{"id":2469,"date":"2015-08-02T12:46:17","date_gmt":"2015-08-02T12:46:17","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2015\/08\/02\/die-singphoniker-singen-georg-kreisler\/"},"modified":"2015-08-02T12:46:17","modified_gmt":"2015-08-02T12:46:17","slug":"die-singphoniker-singen-georg-kreisler","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2015\/08\/02\/die-singphoniker-singen-georg-kreisler\/","title":{"rendered":"Die Singphoniker singen Georg Kreisler"},"content":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2015\/150731kreisler.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" width=\"100\" height=\"89\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">31.07.2015 \u2013 Ein Klavierhumorist. Als solchen bezeichnet Wikipedia Georg Kreisler, der zeitlebends politisch, \u00e4sthetisch und gesellschaftlich zwischen allen St\u00fchlen und B\u00e4nken sass, mit wechselnden Staatsb\u00fcrgerschaften. Ein Vetriebener, politisch, in die USA ausgewandert, sp\u00e4ter zeitweilig in der Schweiz lebend, die ihm 1994 ein Cornichon zuschob (f\u00fcr Nichtschweizer: einen renommierten Kabarettpreis). Ein Vertriebener zeitweilig auch unter Kollegen, mit denen er \u2012 sogar mit der eigenen Ex-Frau \u2012 teils verbitterte Urheberrechtskriege f\u00fchrte. Daneben vor allem ein brandschwarzer Poet. Und ob die Idee, Tauben im Park zu vergiften, nun wirklich von ihm stammt oder doch von seinem amerikanischen Kollegen Tom Lehrer, d\u00fcrfte vermutlich bloss Oberlehrer interessieren. Das modernde Fleisch am Knochen von Kreislers Kunst sind nicht Pointen, Hooklines oder Elevator Pitches, es ist seine Sprachgewalt, seine poetische Kraft und Leidenschaft. Sch\u00f6ne Lieder leuchten unsere Sehns\u00fcchte aus, Kreislers w\u00fcste alles (auch das ein Plagiat; die Suche nach dem Original: Sache b\u00f6ser Leserinnen). Und am wirkungsvollsten in beil\u00e4ufigen Nebens\u00e4tzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2015\/150731kreisler.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" width=\"100\" height=\"89\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>31.07.2015 \u2013 Ein Klavierhumorist. Als solchen bezeichnet Wikipedia Georg Kreisler, der zeitlebends politisch, \u00e4sthetisch und gesellschaftlich zwischen allen St\u00fchlen und B\u00e4nken sass, mit wechselnden Staatsb\u00fcrgerschaften. Ein Vetriebener, politisch, in die USA ausgewandert, sp\u00e4ter zeitweilig in der Schweiz lebend, die ihm 1994 ein Cornichon zuschob (f\u00fcr Nichtschweizer: einen renommierten Kabarettpreis). Ein Vertriebener zeitweilig auch unter Kollegen, mit denen er \u2012 sogar mit der eigenen Ex-Frau \u2012 teils verbitterte Urheberrechtskriege f\u00fchrte. Daneben vor allem ein brandschwarzer Poet. Und ob die Idee, Tauben im Park zu vergiften, nun wirklich von ihm stammt oder doch von seinem amerikanischen Kollegen Tom Lehrer, d\u00fcrfte vermutlich bloss Oberlehrer interessieren. Das modernde Fleisch am Knochen von Kreislers Kunst sind nicht Pointen, Hooklines oder Elevator Pitches, es ist seine Sprachgewalt, seine poetische Kraft und Leidenschaft. Sch\u00f6ne Lieder leuchten unsere Sehns\u00fcchte aus, Kreislers w\u00fcste alles (auch das ein Plagiat; die Suche nach dem Original: Sache b\u00f6ser Leserinnen). Und am wirkungsvollsten in beil\u00e4ufigen Nebens\u00e4tzen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Die