{"id":2770,"date":"2016-02-12T12:59:43","date_gmt":"2016-02-12T12:59:43","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2016\/02\/12\/die-neue-volksmusik-eine-bilanz\/"},"modified":"2016-02-12T12:59:43","modified_gmt":"2016-02-12T12:59:43","slug":"die-neue-volksmusik-eine-bilanz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2016\/02\/12\/die-neue-volksmusik-eine-bilanz\/","title":{"rendered":"Die Neue Volksmusik \u2013 eine Bilanz"},"content":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2016\/160212nv.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover Buch\" width=\"100\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>12.02.2016 &#8212; Seit der Folkbewegung der 1970er-Jahre und den damaligen programmatischen Festivals auf der Lenzburg und auf dem Gurten hat sich in der Schweiz eine Subszene formiert, welche die Volksmusik als B\u00fchne f\u00fcr allerlei T\u00fcfteleien, Neukombination und Neudeutungen nutzt. Institutionalisiert worden ist die Bewegung in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts nicht zuletzt dank dem Pro-Helvetia-Programm \u00abEchos \u2012 Volkskultur f\u00fcr morgen\u00bb. Die \u00fcberschaubare Szene verf\u00fcgt heute \u00fcber dezidierte Verlage (M\u00fclirad), Festivals (Alpent\u00f6ne, Stubete am See), Labels (Zytglogge, Musiques Suisses), assoziierte Journalisten (Christoph Fellmann, Thomas Burkhalter, Theresa Beyer und andere) und eine Hochschulausbildung (in Luzern). Das Buch \u00abDie Neue Volksmusik\u00bb von Dieter Ringli und Johannes R\u00fchl ist eine Art Bilanz der vergangenen rund vierzig Jahre \u2012 und weit mehr als das.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2016\/160212nv.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover Buch\" width=\"100\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>12.02.2016 &#8212; Seit der Folkbewegung der 1970er-Jahre und den damaligen programmatischen Festivals auf der Lenzburg und auf dem Gurten hat sich in der Schweiz eine Subszene formiert, welche die Volksmusik als B\u00fchne f\u00fcr allerlei T\u00fcfteleien, Neukombination und Neudeutungen nutzt. Institutionalisiert worden ist die Bewegung in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts nicht zuletzt dank dem Pro-Helvetia-Programm \u00abEchos \u2012 Volkskultur f\u00fcr morgen\u00bb. Die \u00fcberschaubare Szene verf\u00fcgt heute \u00fcber dezidierte Verlage (M\u00fclirad), Festivals (Alpent\u00f6ne, Stubete am See), Labels (Zytglogge, Musiques Suisses), assoziierte Journalisten (Christoph Fellmann, Thomas Burkhalter, Theresa Beyer und andere) und eine Hochschulausbildung (in Luzern). Das Buch \u00abDie Neue Volksmusik\u00bb von Dieter Ringli und Johannes R\u00fchl ist eine Art Bilanz der vergangenen rund vierzig Jahre \u2012 und weit mehr als das.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Zun\u00e4chst f\u00e4llt auf, wie differenziert, realistisch und kritisch die Essays und Portr\u00e4ts in dem Buch das Ph\u00e4nomen reflektieren: Sowohl typische Eigenheiten wie auch die Grenzen des Ph\u00e4nomens werden beleuchtet. Gew\u00fcrdigt wird da etwa die Vielfalt, Originalit\u00e4t und die Leidenschaftlichkeit, mit der immer wieder versucht wird, ein Musikph\u00e4nomen aufzubrechen, das eher eigensinnigen Kleinstszenen verpflichtet ist. Genauso wenig wird aber auch unterschlagen, dass es bisher nie wirklich gelungen ist, damit das traditionelle oder gar ein internationales Publikum zu erreichen. Die zahlreichen Grenzg\u00e4nge zu Klassik, Jazz und Weltmusik werden genauso detailliert erl\u00e4utert wie die qualitativen Schw\u00e4chen der kompositorischen Neusch\u00f6pfungen. Auf den Punkt bringt letztere etwa der Komponist, Cellist und Verleger Fabian M\u00fcller, der zur Recht darauf hinweist, dass in der Neuen Volksmusik die Bedeutung des Motivischen untersch\u00e4tzt wird. Da werde nicht prim\u00e4r an die gute Melodie gedacht, so M\u00fcller, sondern sinngem\u00e4ss zuerst einmal geschaut, welche harmonischen Kapriolen gemacht werden k\u00f6nnten und \u00abdie Melodien entsprechend reingedudelt\u00bb (199). Genauso erlebt man das.