{"id":281,"date":"2014-01-10T21:40:11","date_gmt":"2014-01-10T21:40:11","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/eine-fruehe-feministin\/"},"modified":"2014-01-10T21:40:11","modified_gmt":"2014-01-10T21:40:11","slug":"eine-fruehe-feministin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/eine-fruehe-feministin\/","title":{"rendered":"Eine fr\u00fche Feministin"},"content":{"rendered":"<p>08.07.2003 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">In der Stadt- und Universit\u00e4tsbibliothek Bern ist unter der Signatur \u00abH. varia 2616\u00bb eine Schrift mit seltsamem, umst\u00e4ndlichem Titel abgelegt: \u00abIn der Schweiz ist das Leben f\u00fcr eine ernste und feinbegabte Klavierk\u00fcnstlerin ein f\u00fcr sie Schaden bringendes und unw\u00fcrdiges.\u00bb<br \/><\/span><\/p>\n<p>08.07.2003 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">In der Stadt- und Universit\u00e4tsbibliothek Bern ist unter der Signatur \u00abH. varia 2616\u00bb eine Schrift mit seltsamem, umst\u00e4ndlichem Titel abgelegt: \u00abIn der Schweiz ist das Leben f\u00fcr eine ernste und feinbegabte Klavierk\u00fcnstlerin ein f\u00fcr sie Schaden bringendes und unw\u00fcrdiges.\u00bb<\/span><\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">In der Stadt- und Universit\u00e4tsbibliothek Bern ist unter der Signatur \u00abH. varia 2616\u00bb eine Schrift mit seltsamem, umst\u00e4ndlichem Titel abgelegt: \u00abIn der Schweiz ist das Leben f\u00fcr eine ernste und feinbegabte Klavierk\u00fcnstlerin ein f\u00fcr sie Schaden bringendes und unw\u00fcrdiges.\u00bb<\/p>\n<p> Beim Namen der Verfasserin, \u00abAlice Severin\u00bb handelt es sich offenbar um ein Pseudonym. (Im Kopf der Schrift steht lediglich \u00abA. Severin\u00bb. Dass das \u00abA\u00bb als \u00abAlice\u00bb zu lesen ist, kann einer Bibliotheks-Karteikarte entnommen werden.) Wer die Schrift in Wirklichkeit verfasste, ist zu ihrer Zeit jedoch offensichtlich bekannt gewesen: Die mit Bleistift gesetzte Erg\u00e4nzung weist als wirkliche Autorin eine Laura Kupferschmid aus. Ebenso wurde direkt unter dem Untertitel \u00abKritische Beleuchtung von Begebenheiten aus dem schweizerischen Musikleben\u00bb von Hand die Jahrzahl \u00ab1924\u00bb hinzugesetzt.<\/p>\n<p> Die Schrift beginnt folgendermassen:<\/p>\n<p> \u00abDER ERNSTEN UND DENKENDEN FRAUENWELT GEWIDMET<\/p>\n<p> Das Maiheft der ,Musik\u2018 (Deutsche Verlagsanstalt, Stuttgart) brachte eine Abhandlung ,Ueber Schweizer Tonkunst\u2018 von Ludwig Kelterborn in Burgdorf. Um sich \u00fcber seine Wirkungsst\u00e4tte hinaus im Lande bekannt und beliebt zu machen und ein Land in ein wohliges Verdauungsschl\u00e4fchen einzulullen, mag eine solche Sch\u00f6nschreiberei gut geeignet sein, aber wenig angetan, ein Land durch Selbsterkenntnis vorw\u00e4rtszubringen.