{"id":257,"date":"2014-01-10T10:55:31","date_gmt":"2014-01-10T10:55:31","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/lebrechts-abgesang-auf-die-musikindustrie\/"},"modified":"2014-01-10T10:55:31","modified_gmt":"2014-01-10T10:55:31","slug":"lebrechts-abgesang-auf-die-musikindustrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/lebrechts-abgesang-auf-die-musikindustrie\/","title":{"rendered":"Lebrechts Abgesang auf die Musikindustrie"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2007\/070518lebrecht.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>18.05.2007 &#8212;<\/em> Norman Lebrecht ist ein intimer Kenner von Geschichte und Geschichten rund um Aufschwung und Untergang der Klassik-Tontr\u00e4gerindustrie. Sein R\u00fcckblick auf hundert Jahre Schallplatte, Compact Disc und weniger erfolgreiche Medien liest sich wie eine Mischung aus Wirtschaftsreport, Mafiaroman und Gesellschaftssatire. Verfasst ist er in einem lockeren Plauderstil, der dazu f\u00fchrt, dass man das Buch nicht mehr aus den H\u00e4nden legen will, sobald man einmal von dem Strudel aus technischer Brillanz, k\u00fcnstlerischer Eitelkeit und unternehmerischer Winkelz\u00fcge mitgerissen worden ist. Der britische Musikkritiker l\u00e4sst Auf- und Abstieg der \u00abRecording Industry\u00bb in acht Kapiteln Revue passieren. Erg\u00e4nzt werden diese mit einer F\u00fclle an Hintergrundgeschichten rund um die 100 bedeutendsten Aufnahmen und um 20, die \u00abnie h\u00e4tten gemacht werden sollen.\u00bb<\/p>\n<p> Da begegnet man Irrungen und Wirrungen in den Firmengeschichten von Decca, EMI, CBS, Sony und Konsorten genauso wie einer F\u00fclle an eigensinnigen bis b\u00f6sartigen Charakteren &#8211; und fragt sich dabei mit fortgeschrittener Lekt\u00fcre, ob denn die Tatsache, dass die Klassik-Tontr\u00e4gerindustrie zu ihrem Ende gefunden hat, wirklich zu bedauern ist. <\/p>\n<p> Als Gr\u00fcnde f\u00fcr den Niedergang der (bildungsb\u00fcrgerlichen) Tontr\u00e4gerproduktion klassisch-romantischer Pr\u00e4gung sieht Lebrecht mehrere Gr\u00fcnde: Da ist zun\u00e4chst einmal die \u00dcberproduktion als Folge von Hahnenk\u00e4mpfen zwischen den Maestros am Dirigierpult, die zur 275ten Einspielung einer Beethoven-Sinfonie (der F\u00fcnften) \u00e0 tout prix noch die 276te erzwingen mussten (die Anzahl zeigt der Online-H\u00e4ndler Amazon an \u2013 eine schwedische Webseite listet 435 Versionen von Vivaldis \u00abVier Jahreszeiten\u00bb).<\/p>\n<p> Hinzu kommt die wesentlich l\u00e4ngere Lebensdauer der CD, die von den Sammlern nicht wie die Vinylplatten periodisch ersetzt wird. Einen entscheidenden Stoss versetzte der Industrie laut Leberecht \u00fcberdies der Sony-Chef Norio Ohga, der im aussichtslosen \u00dcbernahmekampf um die Deutsche Grammophon die Produktion bis zu einem absurden Punkt weitertrieb, und schliesslich trug in den letzten Jahren das Internet das Seinige zur Demontage des Gesch\u00e4ftsmodells bei. <\/p>\n<p> Man vergisst ob der \u00fcberaus suggestiven Art Lebrechts, eine umfassende Geschichte des Musiklebens inklusive seinem Abgesang zu entwerfen, aber leicht, dass die Tonaufzeichnung bloss eine seiner Dimensionen darstellt. \u00dcberragende Bedeutung hatte sie bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts, weil Musikliebhaber schon nur etwas abseits der grossen Metropolen kaum die Gelegenheit hatten, musikalische Spitzenleistungen im Konzertsaal live zu erleben.