{"id":234,"date":"2014-01-10T10:35:55","date_gmt":"2014-01-10T10:35:55","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/mitschnitt-des-berliner-silvesterkonzerts\/"},"modified":"2014-01-10T10:35:55","modified_gmt":"2014-01-10T10:35:55","slug":"mitschnitt-des-berliner-silvesterkonzerts","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/mitschnitt-des-berliner-silvesterkonzerts\/","title":{"rendered":"Mitschnitt des Berliner Silvesterkonzerts"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2008\/080404silvester.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>14.04.2008 &#8212;<\/em> Auf der Innenseite des Booklets der CD zum Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker findet sich ein Portr\u00e4t Simon Rattles, das auf irritierende Weise an Selbstportr\u00e4ts Andy Warhols erinnert. Das mag an dem hinter einem Kragen verborgenen Hals, den dunklen Augenbrauen und den eher wirren weissen Haaren liegen. Ansonsten haben der britische Dirigent, der das Orchester durch ein Festprogramm mit Mussorgskys \u00abBilder einer Ausstellung\u00bb, Borodins zweiter Sinfonie und den Polowetzer T\u00e4nzen des letzteren f\u00fchrt, und der amerikanische Popart-Prophet nicht viel gemeinsam. Oder finden sich da doch tieferliegende Verbindungen? M\u00f6glicherweise in der Frage nach Original und Kopie, einem Lieblingsthema Warhols. Da w\u00e4re dann etwa die Frage zu stellen, was eine Live-Aufnahme ist. Denn eingespielt worden ist die Silberscheibe eben als solche, und zwar vom 29. bis 31. Dezember 2007. Dabei standen laut Angaben im Booklet einem Produzenten und einem Tonmeister <em>drei<\/em> f\u00fcr den Schnitt zust\u00e4ndige Ingenieure gegen\u00fcber.<\/p>\n<p> Naiverweise k\u00f6nnte man ja annehmen, dass eine Live-Aufahme eines Silvesterkonzertes ein Echtzeit-Schnappschuss eines einzelnen Konzertes sein m\u00fcsste. \u00abLive\u00bb \u2212 das Zauberwort der modernen Produktion von Klassiktontr\u00e4gern \u2212 kann heute allerdings vieles bedeuten. Es kann bedeuten, dass tats\u00e4chlich ein Konzertmitschnitt produziert wird, der eins zu eins den Weg ins Presswerk findet. Es kann aber auch bedeuten, dass aus Mitschnitten mehrerer Konzerte die jeweils besten Partien zusammengeschnitten werden. Und es kann bedeuten, dass ein Livemitschnitt \u00abnachgebessert\u00bb wird, indem ein Orchester im Studio mangelhafte Stellen nachtr\u00e4glich gezielt noch einmal einspielt (so wie Bur-Malottke in Heinrich B\u00f6lls k\u00f6stlicher Erz\u00e4hlung \u00abDoktor Murkes gesammeltes Schweigen\u00bb einen bereits aufgenommenen Vortrag nachbessern muss, indem er alle Erw\u00e4hnungen des Wortes \u00abGott\u00bb durch die Phrase \u00abjenes h\u00f6here Wesen, das wir verehren\u00bb ersetzt). <\/p>\n<p> Was \u00ablive\u00bb bedeutet, scheint auch f\u00fcr EMI Classics eine Frage, die der Kl\u00e4rung bedarf. So gibt eine Reihe sympathisch anmutender Videoclips auf der <a href=\"http:\/\/www.silvester-konzert.de\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Webseite<\/a> zum Konzert nicht etwa Auskunft \u00fcber die Musik, sondern \u00fcber den Produktionsprozess der CD. Das Konzert ist vor dem eigentlichen Silvesterabend offenbar zweimal \u00f6ffentlich gespielt worden, was dem Team die Gelegenheit gegeben hat, Mikrophonaufstellungen und weitere Details vor dem eigentlichen Ernstfall auszutesten. Man erf\u00e4hrt aber auch, dass eine F\u00fclle von Mikrophonen im Orchester plaziert waren, die es erlaubten, im recht aufwendigen Prozess des Abmischens nach dem Konzert den Klang differenziert zu manipulieren. Rattle kommt in den Clips am Rande \u00fcbrigens auch vor; mit leicht vergn\u00fcgtem Unterton erw\u00e4hnt er, dass er die Zuschauer aus dem Sessel gr\u00fcsse, in dem einst Karajan gesessen habe.<\/p>\n<p> \u00abLive\u00bb k\u00f6nnte auch bedeuten, dass das Konzerterlebnis eines Zuh\u00f6rers im Saal reproduziert wird. Gerade dies ist im Fall des Silvesterkonzertes aber nicht der Fall. Vielmehr wird aus der Aufnahme, die eher zuf\u00e4llig vor zahlendem Publikum entstanden zu sein scheint (es ist gl\u00fccklicherweise auch kein Applaus zu h\u00f6ren, ja nicht einmal H\u00fcsteln oder F\u00fcssescharren), ein akustisches Kunstprodukt geformt, das in den Orchesterklang hineinhorchen l\u00e4sst und Holzbl\u00e4ser, Harfe und weitere Solisten herausarbeitet. Rattle, den Berliner Philharmonikern und den Orchestrierk\u00fcnsten Maurice Ravels zum Dank ist dies durchaus eine lohnende H\u00f6rperspektive.<\/p>\n<p> Die CD m\u00fcsste sich auch anderweitig benutzen lassen. Sie sollte, ins Laufwerk eines Multimedia-PC geschoben, im Prinzip Zugang zu einem \u00abEMI Classics Club\u00bb bieten, in dem auf den K\u00e4ufer weiteres Material wartet. Leider ist das Experiment (wie schon im Falle des Soundtracks zu Tykwers Film \u00abDas Parf\u00fcm\u00bb (siehe <a href=\"http:\/\/212.60.37.143\/popular.php?art=7\">Rezension<\/a>) im Falle des Rezensenten gescheitert, weil die Zugangssoftware zum Club die Audio-CD \u00e0 tout prix nicht erkennen wollte.<\/p>\n<p> Und die Musik? Dazu findet sich im Booklet ein verbl\u00fcffend frecher Essay, der den Dilettanten Borodin und Mussorgsky einen Einfluss attestiert, der \u00abin keinem Verh\u00e4ltnis zu ihrer tats\u00e4chlich vorhandenen Kompetenz stand\u00bb. Mussorgsky h\u00e4tte die Instrumentierung laut dem Text nicht so wie Ravel und der Chemieprofessor Borodin seine Sinfonie nicht ohne fremde Hilfe zuwege gebracht. Dies mag alles zutreffen. Es zeigt aber, wohin sich Vorbildfunktionen und Respekt heute verschoben haben: Von der eigentlichen Musik zu denjenigen, die sie zum Medium machen \u2212 und nein, wir werden jetzt <em>nicht<\/em> den Medientheoretiker Marshall McLuhan zitieren. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\" style=\"font-size: x-small;\"><em>Mussorgsky: \u00abBilder einer Ausstellung\u00bb, Borodin: zweite Sinfonie, Polowetzer T\u00e4nze. Berliner Philharmoniker, Simon Rattle (Leitung), Live-Aufnahme, 29.-31.12.2007, Philharmonie Berlin. Produzent: Stephen Johns, EMI Classics 50999 5 00273 2 3.<\/em> <\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>14.04.2008 &#8212; Auf der Innenseite des Booklets der CD zum Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker findet sich ein Portr\u00e4t Simon Rattles,&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-234","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/234","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=234"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/234\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=234"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=234"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=234"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}