{"id":229,"date":"2014-01-10T10:31:40","date_gmt":"2014-01-10T10:31:40","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/wie-klassische-musik-verscherbelt-wird\/"},"modified":"2014-01-10T10:31:40","modified_gmt":"2014-01-10T10:31:40","slug":"wie-klassische-musik-verscherbelt-wird","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/wie-klassische-musik-verscherbelt-wird\/","title":{"rendered":"Wie klassische Musik verscherbelt wird"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><em>13.06.2008 &#8212;<\/em> Vor nicht allzulanger (aber doch schon einiger) Zeit ist es dem einen oder andern Verleger in den Sinn gekommen, seinem Medium mehr \u00abServicequalit\u00e4t\u00bb und \u00abOrientierung an den Bed\u00fcrfnissen der Leser\u00bb zu verordnen. Statt einer engagierten und emotionalen Kunstdebatte (zu elit\u00e4r! zu schulmeisterlich!) seien Leserf\u00fchrung gefragt, und einfache und zug\u00e4ngliche Empfehlungen. Differenzierte Urteile sind also durch Sternchen ersetzt worden: Beethovens Neunte mit Karajan: Repertoirewert: **, Spassfaktor: ****. Kennedy spielt Vivaldi: Glamourfaktor: *****, Interpretation ** (zu depressiv), Harnoncort dirigiert Strauss: Originalit\u00e4t *****, Authentizit\u00e4t: ***** und so weiter. Der Text dazu ist nach und nach auf 15 Zeilen zusammengestrichen worden (schreibt doch was Pfiffiges!), in denen kaum mehr als Gemeinpl\u00e4tze, Leerformeln und scheinbar Originelles wie Shootingstar, schmelzender Klang, Wirbelwind der Klassikszene, Tastenl\u00f6we, akustischer Querdenker Platz finden k\u00f6nnen \u2212 und auch nicht sollen, wenn sich der eine oder andere Redaktor nicht den subersiven Witz g\u00f6nnt, die Kleinform mit unterschwellig ironischen S\u00e4tzchen zur Selbstdispensation zu bringen.<\/p>\n<p> Neben \u00abLeserservice\u00bb ist \u00abPersonalisierung\u00bb ein weiteres Zauberwort der modernen Medien. Aufwendig erarbeitete Beschreibungen und Bewertungen abstrakter Strukturen, die alle Musik ja nun mal ist? Versteht kein Mensch, liest kein Mensch! An ihre Stelle tritt ein Interview mit dem Interpreten (oder noch besser mit der Interpretin, weil die neben Glamour auch noch die dritte magische Formel der Medienwelt bedient: \u00abSex sells\u00bb). Braucht doch auch weniger Zeit und erm\u00f6glicht sch\u00f6ne Fotostrassen (der vierte Faktor im Erfolgssystem modernen Zeitungsmarketings). Und bitte keine elit\u00e4re Konversation \u00fcber Musik. Lieber Fragen nach dem Haustier, damit holt man Leserinnen ab.<\/p>\n<p> Entsprechend \u00f6de und einf\u00f6rmig sehen die Klassikseiten einschl\u00e4giger Publikumsmedien heute aus: Ein Interview (eine Viertelseite), die Foto der angesagten, attraktiven Sopranistin als \u00abEyecatcher\u00bb (drei Viertelseiten). Auf der gegen\u00fcberliegenden Seite f\u00fcnf Kurzhinweise auf Neuerscheinungen mit Sternchen oder \u00abDaumen rauf, Daumen runter\u00bb-Bewertung, darunter Inserate von Parf\u00fcms und Limousinen der A-Klasse, oder dem unvergesslichen Erlebnis am gerade angesagten Freiluftspektakel (gesponsert von einer Sektmarke).<\/p>\n<p> Da ist es ein logischer Schritt, wenn ein Plattenmulti sich fragt, weshalb man diese Art der Berichterstattung den Zeitungsmachern \u00fcberlassen sollte. Das kann man doch geradesogut selber! Diesen Weg geht Universal mit seinem Magazin Klassikakzente. Klassikakzente hat eine <em>Redaktion<\/em> und verfasst <em>Rezensionen<\/em> und wirkt in der Aufmachung so wie einschl\u00e4gige unabh\u00e4ngige Musikmagazine. Es reiht sich damit ein in einen medialen Megatrend, in dem Produktanbieter ihre Pressearbeit gleich selber \u00fcbernehmen (wie das in der Schweiz etwa die Grossverteiler Migros und Coop machen; deren Hauszeitungen sind mitterweile die gr\u00f6ssten Wochenbl\u00e4tter des Landes, und sie haben erhebliche publizistische Macht).<\/p>\n<p> Universal geht mit der Reihe Classical Choice nun aber noch einen Schritt weiter: Die CD einer Reihe, die das Standardrepertorie der europ\u00e4ischen Klassik abdeckt (und mit der die x-te Zweitverwertung des Backup-Katalogs durchexerziert wird), sind mit einer \u00abBewertung der Klassikakzente Redaktion\u00bb versehen. die ein wenig an die Klassifikationssysteme von Weinen erinnern (fruchtig, herb, s\u00fcsslich, ideal zu rotem Fleisch). Beethovens Klavierkonzerte Nr. 4 und 5 sind: dynamisch (****), eing\u00e4ngig (****) und melodisch (****).<\/p>\n<p> Und die Aufnahmen? Diejenigen der Klavierkonzerte sind in den achtziger Jahren eingespielt worden. daneben gibt\u2019s in der Classical Choice Reihe unter anderem Wohlf\u00fchl-CD (\u00abKlassik zum Entspannen\u00bb, \u00abKlassik zur Ruhe\u00bb, \u00abKlassik zum Fr\u00fchst\u00fcck\u00bb [!] und so weiter), verschiedene popul\u00e4re Sinfonien und Orffs Carmina Burana.<\/p>\n<p> Insgesamt pr\u00e4sentiert Klassikakzente im Ausverkauf rund zwei Dutzend Reihen. Sie reichen von Musik f\u00fcr Kinder \u00fcber Aufnahmen grosser Meister bis zum Repertoire des 20. und 21 Jahrhunderts. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <em><span class=\"txt-s-black\" style=\"font-size: x-small;\">Beethoven: Klavierkonzerte 4 &amp; 5, Claudio Arrau (Klavier), Staatskapelle Dresden, Sir Colin Davis (Leitung), urspr\u00fcnglich publiziert 1986, Decca 4780244, aus der Reihe <a href=\"http:\/\/www.classical-choice.de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.classical-choice.de<\/a><\/span><\/em><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13.06.2008 &#8212; Vor nicht allzulanger (aber doch schon einiger) Zeit ist es dem einen oder andern Verleger in den Sinn&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-229","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/229","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=229"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/229\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=229"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=229"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=229"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}