{"id":247,"date":"2014-01-10T10:47:23","date_gmt":"2014-01-10T10:47:23","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/kuschel-klassik-betablocker-fuer-die-ohren\/"},"modified":"2014-01-10T10:47:23","modified_gmt":"2014-01-10T10:47:23","slug":"kuschel-klassik-betablocker-fuer-die-ohren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/kuschel-klassik-betablocker-fuer-die-ohren\/","title":{"rendered":"Kuschel Klassik &#8211; Betablocker f\u00fcr die Ohren"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/071004kuschel.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>05.10.2007 &#8212;<\/em> Die Doppel-CD ist f\u00fcr eine kritische Rezension eine echte Herausforderung. Es handelt sich um eine Aneinanderreihung harmloser Melodien in Mezzopiano und getragenem Zeitmass, vieles davon Ohrw\u00fcrmer des klassisch-romantischen Repertoires, und nicht wenige zum Weichsp\u00fclen in mehr oder weniger seri\u00f6se Bearbeitungen eingelegt \u2013 etwa in Gelegenheitsarrangements der aus\u00fcbenden, durchwegs hochkar\u00e4tigen Instrumentalisten, es findet sich aber auch eine Orchesterversion Ottorino Respighis von Rossinis \u00abZauberladen\u00bb und \u00e4hnlich Ausgekl\u00fcgeltes.<\/p>\n<p> Das Resultat der Kompilation ist eine Art \u00abTapetenmusik\u00bb mit einlullendem Charakter, die sich f\u00fcr eine kritische W\u00fcrdigung denn auch insofern als schwierig erwiesen hat, als der Rezensent beim Anh\u00f6ren mehrere Male sanft eingeschlummert ist und das Programm erst in mehrmaligen Anl\u00e4ufen vollst\u00e4ndig bew\u00e4ltigt hat. Dabei hat das Eingangsst\u00fcck \u2013 eine musikalisch ziemlich misslungene, sanft s\u00e4uselr\u00f6hrende Saxophonquartett-Version von Bachs \u00abJesu bleibet meine Freud\u00bb \u2013 wirklich Schlimmes bef\u00fcrchten lassen. Die schwerstwiegende Verst\u00fcmmelung hat der H\u00f6rer damit allerdings bereits hinter sich, der Rest der Nummern ist, wenn auch nicht gerade spektakul\u00e4r, so doch auf anst\u00e4ndigem Niveau, wenn auch mit gegl\u00e4tteten Ecken und Kanten h\u00e4ppchenweise serviert.<\/p>\n<p> Dass in der Reihe mittlerweile die zw\u00f6lfte Scherbe aufliegt, hat auch seine Vorteile, denn die grossen Renner \u2013 Schumanns \u00abTr\u00e4umerei\u00bb und alle sonstigen m\u00f6glichen Liebestr\u00e4ume, Romanzen, Wiegenlieder, Barcarollen, Nocturnes, Largos und Adagios \u2013 sind seit dem Vol.1 n\u00e4mlich bereits abgenudelt. Das Repertoire erh\u00e4lt mit der Nr. 12 deshalb schon fast originellen Charakter. Da kommen nun etwa ein Klaviertrio Edouard Lalos (selbstverst\u00e4ndlich nur der langsame Satz), eine Suite f\u00fcr zwei Klaviere von Charles Koechlin (selbstverst\u00e4ndlich nur der langsame Satz) oder ein Harfenduo von C\u00e9sar Franck (selbstverst\u00e4ndlich nur &#8230; und so weiter) zum Zuge, und auch Rheinberger, Glasunow, Fanny Mendelssohn und \u2013 nein nicht Bernhard und auch nicht Simgund, obwohl die auch keiner kennt, sondern \u2013 Andreas Jakob Romberg und Fernando Sor tragen ihre Scherflein zur biedermeierlichen Idylle bei.<\/p>\n<p> Man fragt sich nat\u00fcrlich, wer solche Kuschel-Klassik konsumiert. Die appellative Grossaufnahme einer offenen Orchideenbl\u00fcte auf der R\u00fcckseite des Beiblattes l\u00e4sst keinen Zweifel daran, dass hier weibliche Sexualit\u00e4t in radikalromantischer Form munitioniert wird. Sie d\u00fcrfte aber auch von Operationsschwestern eingeworfen werden, bevor einem vermummte Kerle mit Klammern, Lumpen und blutigen Skalpellen bewehrt den Bauch aufschlitzen. Um selbiges wiederum zu verhindern, d\u00fcrfte sie in U-Bahn-Stationen zum Einsatz kommen, die neuerdings mit zahnlosem Mozart &amp; Co. berieselt werden. Herumlungernde Jugendbanden lassen sich mit dieser \u00abuncoolen\u00bb Art der Beschallung recht gut vertreiben.<\/p>\n<p> Und es stellt sich nat\u00fcrlich auch die Gretchenfrage, ob mit dieser Art von Wohlf\u00fchl- und Entspannungsmusik Kreise f\u00fcr die klassische Musik gewonnen werden k\u00f6nnen, denen der Zugang dazu sonst versperrt bleibt. Da scheint Skepsis angebracht, denn das eigentliche Hindernis f\u00fcr Neuh\u00f6rer ist, wie man aus neueren Erhebungen weiss, nicht die Musik an und f\u00fcr sich, sondern die mangelnde Vertrautheit mit den Ritualen des klassischen Konzertbetriebs und damit &#8211; bei ohnehin niedriger Motivationsschwelle &#8211; die Angst vor dem Fremden. <\/p>\n<p> So mag das mittlerweile volle Dutzend Kuschel-Klassik den einen oder andern (oder vermutlich vielmehr die eine oder andere) zu gelegentlichen Ausfl\u00fcgen ins Netrebko- oder Andr\u00e9-Rieu-Konzert im lokalen Fussball-Stadion verf\u00fchren. Davon, Freunden mit Kuschel-CDs bewaffnet Musik als Sch\u00e4rfung von Intellekt und Wahrnehmung andienen zu wollen, wird hingegen eher abgeraten, der Hoffnungslosigkeit eines solchen Unterfangens wegen. Womit nicht gesagt sein soll, dass ein ruhiger Abend an einem ruhigen Pl\u00e4tzchen mit derartiger Hintergrundmusik nicht auch seine Reize haben kann. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span class=\"txt-s-black\" style=\"font-size: x-small;\"><em>Kuschel Klassik 12, versch. Interpreten und Komponisten, Sony BMG 88697 01381 2.<\/em> <\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>05.10.2007 &#8212; Die Doppel-CD ist f\u00fcr eine kritische Rezension eine echte Herausforderung. 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