\u00bb<\/p>\n<p> Die Verfasserin schildert ihren Kampf f\u00fcr eine neue Klaviermethodederen Grundlage die \u00abNat\u00fcrliche Technik\u00bb des Berliner P\u00e4dagogen Rudolf Maria Breithaupt bildete. Die Verfasserin scheint jedoch auch bittere Erfahrungen mit ihrer Umgebung gemacht zu haben. Weiter unten bemerkt sie zum Beispiel (Seite 13):<\/p>\n<p> \u00abSelbst Intrigen, die an Schmutz und Bosheit nichts zu w\u00fcnschen \u00fcbrig liessen, wurden gegen mich ausgespielt, Intrigen aus dem Kreis der sogenannten guten Gesellschaft, deren boshafte Beschr\u00e4nktheit stets glaubt, Menschen und besonders Frauen, die ihre eigenen Wege gehen, gehen m\u00fcssen, auf die frechste und schmutzigste Art beleidigen und sch\u00e4digen zu m\u00fcssen und sich in ihrem festgewurzelten Eigend\u00fcnkel masslos verwundern und beleidigt f\u00fchlen, wenn sich diese zu rechtfertigen oder gar zu wehren suchen!\u00bb<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Zwei halbe Franken<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Dass Laura Kupferschmid mit dem schweizerischen Musikleben durchaus vertraut war, beweist eine Bemerkung \u00fcber den Musikp\u00e4dagogischen Verband (19):<\/p>\n<p> \u00abDer S.M.-P.-Verband bringt j\u00e4hrlich zirka 3500 Franken auf; die Bundessubvention betr\u00e4gt 1500 Franken = zusammen 5000 Franken. Wieviele Franken fallen von dieser Summe in Frauenh\u00e4nde? Zwei halbe! \u2013 Zudem wird das Geld, das in gr\u00f6sserer Summe von dem st\u00e4rker vertretenen weiblichen Geschlecht herr\u00fchrt, vielfach f\u00fcr Dinge ausgegeben, von denen die Frau ausgeschlossen ist: Kampfrichterangelegenheiten, Blechmusik, Expertisen etc.<\/p>\n<p> Der Vorstand des S.M.-P.-Verbandes besteht nur aus Herren, obschon der Verband mehr weibliche Mitglieder z\u00e4hlt. Das einzige weibliche Vorstandsmitglied im Anfang des Verbandsbestehens verschwand, diente nur als Lockvogel f\u00fcr weibliche Mitglieder zur Speisung der Verbandskasse.\u00bb<\/p>\n<p> Unter dem Titel \u00abUrsachen und Wirkungen u.a. m.\u00bb wird die Verfasserin grunds\u00e4tzlich (19):<\/p>\n<p> \u00abDer Mann ist als eingefleischter Egoist bekannt. Dazu ist er mit der leidigen Sucht behaftet, der Frau unbedingt imponieren und sie bevormunden zu wollen \u2013 weil er von kleinem auf gew\u00f6hnt wurde, das weibliche Geschlecht nicht ernst und vollwertig zu nehmen. So wird es auch bleiben, bis die seit Jahrhunderten vernachl\u00e4ssigte k\u00f6rperliche Kraft der Frau derjenigen des Mannes nachentwickelt ist. (&#8230;) Der Mann seufzt \u00fcber die 9 Stunden Arbeitszeit, und die Frau bringt es zu nichts mit der 18st\u00fcndigen. <\/p>\n<p> Sein Leben lang m\u00f6chte der Mann das weibliche Geschlecht als Puppe oder Schulm\u00e4dchen behandeln. Die n\u00f6tige Brutalit\u00e4t, Grobheit und Nervosit\u00e4t stehen reichlich zu Gebot. (&#8230;) Der Mann hetzt die Frau durch seine ewig neuen, aber selten geschmackvollen Sch\u00f6pfungen auf den Mode- und Formenkultus (&#8230;) damit sie sich mit den vielen andern ihr auferlegten Pflichten zersplittere und ihm keine richtige Konkurrenz erwachse. Daher der Konkurrenz nicht f\u00e4hig, sucht sie ein Unterkommen durch die Heirat und muss zu diesem Zweck gefallen \u2013 und reizen (Kleider u. a. m.) Die auf diese Weise und anderswie gepflegte Ueberreiztheit des Mannes (nat\u00fcrlich auch hier: Keine Regel ohne Ausnahme!) schliesst einen speziell auch in der Kunst f\u00fcr beide Teile notwendigen und gewinnbringenden geistigen Verkehr aus. <\/p>\n<p> In der Ehe wird die sexuell viel \u00f6fters normal veranlagte, unaufgekl\u00e4rte und daher verschacherte und preisgegebene Frau oft genug nicht nur zur unbezahlten Magd, sondern zur unbezahlten Dirne hinuntergedr\u00fcckt. Das Handwerk der Liebe (Beethoven).