<\/p>\n<p> Das Konzertleben hat in den letzten Jahrzehnten parallel zum Niedergang der Tontr\u00e4gerindustrie allerdings zu ungeahnter Bl\u00fcte gefunden, so dass nicht wie im Untertitel des Buches von einem Fall der Klassikindustrie an sich die Rede sein kann, sondern eher \u2013 wenn man so will \u2013 von einem solchen der klassischen Klassikplatte.<\/p>\n<p> Lebrecht entpuppt sich mit fortschreitender Lekt\u00fcre denn auch als ewiggestriger Nostalgiker, wenn auch als solcher mit recht weitem Horizont: Die zeitgen\u00f6ssischen Klangwelten scheinen f\u00fcr ihn \u2013 wie f\u00fcr das Gesch\u00e4ft mit Tonaufzeichnungen eingestandenermassen auch \u2013 kaum Relevanz zu haben. Es findet sich dazu praktisch nur eine ausf\u00fchrlichere (und entlarvende) Passage, n\u00e4mlich in der ansonsten intelligenten Polemik zu den schlechtesten Aufnahmen, namentlich zu einer Einspielung von Saties \u00abVexations\u00bb durch Reinbert de Leeuw.<\/p>\n<p> \u00abFr\u00fche Aufnahmen serieller Musik\u00bb, schreibt Lebrecht, \u00abwaren verstimmt, da sich die Musiker darum bem\u00fchten, die unnat\u00fcrlichen Dissonanzen zu korrigieren. Sch\u00f6nbergs CBS-Aufnahme von <em>Pierrot Lunaire<\/em> ist beinahe unertr\u00e4glich anzuh\u00f6ren. Sogar die Unterst\u00fctzung des Experten Pierre Boulez konnte den extremen Modernismus von Xenakis und Ferneyhough nicht zu einem H\u00f6rvergn\u00fcgen machen. (&#8230;) Was soll man mit einer Aufnahme von John Cages <em>4\u2019 33\u2019\u2019,<\/em> einem Grollen von Ger\u00e4uschen im Raum, anfangen? Morton Feldmans <em>Zweites Streichquartett<\/em> brummt endlos weiter.\u00bb (367). Viel mehr hat der britische Connaisseur zur zeitgen\u00f6ssischen Musik nach Strawinsky nicht zu sagen.<\/p>\n<p> Nur wenig an der Glaubw\u00fcrdigkeit der Berichte Lebrechts kratzen Nachl\u00e4ssigkeiten wie die Tatsache, dass er vom Sommerfestival der \u00abSBS-Bank\u00bb in Verbier spricht (169) und sich in Sachen musikpsychologischer Ergebnisse auf naivem und vom Stand der Erkenntnis her veraltetem Niveau bewegt (186). So oder so d\u00fcrfte das Buch f\u00fcr alle zur Pflichtlekt\u00fcre werden, die beruflich mit klassischer Musik zu tun haben, oder sonst ein Interesse an diesem schillernden k\u00fcnstlerisch-gesellschaftlichen Kosmos zeigen. <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em>Norman Lebrecht: Ausgespielt \u2013 Aufstieg und Fall der Klassikindustrie, aus dem Englischen \u00fcbersetzt von Ingeborg Hagedorn und Katja Naumann, Schott Music Mainz 2007, ISBN 978-3-7957-0593-0.<\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>18.05.2007 &#8212; Norman Lebrecht ist ein intimer Kenner von Geschichte und Geschichten rund um Aufschwung und Untergang der Klassik-Tontr\u00e4gerindustrie. Sein&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-257","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/257","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=257"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/257\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=257"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=257"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=257"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}