{"id":2398,"date":"2015-06-27T15:30:09","date_gmt":"2015-06-27T15:30:09","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2015\/06\/27\/ttip-und-das-ende-des-europaeische-kulturverstaendnis\/"},"modified":"2015-06-27T15:30:09","modified_gmt":"2015-06-27T15:30:09","slug":"ttip-und-das-ende-des-europaeische-kulturverstaendnis","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2015\/06\/27\/ttip-und-das-ende-des-europaeische-kulturverstaendnis\/","title":{"rendered":"TTIP und das Ende des europ\u00e4ischen Kulturverst\u00e4ndnisses"},"content":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 4px;\" \/>27.06.2015 \u2013 Die Musikr\u00e4te der Schweiz, Deutschlands und \u00d6sterreichs wenden sich gemeinsam gegen die als Bedrohung empfundenen Verhandlungen \u00fcber ein Freihandelsabkommen mit den USA (abgek\u00fcrzt \u00abTTIP\u00bb), welches das Selbstverst\u00e4ndnis der europ\u00e4ischen Kultur in den Grundfesten ersch\u00fcttern k\u00f6nnte. Auf den Punkt bringt der gemeinsame Forderungskatalog der Musikr\u00e4te das Unbehagen folgendermassen: Aus Sicht der USA seien Kultur und Medien regul\u00e4re Handelsprodukte, die m\u00f6glichst frei am Markt zirkulieren sollten. Staatliche F\u00f6rdermassnahmen w\u00fcrden aus dieser Perspektive als wirtschaftspolitisch motivierter Protektionismus erscheinen, der den freien Handel beschr\u00e4nke. Demgegen\u00fcber z\u00e4hle es zum europ\u00e4ischen Selbstverst\u00e4ndnis, Kultur nicht auf ihren Warencharakter zu reduzieren, sondern ebenso als Tr\u00e4gerin gesellschaftlicher Werte und Identit\u00e4ten sowie \u00e4sthetischer Positionierungen aufzufassen. Daraus leitet sich nach Ansicht der Musikr\u00e4te die Verantwortung des Staates ab, eine Vielfalt an Kultur zu erm\u00f6glichen \u2013 \u00abjenseits des Diktates des jeweils aktuellen Publikumsgeschmackes oder der Interessen von Investoren\u00bb.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 4px;\" \/>27.06.2015 \u2013 Die Musikr\u00e4te der Schweiz, Deutschlands und \u00d6sterreichs wenden sich gemeinsam gegen die als Bedrohung empfundenen Verhandlungen \u00fcber ein Freihandelsabkommen mit den USA (abgek\u00fcrzt \u00abTTIP\u00bb), welches das Selbstverst\u00e4ndnis der europ\u00e4ischen Kultur in den Grundfesten ersch\u00fcttern k\u00f6nnte. Auf den Punkt bringt der gemeinsame Forderungskatalog der Musikr\u00e4te das Unbehagen folgendermassen: Aus Sicht der USA seien Kultur und Medien regul\u00e4re Handelsprodukte, die m\u00f6glichst frei am Markt zirkulieren sollten. Staatliche F\u00f6rdermassnahmen w\u00fcrden aus dieser Perspektive als wirtschaftspolitisch motivierter Protektionismus erscheinen, der den freien Handel beschr\u00e4nke. Demgegen\u00fcber z\u00e4hle es zum europ\u00e4ischen Selbstverst\u00e4ndnis, Kultur nicht auf ihren Warencharakter zu reduzieren, sondern ebenso als Tr\u00e4gerin gesellschaftlicher Werte und Identit\u00e4ten sowie \u00e4sthetischer Positionierungen aufzufassen. Daraus leitet sich nach Ansicht der Musikr\u00e4te die Verantwortung des Staates ab, eine Vielfalt an Kultur zu erm\u00f6glichen \u2013 \u00abjenseits des Diktates des jeweils aktuellen Publikumsgeschmackes oder der Interessen von Investoren\u00bb.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Der ganze Katalog scheint in erster Linie der Versuch, den Besitzstand zu wahren und den Freihandel prim\u00e4r als Zumutung f\u00fcr das europ\u00e4ische Kulturverst\u00e4ndnis zu betrachten, ohne zu sehen, dass TTIP nicht die urs\u00e4chliche Bedrohung darstellt, sondern bloss ein Symptom oder die Konsequenz tieferliegender Umformungen der globalen Gemeinschaft darstellt. Vermutlich untersch\u00e4tzen die Musikr\u00e4te die Dynamik der Entwicklungen und den Handlungsspielraum, den die Europ\u00e4er in der neuen, zur Zeit sehr volatilen Weltordnung haben. Einfach darauf zu beharren, dass alles so bleibt, wie es ist, weil wir kulturell