{"id":248,"date":"2014-01-10T10:48:14","date_gmt":"2014-01-10T10:48:14","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/bartolis-reverenz-an-maria-malibran\/"},"modified":"2014-01-10T10:48:14","modified_gmt":"2014-01-10T10:48:14","slug":"bartolis-reverenz-an-maria-malibran","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/bartolis-reverenz-an-maria-malibran\/","title":{"rendered":"Bartolis Reverenz an Maria Malibran"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/070920bartoli.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>20.09.2007 &#8212;<\/em> Aglaja Orgeni (schon mal von ihr geh\u00f6rt?) gilt als eine der ganz grossen Gesangsp\u00e4dagoginnen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Ihre Grossnichte Erna Brand-Seltei hat 1972 die Geschichte der Frauen im Belcanto geschrieben (Erna Brand-Seltei: <em>Belcanto, eine Kulturgeschichte der Gesangskunst<\/em>, Wilhelmshaven, 1972). Sie nimmt ihren Anfang bei dem gerissenen, ja skrupellosen S\u00e4nger und Kaufmann Manuel del Popolo Vicente Garcia (1775-1832).<\/p>\n<p> Ein Schl\u00fcsselrolle in der Geschichte der modernen Gesangskunst spielen Garcias T\u00f6chter Marie und Pauline. Marie Malibran de B\u00e9riot-Garcia (1808-1836) wurde von ihrem Vater mit unerbittlicher H\u00e4rte zum Singen gezwungen und starb, noch nicht dreissig Jahre alt, w\u00e4hrend eines S\u00e4ngerfestes in Manchester an \u00dcberanstrengung \u2013 sie war Monate zuvor vom Pferd gefallen, hatte den drohenden physischen Zusammenbruch aber ignoriert. Um der v\u00e4terlichen Gewalt zu entgehen, hatte sie den Kaufmann Eug\u00e8ne Malibran geheiratet, der \u00fcber seine Verm\u00f6gensverh\u00e4ltnisse vermutlich falsche Angaben gemacht hatte. Kurz nach der Heirat musste er seinen Bankrott erkl\u00e4ren, die Achtzehnj\u00e4hrige fl\u00fcchtete mittellos und einsam aus New York nach Paris, wo ihr ihre sp\u00e4tere Biografin, Comtesse Merlin, erst richtig Eingang ins Kunstleben erm\u00f6glichte.<\/p>\n<p> Marias Schwester Pauline Viardot-Garcia (1821-1910), eine Jugendfreundin Clara Schumanns, schuf sich als P\u00e4dagogin einen hervorragenden Ruf. Auch George Sand, die Lebensgef\u00e4hrtin Chopins, war von der Pers\u00f6nlichkeit der S\u00e4ngerin tief beeindruckt. Im Entwicklungsroman \u00abConsuelo\u00bb hat sie ihr ein bleibendes Denkmal gesetzt. Gefolgschaft fand Pauline Viardot vor allem in der Person der \u00fcberragenden Aglaja Orgeni-G\u00f6rger (1841-1926), die 1908, vermutlich als erste Frau \u00fcberhaupt, den Titel einer Professorin verliehen bekam. Ab 1886 war sie als Lehrerin f\u00fcr Gesang am Dresdner Konservatorium t\u00e4tig. <\/p>\n<p> Dem Garcia-Clan und der mit ihm verbundenen \u00c4sthetik des Belcanto hat sich Cecilia Bartoli angenommen. Zur Zeit tourt sie mit einem Programm durch Europa, das die Glanzzeiten der Malibran wieder aufleben l\u00e4sst. Begleitet wird die Tournee von einem \u00abMuseo Mobile\u00bb, einer kleinen, in einen Truck verpackten Ausstellung. Wo Museo und S\u00e4ngerin Halt machen, dar\u00fcber gibt die Webseite <a href=\"http:\/\/www.mariamalibran.net\" target=\"blank\" rel=\"noopener noreferrer\">www.mariamalibran.net<\/a> Auskunft (ein Hersteller schwerer Lastwagen mit urm\u00e4nnlichem Namen wirkt als Hauptsponsor &#8211; soviel Ironie mutet schon fast subversiv an).