{"id":2519,"date":"2015-09-05T15:11:50","date_gmt":"2015-09-05T15:11:50","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2015\/09\/05\/eroeffnung-des-musikfestivals-bern-2015\/"},"modified":"2015-09-05T15:11:50","modified_gmt":"2015-09-05T15:11:50","slug":"eroeffnung-des-musikfestivals-bern-2015","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2015\/09\/05\/eroeffnung-des-musikfestivals-bern-2015\/","title":{"rendered":"Er\u00f6ffnung des Musikfestivals Bern 2015"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">05.09.2015 \u2013 Im Berner M\u00fcnster ist das Musikfestival Bern 2015 offiziell er\u00f6ffnet worden. Mit einem durch und durch bernischen Urknall und Treichlern vor dem J\u00fcngsten Gericht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><strong>05.09.2015 \u2013 Im Berner M\u00fcnster ist das Musikfestival Bern 2015 offiziell er\u00f6ffnet worden. Mit einem durch und durch bernischen Urknall und Treichlern vor dem J\u00fcngsten Gericht.<\/strong>\u00a0<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Man hat Bilder im Kopf: Etwa den schwerf\u00e4lligen Marsch des urbernischen Eisenplastikers Bernhard Luginb\u00fchl mit Feuerfont\u00e4ne am Kopf in den 1980er-Jahren \u2012 anl\u00e4sslich seiner legend\u00e4ren Retrospektive in der Berner Reithalle. Das steigt buchst\u00e4blich auf, bestaunt man die kaskadierenden Zuckerst\u00f6cke, die auf dem Berner M\u00fcnsterplatz abgebrannt werden \u2012 der Er\u00f6ffnungsanlass des Musikfestivals Bern 2015 ist soeben zu Ende gegangen. Zum Abschluss haben sich auf dem Vorplatz des M\u00fcnsters, gleich unter dem J\u00fcngsten Gericht, allerlei Trommler, S\u00e4nger und Treichler aus dem Seeland zu einer \u00abKlangbewegung f\u00fcr \u00fcber 100 PerkussionistInnen\u00bb (des Schlagzeugers Fritz Hauser) zusammengefunden. Bei der Einweihung des renovierten Freskos hatte der damalige Burgergemeindepr\u00e4sident noch vor der \u00abVerniederdorfung\u00bb der Berner Altstadt gewarnt, und damit noch etwas derberes \u00f6ffentliches Treiben gemeint.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das Festival steht unter dem Motto \u00abUrknall\u00bb, und mit einem solchen lokalen Zuschnittes ist der Er\u00f6ffnungsanlass denn auch kreiert worden: ein Big Bang, bernisch angemessen in ultragedehnter Zeitlupe, einer der sich, statt gewaltig zu explodieren, gem\u00e4chlich aufbaut (nach einem Werk des Komponisten James Tenney aus dem Jahr 1971) und auch wieder abbaut, sekundiert von einer sanft-hell aufheulenden Luftschutzsirene, als ob den Bernern geraten w\u00fcrde, gleich mal in Deckung zu gehen, wenn Gott die Welt erschafft. Auch so etwas l\u00e4sst man als Emmentaler, Ober- oder Seel\u00e4nder noch an sich vorbeiziehen, ohne gross Schaden zu nehmen.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das Motto passt nun wirklich zu Bern, verbinden sich kosmologische und theologische Phantastereien doch kaum anderswo so innig mit genialen wissenschaftlichen W\u00fcrfen der Weltdeutung wie im geistigen Gravitationsfeld der Z\u00e4hringerstadt. Der Welt hat der Kanton kirchenhistorisch eine aussergew\u00f6hnliche F\u00fclle an selbsternannten Propheten und Jesusse geschenkt, mit Jakob Ammann bis weit in die Neue Welt hinaus, kreative schr\u00e4ge V\u00f6gel und Volksdenker gr\u00f6sseren und kleineren Zuschnittes, von Friedrich Glauser \u00fcber Adolf W\u00f6lfli bis zu Carlo Eduardo Lischetti und \u2012 nat\u00fcrlich \u2012 einem Giganten wie Friedrich D\u00fcrrenmatt, der Konolfinger Provinzialismus zur Weltb\u00fchne umdachte, daneben Weltenall-Denker wie den Geometer Jakob Steiner, oder Physiker, von Albert Einstein \u00fcber Paul Wild bis zu Kathrin Altwegg. Schon mit der ersten Landung gelangte Berner Experimentiergeist selbst auf dem Mond. Das bringt das im Kern hochseri\u00f6se, in der Form schr\u00e4ge \u00abMad Scientist Festival\u00bb, das diesmal mit dem Musikfestival verbunden ist, mit seinem Label auf den Punkt: \u00dcber die Welt denken Teams am Cern genauso nach wie der Minotaurus im Labyrinth, Lenin in Zimmerwald und der lokale barocke Prediger Samuel K\u00f6nig.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Da passte auch die Schweizer Erstauff\u00fchrung der eklektischen \u00abGenesis Suite\u00bb \u2012 ein Gemeinschaftswerk aus dem Jahr 1945 von Arnold Sch\u00f6nberg, Nathaniel Shilkret, Aleksander Tansman, Darius Milhaud, Mario Castelnuovo-Tedesco, Ernst Toch und Igor Strawinsky \u2012 perfekt in die Er\u00f6ffnungsfeier: Das Sinfonie Orchester Biel Solothurn und sein Chor wurden dabei geleitet von Kaspar Zehnder, No\u00ebmi Gradwohl amtete als Sprecherin. Das kollektive Oratorium \u2012 jeder Tonsch\u00f6pfer trug, ohne Kenntnis der Arbeit der andern, je einen Satz zum Gesamtwerk bei \u2012 ist eine interessante Entdeckung, in der Textur allerdings ohne erkennbare \u00fcbergeordnete Dramaturgie und durchgehend recht dicht. In jedem der S\u00e4tze schien da jeder der Kontribuenten m\u00f6glichst alles durchdeklinieren zu wollen. Kann man ihnen ja auch nicht ver\u00fcbeln.