Singphoniker hatten die eigentlich legitime, aber dennoch irritierende Idee, Lieder Kreislers, vom drei\u00e4ugigen M\u00e4dchen bis zum unmusikalischen Musikkritiker, f\u00fcr Vokalensemble zu adaptieren. Das l\u00e4sst einen Philosophieren \u00fcber Herkunft und Bedeutungsschattierungen des Ausdrucks Parodie. Denn eine solche muss man in dem Unterfangen sehen. Allerdings im urspr\u00fcnglich musikalischen Sinn. Im Barock und in der Klassik verstand man darunter die Umarbeitung von Musikst\u00fccken, durchaus auch im ernsthaften Sinn. Das ist, was die Singphoniker hier tun. Und wie in der Kirchenmusik historisch kernige Gassenhauer sich in seelenerhebende Sakralhymnen verwandelten, transformiert der Wohlklang des Vokalquintetts mit Klavier die ums enth\u00fcllende Licht kreisenden morbiden Motten Kreislers teils in Wohlf\u00fchlmotetten. Die Textaussage tritt gegen\u00fcber der kunstvollen mehrstimmigen Gestaltung und dem Wohlklang in den Hintergrund. Und verliert das Wesentliche: ihre Sch\u00e4rfe. \u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Man kann\u2019s aber auch immer noch als Parodie in unserem heutigen Sinn h\u00f6ren, als hinterlistige Brechung der harmlos-behaglichen, pietistischen Stimmung, die europ\u00e4ische Kunstmusik heute verbreitet. Dazu fehlt aber, bei allem Professionalismus und aller hochklassigen Singkunst, etwas die Frechheit in der Gestaltung. Dazu sind die rauen Kanten der Kreisler-Texte zu sehr \u00abvokalakrobatisch aufgeladen\u00bb, wie das die Singphoniker selber nennen. Kreislers schwarzer Humor gewinnt durch das musikalische Understatement (das die kompositorische Brillanz mehr verbirgt als hervorstreicht), an Dringlichkeit. Die Versionen der Singphoniker wirken da allzu unentschieden zwischen Gesangskunst und hintersinniger Demontage. <em>(wb) <\/em>\u00a0\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><strong>Info:<\/strong> Die Singphoniker, Georg Kreisler. Oehms Classics 2015, OC 1807.\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2015\/150731kreisler.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover CD\" width=\"100\" height=\"89\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">31.07.2015 \u2013 Ein Klavierhumorist. Als solchen bezeichnet Wikipedia Georg Kreisler, der zeitlebends politisch, \u00e4sthetisch und gesellschaftlich zwischen allen St\u00fchlen und B\u00e4nken sass, mit wechselnden Staatsb\u00fcrgerschaften. Ein Vetriebener, politisch, in die USA ausgewandert, sp\u00e4ter zeitweilig in der Schweiz lebend, die ihm 1994 ein Cornichon zuschob (f\u00fcr Nichtschweizer: einen renommierten Kabarettpreis). Ein Vertriebener zeitweilig auch unter Kollegen, mit denen er \u2012 sogar mit der eigenen Ex-Frau \u2012 teils verbitterte Urheberrechtskriege f\u00fchrte. Daneben vor allem ein brandschwarzer Poet. Und ob die Idee, Tauben im Park zu vergiften, nun wirklich von ihm stammt oder doch von seinem amerikanischen Kollegen Tom Lehrer, d\u00fcrfte vermutlich bloss Oberlehrer interessieren. Das modernde Fleisch am Knochen von Kreislers Kunst sind nicht Pointen, Hooklines oder Elevator Pitches, es ist seine Sprachgewalt, seine poetische Kraft und Leidenschaft. Sch\u00f6ne Lieder leuchten unsere Sehns\u00fcchte aus, Kreislers w\u00fcste alles (auch das ein Plagiat; die Suche nach dem Original: Sache b\u00f6ser Leserinnen). 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