{"id":231,"date":"2014-01-10T10:33:11","date_gmt":"2014-01-10T10:33:11","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/amy-winehouse-back-to-black\/"},"modified":"2014-01-10T10:33:11","modified_gmt":"2014-01-10T10:33:11","slug":"amy-winehouse-back-to-black","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/amy-winehouse-back-to-black\/","title":{"rendered":"Amy Winehouse \u00abBack to Black\u00bb"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/080516winehouse.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>16.05.2008 &#8212;<\/em> Es mag erstaunen, in einem Magazin zur klassischen Musik ausgerechnet die S\u00e4ngerin rezensiert zu sehen, die im Moment als die ultimative Verk\u00f6rperung von Sex, Drugs and Rock &#8217;n&#8216; Roll gilt. Sie f\u00fcllt die Klatschspalten mit Alkoholabst\u00fcrzen, Drogenmissbrauch, Knastbesuchen, Disziplinlosigkeit, Magersucht und verpfuschten Konzerten, und zur Zeit \u00fcberdies mit der Unf\u00e4higkeit, f\u00fcr einen James-Bond-Titelsong auch nur ein paar gerade T\u00f6ne hinzubringen. Ihre streckenweise unbeholfenen Texte deklinieren Liebesentzug und Trostsuche im Rausch immer neu durch und geh\u00f6ren auch nicht gerade ins Kapitel Belles Lettres; sie sind direkt und ungehobelt. Auf allen Fotos im Booklet blickt uns die S\u00e4ngerin genauso ungeniert an, als warte sie bloss darauf, dass man sie auch nur einen Moment aus den Augen lasse, um hinter unserem R\u00fccken alsogleich wieder zur Flasche zu greifen. Verdichtet ist dieser Gestus im Erfolgssong \u00abRehab\u00bb, in dem sie die strikte Verweigerung einer Entziehungskur zum Kategorischen Imperativ erhebt.<\/p>\n<p> Es gibt mindestens zwei Gr\u00fcnde, sich mit Amy Winehouse zu besch\u00e4ftigen. Da ist zun\u00e4chst einmal die Tatsache, das Frau Winehouse vermutlich als Jahrhunderttalent bezeichnet werden m\u00fcsste, w\u00e4re dieses noch nicht so jung. Ihre Wiederbelebung des Motown-Sounds und die Stimme, die an Billie Holiday und Janis Joplin erinnert, ist vielleicht das Beste, was der popul\u00e4re Musikmarkt derzeit zu bieten hat. F\u00fcr einmal muss man auch den Juroren Recht geben, die sie f\u00fcr das Album gleich mit f\u00fcnf Grammys auf einmal \u00fcbersch\u00fcttet haben (sie konnte sie allerdings nicht pers\u00f6nlich entgegennehmen, weil sie wegen ihrer Drogengeschichten f\u00fcr die USA zun\u00e4chst kein Visum erhielt).<\/p>\n<p> Der zweite Grund ist ein moralischer. Die Zurschaustellung Amy Winehouses in der Presse l\u00e4sst die Frage aufkommen, wie eine solche Existenz am Rande der Gesellschaft und expressive Kraft zusammenh\u00e4ngen. Die Britin setzt ja bloss eine Tradition fort, die genialische Ausdruckskraft und psychische Selbstzerst\u00f6rung immer wieder vereint. In dieser stehen auch Billie Holiday und Janis Joplin, und in j\u00fcngerer Zeit die Souldiva Whitney Houston. Ist die verletzte Seele notwendige Bedingung ausserordentlicher k\u00fcnstlerischer Ausdruckskraft? <em>Muss<\/em> Frau Winehouse kaputt sein, um zu einer solch durchdringenden Expressivit\u00e4t zu finden?<\/p>\n<p> Dem Musikmarkt kann dies egal sein. Ihm gen\u00fcgt, dass die paranoiden Exzesse die voyeuristische Aufmerksamkeit sch\u00fcren. Die Luxusg\u00fcter- und Unterhaltungsindustrie veredelt Drogensucht, h\u00e4usliche Gewalt und Bulimie und verleiht ihnen eine fatal anziehende Art von Glamour. Magers\u00fcchtige Laufstegmodels und drogens\u00fcchtige S\u00e4ngerinnen sind heute auf eine perverse Art chic geworden. Aber auch schon vor Billie Holiday sind solche Miseren zu existentialistischen Gesamtkunstwerken verkl\u00e4rt worden. Im Grunde genommen sind sie bloss eine Fortsetzung dessen, was die tragische Oper des 19. und 20. Jahrhunderts vorexerziert hat \u2212 man denke an Puccinis Mimi, Bergs Lulu, Massenets Manon oder Bizets Carmen und wie die femmes fatales alle heissen, an die offenbar unwiderstehlich morbide Anziehungskraft von Autoaggression und zerst\u00f6rerischen Beziehungen.<\/p>\n<p> Amy Winehouse ist die Manon des 21. Jahrhunderts. Und man kann Wetten darauf abschliessen, wann ein urbaner avantgardistischer Komponist die erste Winehouse-Oper schreiben wird. G\u00e9rard Mortier d\u00fcrfte sich die Option der Urauff\u00fchrung an der New Yorker City Opera bereits gesichert haben.<\/p>\n<p> Dabei k\u00f6nnte vergessen gehen, um was es sich bei den Lebensschicksalen Joplins, Winehouses und Houstons tats\u00e4chlich handelt: Um wenig freudbringende Krankengeschichten, um narzisstische St\u00f6rungen, um soziales Elend, denen Unterhaltungswert zuschreiben vom blanken Zynismus der Musikindustrie zeugt.<\/p>\n<p> Miseren haben \u00fcber den plumpen voyeuristischen Unwert hinaus nichts Reizvolles an sich. Je schneller sie beseitigt sind, umso besser. Nicht auszudenken, zu was f\u00fcr H\u00f6henfl\u00fcgen ein Talent wie Amy Winehouse f\u00e4hig w\u00e4re, wenn es mit derartigen Selbstbehinderungen schon so grossartige Musik zu machen imstande ist. Was man Frau Winehouse zuallererst w\u00fcnscht, ist deshalb die innere Kraft zu ausdauernder produktiver Arbeit. In unser allem Interesse. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Amy Winehouse: Back to Black, Island Records (Universal).<\/span> <\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16.05.2008 &#8212; Es mag erstaunen, in einem Magazin zur klassischen Musik ausgerechnet die S\u00e4ngerin rezensiert zu sehen, die im Moment&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-231","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/231","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=231"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/231\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=231"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=231"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=231"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}