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Ein Festival das etwas auf sich h\u00e4lt, h\u00e4tte unter dem Motto m\u00f6glicherweise eine angesagte historisch-informierte Wiedergabe von Haydns \u00abSch\u00f6pfung\u00bb zum glamour\u00f6sen Event gemacht, samt direkt aus New York, Salzburg oder St. Petersburg eingeflogenen Superstars und hochgelehrten Debatten \u00fcber Chorgr\u00f6ssen und Streichervibrati. Das aber soll nicht Sinn und Geist des Musikfestivals Bern sein, wie dessen Pr\u00e4sident Hanspeter Renggli in seiner kurzen Begr\u00fcssung im Rahmen des Er\u00f6ffungsanlasses erkl\u00e4rte, bevor der Berner Jazzs\u00e4nger Andreas Schaerer die Idee einer Er\u00f6ffnungsrede im skurrilen Dialog mit einem Schlagzeug ad absurdum f\u00fchrte. Viel n\u00e4her ist dem Festival der Genossenschaftsgedanke, der in gewisser Hinsicht ja auch die \u00abGenesis Suite\u00bb gepr\u00e4gt hat. Der Anlass atmet als \u00abgemeinsame Veranstaltung zahlreicher Berner Kulturinstitutionen und Ensembles aus der klassischen Musik und angrenzenden Bereichen\u00bb genossenschaftlichen Geist \u2012 und passt so hervorragend ins politische und wirtschaftliche Leben-und-Leben-lassen der Stadt mit Regionalkonferenzen, Landis, Wohnbaugenossenschaften, Reisekassen und Wirtschaftsringen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">In einer Hinsicht folgt das Musikfestival Bern allerdings dem Zeitgeist: Es hat Artists in Residence, den amerikanischen Schlagzeuger Brian Archinal und sein Ensemble This | Ensemble That (ein doppelter E.T., ja auch ein kosmischer Kassenschlager), und ein Vermittlungsprogramm. Zu den Highlights des Festivals geh\u00f6ren in der kommenden Woche aber auch eine hochkar\u00e4tige \u00a0wissenschaftliche Gespr\u00e4chsreihe unter dem Titel \u00abZwischen Urknall und Sch\u00f6pfung\u00bb, ein \u00abMusic Collider\u00bb, in dem \u00abUrknallforschung auf spielerische Weise fassbar wird, mit Gespr\u00e4chen und Installationen, einem besonderen Bar-Angebot und einer Scientific Arcade\u00bb, das Kinder- und Jugendmedienfestival K\u00f6niz, ein \u00abNationalhymnen-Jam\u00bb zur weltersch\u00fctternden Frage, was f\u00fcr eine Hymne die Schweiz verdient hat (\u00abBetet, freie Schweizer, betet!\u00bb) und ein paar grosse Kisten, etwa ein Gemeinschaftskonzert der Ch\u00f6re Canto Classico, Konzertchor Bern sowie dem Canto Allegro Konzertchor Bern Ost, zusammen mit dem Sinfonischen Blasorchester Berns und einem Ensemble der Hochschule der K\u00fcnste Bern, mit Werken von Darius Milhaud (\u00abLa Cr\u00e9ation du monde\u00bb, selbstredend), Oliver Waespi (\u00abCanticum\u00bb UA), Jean Balissat (\u00abLe premier jour\u00bb) und Charles Gounod (\u00abMesse de Sainte C\u00e9cile\u00bb).<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das Festival zeigt einmal mehr: Bern ist dann am universalsten, wenn es nicht provinziell versucht, Urbanit\u00e4t zu vermitteln, sondern sich seiner Eigenheiten besinnt \u2012 dieser skurrilen Mischung aus geerdeter Authentizit\u00e4t und dem Duft von Speckz\u00f6pfen, Chabis, Heu, Sandsteinfassaden, Bundesordnern und Diplomatenempf\u00e4ngen, von kosmologischem Staunen und dem Hang zu sinnlich-ruralem Intellektualismus, von kleinb\u00fcrgerlicher Enge und friedliebender Warmherzigkeit, gutm\u00fctigem Umgang mit Sonderlingen, fr\u00f6mmlerisch-kleinr\u00e4umigem Sektierertum und kraftvollem universalem Nachdenken \u00fcber die Welt. Im d\u00fcrrenmattschen Labyrinth. Im zornigem luginb\u00fchlschen Feuer. In Glausers kriminalistischem Scharfsinn.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Und ja: Haydns \u00abSch\u00f6pfung\u00bb hat es am Er\u00f6ffnungswochenende auch gegeben: Als rundum bernische Produktion mit dem Amadeus Chor Bern und dem Berner Kammerorchester in der Franz\u00f6sischen Kirche. Und es ward Licht. <em>(wb)<\/em><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><strong>Info: <\/strong><\/span><br \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"> Musikfestival Bern, Er\u00f6ffnung, 03.09.2015, M\u00fcnster Bern, Das ganze Programm des Festivals findet sich unter: <a href=\"http:\/\/www.musikfestivalbern.ch\">www.musikfestivalbern.ch<\/a><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">05.09.2015 \u2013 Im Berner M\u00fcnster ist das Musikfestival Bern 2015 offiziell er\u00f6ffnet worden. 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