{"id":2780,"date":"2016-02-22T10:17:46","date_gmt":"2016-02-22T10:17:46","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2016\/02\/22\/zwei-paradigmen-der-innovation\/"},"modified":"2016-02-22T10:17:46","modified_gmt":"2016-02-22T10:17:46","slug":"zwei-paradigmen-der-innovation","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2016\/02\/22\/zwei-paradigmen-der-innovation\/","title":{"rendered":"Zwei Paradigmen der Innovation"},"content":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">19.02.2016 &#8212; In der aktuellen Kulturpolitik gilt f\u00fcr die Charakterisierung von Innovation ein mittlerweile kaum mehr hinterfragtes Innovations-Paradigma. In der \u00d6konomie nennt man es ein disruptives Modell: Es zielt auf Negation und Zerst\u00f6rung von Bisherigen. Im kulturpolitischen Jargon wird dabei in der Regel von \u00abWiderst\u00e4ndigem\u00bb, \u00abQuerst\u00e4ndigem\u00bb, \u00abAufr\u00fcttelndem\u00bb, \u00abProphetischem\u00bb oder \u00abProvokativem\u00bb gesprochen. Man erwartet von f\u00f6rderw\u00fcrdigen Projekten, dass sie \u00abAlthergebrachtes in Frage stellen, negieren oder als Festgefahrenes demaskieren\u00bb und geht davon aus, dass K\u00fcnstler eine Art Hellsichtigkeit f\u00fcr tieferliegende gesellschaftliche Entwicklungen haben.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\"><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">19.02.2016 &#8212; In der aktuellen Kulturpolitik gilt f\u00fcr die Charakterisierung von Innovation ein mittlerweile kaum mehr hinterfragtes Innovations-Paradigma. In der \u00d6konomie nennt man es ein disruptives Modell: Es zielt auf Negation und Zerst\u00f6rung von Bisherigen. Im kulturpolitischen Jargon wird dabei in der Regel von \u00abWiderst\u00e4ndigem\u00bb, \u00abQuerst\u00e4ndigem\u00bb, \u00abAufr\u00fcttelndem\u00bb, \u00abProphetischem\u00bb oder \u00abProvokativem\u00bb gesprochen. Man erwartet von f\u00f6rderw\u00fcrdigen Projekten, dass sie \u00abAlthergebrachtes in Frage stellen, negieren oder als Festgefahrenes demaskieren\u00bb und geht davon aus, dass K\u00fcnstler eine Art Hellsichtigkeit f\u00fcr tieferliegende gesellschaftliche Entwicklungen haben.<\/span><\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Das Konzept ist allerdings ein Kind des romantischen Geniekultes des 19. Jahrhunderts und der politischen Philosophien revolution\u00e4rer Bewegungen. Der weitaus gr\u00f6ssere (und vermutlich wichtigere) Teil der Innovationen im realexistierenden Kulturleben folgen einem andern, organischen und evolution\u00e4ren Paradigma. Diesem folgend entwickeln Kulturschaffende ein seismografisches Gesp\u00fcr daf\u00fcr, wann sich kulturelle Praktiken ersch\u00f6pfen. Sie sp\u00fcren \u00dcbers\u00e4ttigungen und Wiederholungsrituale, die mechanisch geworden sind und offerieren Neues, frisch wirkendes, das Altes nicht zerst\u00f6rt, sondern als N\u00e4hrboden nutzt.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Ein vitales Kulturleben braucht beide Paradigmen, so wie eine vitale Wirtschaft genauso kontinuierliche wie disruptive Entwicklungen antreiben m\u00fcssen. Das \u00abStandbein\u00bb der Entwicklung sind aber die organischen und evolution\u00e4ren Fortschritte. Disruptive d\u00fcrften eher episodisch, k\u00f6nnen allerdings daf\u00fcr ab und zu umso m\u00e4chtiger sein.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">In unseren Ausbildungsst\u00e4tten wird k\u00fcnftigen K\u00fcnstlern, Musikern Schauspielern und so weiter gef\u00fchlt nach wie vor der Eindruck vermittelt, ihre Arbeit sei bloss mit dem genialischen und radikalen Neudefinieren ihre Kunst relevant. Damit werden die verbl\u00fcffende Idee, das Konzept gegen\u00fcber dem Handwerk und der kontinuierlichen Reifung zu sehr zum Massstab gemacht.<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">\u00a0<\/span><\/p>\n<p><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">Man kann disruptive Innovationsstrategien auch als Top-Down-Strategien charakterisieren: Privilegierte, ausserordentliche Pers\u00f6nlichkeiten begl\u00fccken den Durchschnittsb\u00fcrger mit Ideen und Erfahrungen, die \u00fcber seinen Kleinb\u00fcrgerhorizont hinausweisen. Organische Innovationsstrategien sind demgegen\u00fcber Bottom-Up-Prozesse: Sie wachsen aus der allt\u00e4glichen Erfahrung von Otto Normalverbraucher. Das eine ist eine aristokratisch-monarchistische Haltung, das andere eine demokratisch-republikanische. Paradoxerweise definieren sich die Vertreter der ersteren aber gerne ausgerechnet als Advokaten des Volkes.<\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><img decoding=\"async\" src=\"images\/kolumnewb.jpg\" border=\"0\" alt=\"Portr\u00e4t Wolfgang B\u00f6hler\" style=\"float: left; margin: 8px;\" \/><span style=\"font-family: arial,helvetica,sans-serif; font-size: small;\">19.02.2016 &#8212; In der aktuellen Kulturpolitik gilt f\u00fcr die Charakterisierung von Innovation ein mittlerweile kaum mehr hinterfragtes Innovations-Paradigma. In der \u00d6konomie nennt man es ein disruptives Modell: Es zielt auf Negation und Zerst\u00f6rung von Bisherigen. Im kulturpolitischen Jargon wird dabei in der Regel von \u00abWiderst\u00e4ndigem\u00bb, \u00abQuerst\u00e4ndigem\u00bb, \u00abAufr\u00fcttelndem\u00bb, \u00abProphetischem\u00bb oder \u00abProvokativem\u00bb gesprochen. 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