<\/p>\n<p> Das Projekt scheint in zweifacher Hinsicht richtungweisend: Zum ersten weist es der Tontr\u00e4ger-Industrie einen m\u00f6glichen Ausweg aus der Krise. Die Silberscheibe selber spielt bei \u00abMaria\u00bb n\u00e4mlich fast eine Nebenrolle. Zum Kaufmotiv d\u00fcrfte vielmehr das \u00fcppig gestaltete Booklet mit den zahlreichen erstklassig recherchierten Hintergrundinformationen werden. <\/p>\n<p> Schade, dass die etwas geschm\u00e4cklerischen Fotografien das B\u00fcchlein \u00e4usserlich eher wie den Lifestyle-Prospekt eines Juwelierladens erscheinen lassen. Das Schickimicki-Design banalisiert die vielschichtige und auch tragische Pers\u00f6nlichkeit der jung verstorbenen S\u00e4ngerin. Die leider in etwas kleinem Schriftgrad gesetzten Texte sch\u00fcrfen da weitaus tiefer.<\/p>\n<p> Zum zweiten leistet Cecilia Bartoli mit dem Album einen intelligenten, querst\u00e4ndigen Beitrag zu Geschichte und \u00c4sthetik der Gesangskunst, der zum grunds\u00e4tzlichen Nachdenken \u00fcber Musik und Interpretation anregt. In akribischer Arbeit haben sie und ihr Team die f\u00fcr die Malibran geschriebenen Arien analysiert, zahllose zeitgen\u00f6ssische Berichte \u00fcber deren Wirken studiert und auf der CD auch einige Originalkompositionen Mailbrans und ihres Vaters erstmals eingespielt &#8211; darunter auch zeitgen\u00f6ssische, dem Star auf den Leib geschneiderte Ad-hoc-Erg\u00e4nzungen bekannter Opern. <\/p>\n<p> Zugute ist Bartoli bei der Aufarbeitung dieser Epoche der Gesangskunst die intime Kenntnis ihrer Vorgeschichte gekommen. So hat sie etwa die Bedeutung erkannt, welche das Auftreten der Malibran f\u00fcr den endg\u00fcltigen Untergang der Kunst der Kastraten gehabt hat. Mit dem Quellenstudium enth\u00fcllt die Mezzosopranistin aber auch die sp\u00e4tere Verdr\u00e4ngung der dunkleren Stimme, wie sei der Malibran eigen gewesen sein muss, durch die heute \u00fcblichen, eher puppenhaften Soprane.<\/p>\n<p> Mit nicht geringer \u00dcberzeugungskraft schliesst sie, dass heute als Paradest\u00fccke f\u00fcr Sopranistinnen betrachtete Partien wie Bellinis Somnambula oder Norma urspr\u00fcnglich f\u00fcr das dunkle Timbre zwischen Sopran und Alt gedacht waren, das nicht nur Maria Malibrans Stimme charakterisiert haben muss, sondern auch diejenige Giuditta Pastas (1797 bis 1865), des zweiten weiblichen Gesangstars der Epoche. <\/p>\n<p> Um dem authentischen Klang der Epoche nachzuforschen, spielte das eher zur\u00fcckhaltende Z\u00fcrcher Orchestra La Scintilla w\u00e4hrend der Aufnahmen in der reformierten Kirchgemeinde von Z\u00fcrich-Oberstrass unter der Leitung von Adam Fischer auf Originalinstrumenten, die Jodlerin Nadja R\u00e4ss gab Bartoli \u00fcberdies gute Tipps, um mit Hummels \u00abAir Tirolienne\u00bb &#8211; einem kleinen Zirkusst\u00fcck im malibranschen Repertoire &#8211; klarzukommen. Wie eine Primadonna der ersten H\u00e4lfte des 19. Jahrhunderts geklungen haben mag, nimmt man beim Anh\u00f6ren der CD fasziniert zur Kenntnis. Bloss das streckenweise etwas gar dick aufgetragene Tremolo scheint ab und an etwas des Guten zuviel. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Cecilia Bartoli: Maria, mit dem Orchester La Scintilla (Adam Fischer, Leitung), Maxim Vengerov (Violine), Celso Albelo (Tenor), Luca Pisaroni (Bassbariton) und den internationalen Kammersolisten (J\u00fcrg H\u00e4mmerli, Leitung), Decca 475 9077.<\/span> <\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20.09.2007 &#8212; Aglaja Orgeni (schon mal von ihr geh\u00f6rt?) gilt als eine der ganz grossen Gesangsp\u00e4dagoginnen des ausgehenden 19. 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