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Ebenso klarsichtig der Klarinettist Dani H\u00e4usler, wenn er feststellt, dass die \u00abNeue Volksmusik\u00bb es bisher nie \u00fcber T\u00fcfteleien, Experimente und Projekte hinausgebracht hat, die \u00fcber einen inneren Zirkel kaum hinausstrahlen. Es fehle eine herausragende Pers\u00f6nlichkeit, die all dies auf ein h\u00f6heres Niveau hebe und damit das wirklich grosse Publikum erreiche. Solche gibt es in vergleichbaren lokalen Volkskulturen \u2012 im Tango etwa Astor Piazzolla, im Klezmer Giora Feidman, im Flamenco Paco de Lucia. Sie haben aus ihren Traditionen universale Klangsprachen mit globaler Ausstrahlung geschaffen. Diesen stilistischen Auspr\u00e4gungen ist eigen, dass Migrations- und Unterschichtserfahrungen wesentlich zu ihrer Expressivit\u00e4t beitragen, Dimensionen die der Schweizer Volksmusik, die eher Selbstgen\u00fcgsamkeit und Sattheit zum Ausdruck bringt, halt eben fehlen.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das Buch ist aber weit mehr als bloss eine Bestandesaufnahme der Schweizer Neue-Volksmusik-Szene. Es ist ein weit dar\u00fcber hinaus g\u00fcltiges Soziogramm musikalischer Mikroszenen. Man nimmt zur Kenntnis, dass sogar das Volksmusik-Publikum hochgradig fragmentiert ist: Es ist absolut m\u00f6glich, dass Vertreter des B\u00fcndner Instrumentalstils dem Jodellied durchaus nichts abgewinnen oder Berner Schwyzer\u00f6rgeli-Spieler mit Appenzeller Streichmusik nichts anfangen k\u00f6nnen. Ja sogar die Neue-Volksmusik-Vertreter sind sich keineswegs einig in ihren Vorlieben und Abneigungen. Beim Lesen beschleicht einen zunehmend der Verdacht, dass dieser Lokalpatriotismus m\u00f6glicherweise gar keine Schw\u00e4che, sondern eine St\u00e4rke volksverbundenen Musizierens ist und auch eine positive politische Dimension hat: Gerade in der Freiheit, in \u00fcberschaubaren Dimensionen autonom und stolz das tun und lassen zu k\u00f6nnen, mit dem man sich identifizieren kann, scheint eine sichere Eigenart freiheitlicher Gesellschaften.\u00a0\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das einzige was man in dem Buch vermisst: ein Register. Der ansonsten liebevoll gestaltete Band w\u00fcrde sich als Nachschlagewerk nachdr\u00fccklich empfehlen. <em>(wb) <\/em>\u00a0\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><strong>Info:<\/strong> Dieter Ringli, Johannes R\u00fchl: Die Neue Volksmusik, Siebzehn Portr\u00e4ts und eine Spurensuche in der Schweiz (mit CD), Chronos Verlag, Z\u00fcrich 2015, ISBN 978-3-0340-1310-9\u00a0<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/bilder2016\/160212nv.jpg\" border=\"0\" alt=\"Cover Buch\" width=\"100\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/>12.02.2016 &#8212; Seit der Folkbewegung der 1970er-Jahre und den damaligen programmatischen Festivals auf der Lenzburg und auf dem Gurten hat sich in der Schweiz eine Subszene formiert, welche die Volksmusik als B\u00fchne f\u00fcr allerlei T\u00fcfteleien, Neukombination und Neudeutungen nutzt. Institutionalisiert worden ist die Bewegung in den Nullerjahren des 21. Jahrhunderts nicht zuletzt dank dem Pro-Helvetia-Programm \u00abEchos \u2012 Volkskultur f\u00fcr morgen\u00bb. Die \u00fcberschaubare Szene verf\u00fcgt heute \u00fcber dezidierte Verlage (M\u00fclirad), Festivals (Alpent\u00f6ne, Stubete am See), Labels (Zytglogge, Musiques Suisses), assoziierte Journalisten (Christoph Fellmann, Thomas Burkhalter, Theresa Beyer und andere) und eine Hochschulausbildung (in Luzern). Das Buch \u00abDie Neue Volksmusik\u00bb von Dieter Ringli und Johannes R\u00fchl ist eine Art Bilanz der vergangenen rund vierzig Jahre \u2012 und weit mehr als das.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-2770","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-im-gespraech","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2770","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2770"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2770\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2770"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2770"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=2770"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}