{"id":272,"date":"2014-01-10T11:07:34","date_gmt":"2014-01-10T11:07:34","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/sting-singt-lieder-von-john-dowland\/"},"modified":"2014-01-10T11:07:34","modified_gmt":"2014-01-10T11:07:34","slug":"sting-singt-lieder-von-john-dowland","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/sting-singt-lieder-von-john-dowland\/","title":{"rendered":"Sting singt Lieder von John Dowland"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\"><img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/2006\/061020sting.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/><em>20.10.2006 &#8212;<\/em> Es ist ja schon erstaunlich genug, dass ein Rocks\u00e4nger ein Album mit Liedern von John Dowland einspielt, die Musik des Renaissance-Komponisten ist in Atmosph\u00e4re, Tempo und Stimmbehandlung n\u00e4mlich so ziemlich das Gegenteil von allem, was moderne Popmusik verk\u00f6rpert. Noch viel erstaunlicher ist allerdings, wo die Geschichte des Projektes beginnt: im Circus Roncalli, respektive der Schola Cantorum Basel. An dieser Eliteschmiede f\u00fcr Interpreten Alter Musik erlernte der Bosnier Edin Karamazow das Spiel der Laute. Zusammen mit Freunden trat der originelle K\u00fcnstler aber auch im Zirkus auf, im Trio mit zwei Gitarren und mit in Tonleitern gestimmten Flaschen. In einer dieser Vorstellungen trafen der britische Barde Sting und Karamazow zum ersten Mal aufeinander. Sting war von der Virtuosit\u00e4t und dem Spielwitz des Trios so beeindruckt, dass er sich hinter die B\u00fchne begab, um die Gruppe f\u00fcr eine Gartenparty zu engagieren.<\/p>\n<p> Noch einmal erstaunlicher ist die Reaktion der drei. Wie sich Karamazow sp\u00e4ter erinnerte, lehnten sie das Angebot entr\u00fcstet ab \u2013 mit der Begr\u00fcndung, sie seien keine Showaffen, die auf Befehl eines Rockstars hin zu tanzen beg\u00e4nnen, sondern ernste Musiker. Der bosnische Lautenist schoss bei der Gelegenheit allerdings ein Polaroidfoto seiner Gruppe zusammen mit dem S\u00e4nger und dessen Frau Trudie. Zum gr\u00f6sstem Erstaunen Stings zog Karamazow dieses aus der Tasche, als er zum zweiten Mal mit ihm in Kontakt gebracht wurde, diesmal dank der Vermittlung des Gitarristen Dominic Miller.<\/p>\n<p> Es war Karamazow, der Sting bei diesem zweiten Treffen explizit ans Herz legte, sich mit den Liedern Dowlands zu besch\u00e4ftigen, was dazu f\u00fchrte, dass die zwei sich das Repertoire gemeinsam erarbeiteten. Das Resultat liegt in Form der CD \u00abSongs from the Labyrinth\u00bb vor.<\/p>\n<p> Auch hinter diesem Titel versteckt sich eine Geschichte: Mit dem Labyrinth ist eine Bodenzeichnung in der Kathedrale von Chartres gemeint, von der Sting derart fasziniert war, dass er sie im Garten seines Hauses in England als Erdrelief nachstellte. Es findet sich als Rosette aber auch auf einer Laute, die der Lautenmacher Klaus Jacobsen f\u00fcr Sting fabriziert hat, womit wiederum der Bogen zu den Lautenliedern Dowlands geschlagen ist.<\/p>\n<p> So wunderbar alle die Anekdoten sind, die sich rund um das Projekt erz\u00e4hlen lassen, so wenig geeignet scheint Stings Stimme f\u00fcr die Interpretation der feinsinnigen und melancholischen Lieder des Renaissance-Barden, auch wenn man ihm zugestehen muss, dass er sich eingehend und seri\u00f6s mit dem Material befasst hat, ja daf\u00fcr sogar ein spezielles Stimmtraining absolvierte. Die Wiedergaben t\u00f6nen dennoch etwas atemlos und im Vergleich zu Interpretationen klassisch geschulter S\u00e4nger doch recht eindimensional, ein Eindruck der durch die Aufnahmetechnik verst\u00e4rkt wird: Die warmen Bassregionen scheinen regelrecht beschnitten, und selbst dort, wo Stimme und Lauten Raum beigemischt wird, wirkt das Klangbild hart und trocken. <\/p>\n<p> Ein weiteres Problem hat Sting auf der andern Seite recht elegant gel\u00f6st: Die Dowland-Lieder sind alle ziemlich kurz \u2013 das l\u00e4ngste nimmt auf der CD viereinhalb Minuten ein, das k\u00fcrzeste gut eineinhalb Minuten, zudem unterscheiden sie sich im Charakter nicht so dramatisch, dass sich in den wenig individuellen Interpretationen nicht Eint\u00f6nigkeit einstellen w\u00fcrde. So ist das Programm denn angereichert mit mehreren Chorpartien, virtuosen Instrumentalnummern, Zitaten aus biografischen Texten Dowlands, einem Lied des Dowland-Zeitgenossen Robert Johnson und zur\u00fcckhaltend verwendeten Natur- und Umgebungsger\u00e4uschen, zum Beispiel Glockengel\u00e4ute.<\/p>\n<p> Sting sieht Dowland als eine Art Urvater der europ\u00e4ischen Singer-Songwriter, dessen einschneidendes Erlebnis Ende des 16. Jahrhunderts darin bestand, den Job nicht zu erhalten, welcher ihm nach eigener \u00dcberzeugung zugestanden h\u00e4tte, n\u00e4mlich denjenigen des k\u00f6niglichen Lautenisten.<\/p>\n<p> Dowland reist auch viel &#8211; unter anderem via die H\u00f6fe von Wolfenb\u00fcttel und Kassel nach Florenz. In Italien erh\u00e4lt er Kenntnis von einer katholischen Verschw\u00f6rung gegen die britische K\u00f6nigin Elizabeth I. Dar\u00fcber informiert er Sir Robert Cecil, den Sicherheitschef der K\u00f6nigin, in einem Brief. Aus diesem stammen die Partien, die Sting auf der CD zitiert. <\/p>\n<p> Die \u00abSongs from the Labyrinth\u00bb wecken letztlich widerspr\u00fcchliche Gef\u00fchle. Auf der einen Seite bleibt der Eindruck, dass Sting dem Genius Dowlands und dem elisabethanischen Zeitgeist nicht gerecht zu werden vermag. Auf der andern Seite bleibt das Album eine wunderbare und aussergew\u00f6hnliche Produktion, die weit \u00fcber die allt\u00e4glichen Belanglosigkeiten der heutigen Pop-Produktionen hinausragt \u2013 nicht zuletzt auch, weil sich darum so viele wunderbare Geschichten erz\u00e4hlen lassen&#8230; <em>(wb)<\/em><\/p>\n<p> <span style=\"font-size: x-small;\"><em><span class=\"txt-s-black\">Sting: Songs from the Labyrinth, Music by John Dowland performed by Sting and Edin Karamazow. Deutsche Grammophon, Juni 2006.<\/span> <\/em><\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>20.10.2006 &#8212; Es ist ja schon erstaunlich genug, dass ein Rocks\u00e4nger ein Album mit Liedern von John Dowland einspielt, die&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-272","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/272","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=272"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/272\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=272"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=272"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=272"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}