\u00bb <\/p>\n<p> Eine derartige Radikalit\u00e4t in dieser Zeit macht neugierig auf das Schicksal, das dahinter steht. Und das ist die Geschichte der Laura Kupferschmid \u2013 oder soviel sich heute davon noch rekonstruieren l\u00e4sst: <\/p>\n<p> Laura Kupferschmid wurde am 19. Februar 1870 als Tochter des Oberf\u00f6rsters Samuel Jakob Alfred Kupferschmid und der Laura Pfl\u00fcger geboren. L\u00e4ngere Zeit wohnte sie zusammen mit ihren Eltern im Berner Weissenb\u00fchlquartier, in dem sie eine \u00abSchule f\u00fcr k\u00fcnstlerisches Klavierspiel\u00bb unterhielt. Nach Auskunft ihrer Schwiegertochter wohnte auch die Familie ihres zuk\u00fcnftigen Mannes, des Oberingenieurs Heinrich Schneider, in der Nachbarschaft der Familie Kupferschmid. Heinrich Schneider scheint bei Kupferschmids ein h\u00e4ufiger Gast gewesen zu sein. Nach dem Tode seiner Mutter kam ein Brief zum Vorschein, den die Eltern Kupferschmid an die Familie Schneider gerichtet hatten. Ein Drohung: Entweder Heinrich heirate Laura, oder es werde ihm das Haus verboten. Der Brief musste f\u00fcr Laura begreiflicherweise eine Kr\u00e4nkung bedeutet haben, konnte sie sich doch nach der Lekt\u00fcre \u00fcber die Motive ihres Mannes zur Heirat nicht im Klaren sein. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Pionierleistungen<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Schon sehr fr\u00fch scheint sie sich mit Breithaupts Klaviertechnik, die dem damals \u00fcblcihen Fingerspiel ein System von durchdachten K\u00f6rperbewegungen entgegensetzte, besch\u00e4ftigt zu haben. Dass sie in der Klavierp\u00e4dagogik in Bern engagierte Pionierleistungen erbrachte, beweisen die Berichte \u00fcber ihre Vortrags\u00fcbungen, die in den \u00abSchweizerischen Musikp\u00e4dagogischen Bl\u00e4ttern\u00bb regelm\u00e4ssig erschienen. So liest man zum Beispiel (I, Nr. 12, 1912): \u00abSchule f\u00fcr k\u00fcnstlerisches Klavierspiel Klavierspiel von Laura Schneider-Kupferschmid. Die musikalische Unterhaltung vom 6. November im Uebungssaale des Kasinos hinterliess bei dem zahlreich anwesenden Auditorium einen in jeder Beziehung vorz\u00fcglichen Eindruck. Vor allem sei erw\u00e4hnt, dass von gezwungenem, sch\u00fclerhaftem Wesen, das derartigen Darbietungen naturgem\u00e4ss anhaftet, sehr wenig zu bemerken war. (&#8230;)\u00bb oder (III, Nr. 15, 1914): \u00ab(&#8230;) Frau Schneider darf mit ihren Erfolgen, die \u2013 man braucht das eigentlich nicht erst zu sagen \u2013 nicht ohne M\u00fche und sorgsame Ausdauer errungen sind, zufrieden sein.\u00bb (IV, Nr.5\/6, 1915): \u00ab(&#8230;) Frau Schneider erwies sich als gewissenhafte Lehrerin, die mit ihren Eleven Resultate erzielte, die zum Besten geh\u00f6ren, was auf musikp\u00e4dagogischem Gebiet in Bern geleistet wird..\u00bb (X, Nr. 3, 1921): \u00abDer recht vorteilhafte Gesamteindruck liess erkennen, dass die Sch\u00fcler einer musikp\u00e4dagogisch zuverl\u00e4ssigen Ausbildung und Obhut anvertraut sind.