in Europa gef\u00fchlt in der besten aller m\u00f6glichen Welten zu leben scheinen, d\u00fcrfte nicht gen\u00fcgen. Angesagt w\u00e4re deshalb eine Grundsatzdiskussion dar\u00fcber, was denn tats\u00e4chlich die Werte der \u00f6ffentlich gef\u00f6rderten Kultur (zentral-)europ\u00e4ischen Zuschnitts sind und worin der unverzichtbare Mehrwert eines sich nicht aus eigener Kraft finanzierenden (und oft auch nicht mehrheitsf\u00e4higen) Kulturschaffens besteht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Kulturschaffende, vor allem solche, die regelm\u00e4ssige staatliche F\u00f6rderung gewohnt sind, neigen allzu sehr dazu, diese F\u00f6rderung als ihnen selbstverst\u00e4ndlich zustehend zu betrachten. Sie tun dies in einer Art Double bind, indem sie einerseits f\u00fcr sich in Anspruch nehmen, ihre Werke ungeachtet des Interesses eines Publikums zu erschaffen, andererseits aber Publikumsresonanz dennoch als Kriterium ihres Erfolgs betrachten.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Was aber legitimert den diagnostischen Anspruch der Kultur? Was es denn ist, das Kultur mutmasslich zu einem Seismografen einer Gesellschaft macht, und wie man diese Funktion in der neuen Weltordnung wahren kann, ohne mit Freihandelsprinzipien (die eine gute Sache sind) in Konflikt zu geraten, dar\u00fcber m\u00fcsste grunds\u00e4tzlich diskutiert werden. M\u00f6glicherweise findet die Diskussion (noch) nicht statt, weil die Kulturschaffenden Europas noch nicht begriffen haben, welche Herausforderungen auf sie zukommen und mit welchem Statusverlust sie in den kommenden Jahren werden leben lernen m\u00fcssen. Sie werden sich in der gleichen Situation befinden wie heute etwa die Journalisten, denen auch die traditionellen Gesch\u00e4ftsmodelle und der soziale Status wegbrechen. Weil die Welt sich \u00e4ndert, ob man das nun gut finden will oder nicht. \u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p style=\"text-align: center;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><em>von Wolfgang B\u00f6hler<\/em><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 4px;\" \/>27.06.2015 \u2013 Die Musikr\u00e4te der Schweiz, Deutschlands und \u00d6sterreichs wenden sich gemeinsam gegen die als Bedrohung empfundenen Verhandlungen \u00fcber ein Freihandelsabkommen mit den USA (abgek\u00fcrzt \u00abTTIP\u00bb), welches das Selbstverst\u00e4ndnis der europ\u00e4ischen Kultur in den Grundfesten ersch\u00fcttern k\u00f6nnte. Auf den Punkt bringt der gemeinsame Forderungskatalog der Musikr\u00e4te das Unbehagen folgendermassen: Aus Sicht der USA seien Kultur und Medien regul\u00e4re Handelsprodukte, die m\u00f6glichst frei am Markt zirkulieren sollten. Staatliche F\u00f6rdermassnahmen w\u00fcrden aus dieser Perspektive als wirtschaftspolitisch motivierter Protektionismus erscheinen, der den freien Handel beschr\u00e4nke. Demgegen\u00fcber z\u00e4hle es zum europ\u00e4ischen Selbstverst\u00e4ndnis, Kultur nicht auf ihren Warencharakter zu reduzieren, sondern ebenso als Tr\u00e4gerin gesellschaftlicher Werte und Identit\u00e4ten sowie \u00e4sthetischer Positionierungen aufzufassen. Daraus leitet sich nach Ansicht der Musikr\u00e4te die Verantwortung des Staates ab, eine Vielfalt an Kultur zu erm\u00f6glichen \u2013 \u00abjenseits des Diktates des jeweils aktuellen Publikumsgeschmackes oder der Interessen von Investoren\u00bb.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-2398","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-editorials","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2398","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2398"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2398\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2398"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2398"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2398"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}