Pathos glaubw\u00fcrdig und in ihrem seelischen Drama scheinbar nahtlos weiterzutragen. Unter Beweis gestellt hat sie dies bereits mit dem 1981 uraufgef\u00fchrten \u00abOffertorium\u00bb. Dannzumal musste die Partitur dem Geiger Gidon Kremer noch auf abenteuerlichen Wegen zugespielt werden, hatte dieser sich doch gerade erst dazu entschieden, nicht mehr in den damals noch kommunistischen Osten zur\u00fcckzukehren, in dem die Komponistin weiter ausharrte.<\/p>\n<p> Bereits in den achtziger Jahren, in denen Kontakte mit der russischen Tonsch\u00f6pferin aus politischen Gr\u00fcnden nach wie vor schwierig waren, regte der Basler M\u00e4zen Paul Sacher sie an, auch f\u00fcr Anne-Sophie Mutter ein Konzert zu schreiben \u2212 noch w\u00e4hrend sie um die endg\u00fcltige Form des ersten, Kremer zugeeigneten Werkes rang (eine zweite Fassung des \u00abOffertoriums\u00bb kam 1982, die eng\u00fcltige dritte 1986 zur Urauff\u00fchrung).<\/p>\n<p> \u00abIn tempus praesens\u00bb geht in seiner emotionalen Dichte noch \u00fcber \u00abOffertorium\u00bb hinaus. Es wirkt noch klangm\u00e4chtiger, strenger und r\u00e4tselhafter, so als wolle es die Apokalypse einer untergehenden Welt beschw\u00f6ren, in welcher der Richter Himmel und H\u00f6lle teilt und wieder zusammenf\u00fcgt. Das Soloinstrument wird dabei \u2212 als st\u00fcnde es auf der Anklagebank \u2212 vom Orchester abgesondert. Technisch wird dies durch einen frappanten Kunstgriff realisiert: Die Streicher des Orchesters bestehen einzig aus Bratschen, Celli und B\u00e4ssen und \u00fcberlassen das oberste Register alleine der Solistin.<\/p>\n<p> Uraufgef\u00fchrt hat Anne-Sophie Mutter das ihr auf den Leib geschneiderte Werk letztes Jahr am Lucerne Festival. Dabei standen ihr die Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle zur Seite. Die nun von der Deutschen Grammophon herausgegebene Ersteinspielung ist im Februar dieses Jahres in den Londoner AIR Studios realisiert worden. Das London Symphony Orchestra wird dabei von Valery Gergiev angef\u00fchrt. Die Komponistin hat die Aufnahmen begleitet und preist das Spiel Mutters in h\u00f6chsten T\u00f6nen in h\u00f6chsten T\u00f6nen, man kann also davon ausgehen, dass ihre Intentionen exemplarisch umgesetzt worden sind.<\/p>\n<p> Vorangestellt sind \u00abIn tempus praesens\u00bb auf der CD das a-Moll- und E-Dur-Violinkonzert Bachs \u2212 eine gef\u00e4llige Aufnahme mit den Trondheim Soloists, die im Februar 2007 in Hamburg entstanden ist. Sie k\u00f6nnen als eine Art Platzhalter f\u00fcr das Vorg\u00e4ngerkonzert verstanden werden, hat Gubaidulina im \u00abOffertorium\u00bb doch dem Bachschen \u00abMusikalischen Opfer\u00bb Reverenz erwiesen und damit eine ihrer kompositorischen Inspirationsquellen offenbart. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\" style=\"font-size: x-small;\"><em>Sofia Gubaidulina: \u00abIn tempus praesens\u00bb, Bach Konzerte f\u00fcr Violine und Orchester BWV 1041 und 1042, Anne Sophie Mutter (Violine), Trondheim Soloists, London Symphony Orchestra, Valery Gergiev (Leitung), Deutsche Grammophon, CD 00289 477 7450.<\/em> <\/span><br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>06.09.2008 &#8212; Die Musik der russisch-tatarischen Komponistin Sofia Gubaidulina revitalisiert in ihrer aussergew\u00f6hnlichen Authentizit\u00e4t und Gef\u00fchlskraft Formen der Musikauffassung, welche&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-223","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/223","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=223"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/223\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}