{"id":268,"date":"2014-01-10T11:04:26","date_gmt":"2014-01-10T11:04:26","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/chopins-konzerte-als-intime-kammermusik\/"},"modified":"2014-01-10T11:04:26","modified_gmt":"2014-01-10T11:04:26","slug":"chopins-konzerte-als-intime-kammermusik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/chopins-konzerte-als-intime-kammermusik\/","title":{"rendered":"Chopins Konzerte als intime Kammermusik"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/061215fialkowska.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>15.12.2006 &#8212;<\/em> Die kanadische Pianistin Janina Fialkowska hat gerade das hinter sich gelassen, was die meisten Musiker als ihren gr\u00f6ssten Albtraum bezeichnen w\u00fcrden: Anfang 2002, als sie sich bereits auf eine intensive Konzertt\u00e4tigkeit in den USA und Europa vorbereitete, er\u00f6ffnete ihr der Arzt, dass die seltsame Schwellung in ihrem linken Arm keine Folge allzu \u00fcberanstrengten Musizierens sei, sondern ein Krebsgeschw\u00fcr, das so schnell wie m\u00f6glich operativ entfernt werden m\u00fcsse. Nach der Operation, so der Arzt weiter, werde sie ihren Arm nicht mehr bewegen k\u00f6nnen und auch kein Gef\u00fchl mehr darin haben. Herzlich wenig Trost bedeutete es f\u00fcr die Pianistin, die vor dem Aus ihrer musikalischen Karriere stand, dass ihr in einem erst von einem Schweizer Team einmal durchgeprobten Operationsverfahren ein R\u00fcckenmuskel so \u00fcber die Schulter gezogen werden sollte, dass der Arm mit seiner Hilfe zumindest eingeschr\u00e4nkt wieder nutzbar w\u00e4re.<\/p>\n<p> So spielte sie nach dem gegl\u00fcckten Eingriff zun\u00e4chst mit amerikanischen Orchestern die Konzerte f\u00fcr die linke Hand von Ravel und Prokofiev, die sie f\u00fcr ihre unversehrte rechte umschrieb. Mit intensivem \u00dcben unter gr\u00f6ssten Schmerzen gelang es ihr aber \u00fcberdies, ihre volle Virtuosit\u00e4t wiederzuerlangen und die Konzert\u00e4tigkeit mit Auftritten in Deutschland und Kanada neu aufzunehmen. <\/p>\n<p> Die k\u00e4mpferische Klavierspielerin hat aber nicht nur eine ungew\u00f6hnliche medizinische Laufbahn hinter sich, sie begibt sich auch in Sachen Repertoire gerne auf ungewohntes und interessantes Parkett: Im August 2004 hat sie mit einem Streichquintett \u2013 den Chamber Players of Canada \u2013 die zwei Klavierkonzerte des 19-j\u00e4hrigen Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin eingespielt. Die Aufgabe, die dem Orchesterpart als bloss stichwortgebender und den Solopart kolorierenden Zudienerin f\u00fcr das Klavier zukommt, w\u00fcrde eine derartige Adaption im ersten Moment kaum nahelegen. Tats\u00e4chlich ist die Version musikgeschichtlich aber interessant: Zu Zeiten Chopins waren die b\u00fcrgerlichen und adligen Salons das Graviationszentrum des gehobenen Musiklebens und Auftritte des Virtuosen im kleinen Kreis mit entsprechend angepasstem Programm ein wesentlicher Teil der Musikkultur. <\/p>\n<p> So finden sich im Programm einschl\u00e4giger Verlage der Zeit denn auch relativ problemlos \u00abHausmusik\u00bb-Ausgaben der chopinschen Klavierkonzerte f\u00fcr Soloinstrument und Streichquintett. Rund ein Vierteljahrhundert nach Chopins Tod wurden solche von Kistner und Breitkopf &amp; H\u00e4rtel in Leipzig auf den Markt gebracht \u2013 in Arrangements von Hofmann und Waldersee. Fialkowska und Julian Armour, der Gr\u00fcnder der Chamber Players of Canada, gingen dar\u00fcberhinaus hartn\u00e4ckig der Frage nach, ob sich nicht Dokumente oder Bearbeitungen finden liessen, die beweisen w\u00fcrden, dass Chopin selber die Konzerte in einer solchen Besetzung vorgetragen hat. Auf eine heisse Spur f\u00fchrte sie Armours Vater, der Philosoph Leslie Armour, der in der British Library in London eine Ausgabe des Verlegers Schlesinger aufst\u00f6berte, zu der Chopin selber vermutlich (echte Beweise dazu fehlen allerdings) seine Zustimmung gegeben haben d\u00fcrfte. <\/p>\n<p> Die Aufnahme Fialkowskas und der Chamber Players of Canada zeigt auf der einen Seite die prinzipiellen Probleme einer derartigen Reduktion des Satzes. Die Streicher spielen in orchestralem und nicht kammermusikalischem Duktus und schaffen so ein auffallendes Ungleichgewicht zwischen dem Solopart und der Begleitung. Es zeigt sich dabei unvermeidlicherweise, dass die musikalische Substanz des Orchestersatzes doch eher d\u00fcrftig ist. In den Partien, in denen sich das Orchester zugunsten des Klaviers auf sekundierende Lieget\u00f6ne zur\u00fccknimmt, wirkt die solistische Besetzung streckenweise gar musikalisch sinnentstellend. <\/p>\n<p> Auf der andern Seite verschafft die CD grosses H\u00f6rvergn\u00fcgen und einen hochinteressanten Eindruck davon, wie im europ\u00e4ischen Salon des 19. Jahrhunderts musiziert worden sein d\u00fcrfte. Zudem erm\u00f6glicht die Reduktion der Pianistin, ihren Part deutlich subtiler zu gestalten als dies in einer Version mit vollem Orchester m\u00f6glich w\u00e4re. Da lassen sich \u2013 nicht zuletzt dank der unbestritten hohen Kenner- und K\u00f6nnerschaft der sympathischen Musikerin \u2013 Details und Feinheiten im Klaviersatz entdecken, die ansonsten gerne \u00fcberspielt werden. <em>(wb)<\/em> <\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Fr\u00e9d\u00e9ric Chopin, Klavierkonzerte Nr.1 und 2, Janina Fialkowska (Klavier), Chamber Players of Canada, Atma Classique ACD 2 2291.<\/span><\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>15.12.2006 &#8212; Die kanadische Pianistin Janina Fialkowska hat gerade das hinter sich gelassen, was die meisten Musiker als ihren gr\u00f6ssten&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-268","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/268","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=268"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/268\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=268"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=268"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=268"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}