\u00bb <\/p>\n<p> F\u00fcr die \u00abMusikp\u00e4dagogischen Bl\u00e4tter\u00bb bet\u00e4tigte sie sich auch als Autorin. So lesen wir in der Nummer VI\/24 aus dem Jahre 1917 einen Titelessay aus ihrer Feder: \u00abBrennpunkte zur Hebung der sozialen Stellung des Musikp\u00e4dagogen\u00bb und in den Nummern 12 folgende des gleichen Jahrgangs \u00abMusikp\u00e4dagogische und andere Streiflichter\u00bb. Neben einem Einsatz f\u00fcr soziale Gerechtigkeit in Lohnfragen und Status zeigt sich Laura Kupferschmid auch in ihnen als engagierte K\u00e4mpferin f\u00fcr die Sache der Frau: \u00abZum Schluss m\u00f6chte ich noch einige Worte \u00fcber die Frau in der Kunst erw\u00e4hnen, deren Fortkommen weitaus die gr\u00f6sseren Hindernisse begegnet und das nicht nur, was die Ausbildung betrifft, da es stets heisst, sie heiratet dann doch und alle Kosten sind vergebens. (&#8230;) Oft genug wird sie durch systematische Verleumdung und Verfolgung f\u00f6rmlich lahmgelegt, sei es im Kampf gegen das andere Geschlecht, besonders wenn sie auf private Vergn\u00fcgen ihres Vorgesetzten nicht einzugehen gewillt ist, aber auch, und das eigentlich noch viel mehr, im Kampfe gegen die Frau, die, von Natur kleinlicher oder oft selber eingeengt, wieder andere niederdr\u00fcckt und der K\u00fcnstlerin und Lehrerin begegnet, wie sie es sich dem m\u00e4nnlichen Geschlecht gegen\u00fcber nie erlauben w\u00fcrde&#8230;\u00bb (SMB VI, Nr. 24) <\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Die einzige Frau<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Die einzigartige Stellung Laura Kupferschmids zeigt sich auch mit Blick auf die Gepflogenheiten an der Berner Musikschule, deren Vortrags\u00fcbungen in den \u00abMusikp\u00e4dagogischen Bl\u00e4ttern\u00bb entsprechend gr\u00f6ssern Einw\u00e4nden ausgesetzt waren. Ein Sch\u00fcler des damaligen Direktors Dominik von Reding erinnert sich, dass dieser w\u00e4hrend der Stunden die Korrepsondenz der Schule zu erledigen pflegte&#8230; <\/p>\n<p> Vieles in Laura Kupferschmids anonymer Polemik aus dem Jahre 1924 muss allerdings auch relativiert werden. So hat sie mit ihren Leistungen offensichtlich durchaus ein gute Presse gehabt. \u00dcber den Wahrheitsgehalt vieler ihrer Behauptungen ist aus heutiger Sicht schwierig zu entscheiden. \u00dcber den R\u00fccktritt der \u00abeinzigen Frau im Vorstand\u00bb zum Beispiel \u00e4ussert sich das Protokoll der entsprechenden Mitgliederversammlung: \u00abVier Vorstandsmitglieder, die Herren Vizepr\u00e4sident Schaad, Sekret\u00e4r Abb\u00e9 Bovet, Bibliothekar Weinmann und Fr\u00e4ulein Roner erkl\u00e4ren, keine Wiederwahl annehmen zu k\u00f6nnen. (&#8230;) Da die Versammlung keine Vertretung der Damen im Vorstande w\u00fcnscht, verspricht Pr\u00e4sident Vogler, dass die Angelegenheiten und W\u00fcnsche der weiblichen Mitglieder trotzdem aufs gewissenhafteste erledigt werden sollen.\u00bb (SMB 1917, Nr. 20) Die erw\u00e4hnt Anna Roner war eine in Z\u00fcrich lebende Mitstreiterin f\u00fcr die Breithaupt-Methode; auffallend viel in den Schilderungen von Charakter und \u00e4usserer Erscheinung der beiden Frauen gleicht sich. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Analytikerin<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Laura Kupferschmids Schwiegertochter beschreibt sie als sehr knochig und gross, breit im Becken, aber nicht fest. Vermutlich durch das Klavierspiel sei sie \u00abimmer etwas vorneherein gekommen\u00bb, ihr Gesicht habe dem eines Habichts geglichen, mit kleinen, grauen Augen \u2013 alles in allem im ganzen Ausdruck eine harte, eigensinnige Frau mit ausgepr\u00e4gtem Besitzanspruch. Ihr Reitpferd liess sie erschiessen, als es ihr den Dienst versagte \u2013 weil sie es nicht dulden konnte, dass etwas, was ihr geh\u00f6rte, in andere H\u00e4nde h\u00e4tte kommen k\u00f6nnen. Genauso scheint sie M\u00fche gehabt zu haben, ihren Sohn freizugeben, dem sie eine Laufbahn als Pianist aufzuzwingen versuchte. <\/p>\n<p> Was mag sie zu ihrer Polemik bewegt haben? Ein Blick in den erw\u00e4hnten Artikel Kelterborns, der sich im damaligen Musikleben \u00fcbrigens auch mit seinem Einsatz f\u00fcr das noch v\u00f6llig unvertraute Cembalo einen Namen machte, gibt nicht viel Aufschluss, l\u00e4sst die Ver\u00e4rgerung der scharfsinnigen Analytikerin jedoch erkl\u00e4rbar werden: \u00ab&#8230;H\u00f6chst selten anzutreffen ist derjenige K\u00fcnstler, der allein das abgekl\u00e4rte Ergebnis des siegreichen \u00dcberwindens seiner zwiesp\u00e4ltigen Natur in der geadelten Stilisierung seiner Sch\u00f6pfungen mitteilt&#8230;\u00bb erf\u00e4hrt man da etwa, und \u00ab&#8230;Die Ethik eines K\u00fcnstlers \u2013 auf Grund seiner religi\u00f6sen Gesinnung und philosophischen Einstellung \u2013 spricht sich als Kerngehalt seines Schaffens, am deutlichsten aus in der Art seiner Stellungnahme zum Konflikt: Wirklichkeit \u2013 ersehnte Welt&#8230;\u00bb (\u00abDie Musik\u00bb, XVI\/8, S. 541) Die folgende, sehr detaillierte Auflistung bedeutender Pers\u00f6nlichkeiten des schweizerischen Musiklebens erw\u00e4hnt genau eine Frau, die brillante Geigerin Stefi Geyer \u2013 nicht als K\u00fcnstlerin, sondern lediglich in ihrer Eigenschaft als Ehefrau von Walter Schulthess. Doch kann Kelterborns Darstellung nur Anlass f\u00fcr die verzweifelten Worte Laura Kupferschmids gewesen sein, die Gr\u00fcnde daf\u00fcr liegen wohl tiefer. Versucht man ihnen nachzugehen, st\u00f6sst man auf dieselben Schwierigkeiten, denen man beim Recherchieren von Frauenschicksalen immer und immer wieder begegnet: Sie sind nicht oder nur zuf\u00e4lligerweise und sp\u00e4rlich dokumentiert. So bleiben die Ereignisse Mitte der zwanziger Jahre, die Laura Kupferschmid zu ihrem Aufschrei veranlasst haben, wohl f\u00fcr immer im Dunkeln. Sie selber sprach in sp\u00e4teren Jahren nie \u00fcber ihre Vergangenheit. Doch vermutet auch ihre Schwiegertochter, dass da etwas war, \u00abdas sie aus der Bahn geworfen habe\u00bb. Vom Zeitpunkt des Erscheinens der Schrift an findet sich kein Inserat ihrer \u00abSchule f\u00fcr k\u00fcnstlerisches Klavierspiel\u00bb mehr. Er scheint ihren endg\u00fcltigen R\u00fcckzug aus dem \u00f6ffentlichen Leben zu markieren. <\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Schrullige Rituale<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Wieviel Schuld am Scheitern dieser hochintelligenten und k\u00fcnstlerisch originellen Frau ihre Umgebung tats\u00e4chlich trifft, ist schwer zu entscheiden. Auch eine vererbte psychische Labilit\u00e4t mag eine wichtige Rolle gespielt haben. Aufs Alter hin verbittert und vereinsamt, wurde Laura Kupferschmid zunehmend schwieriger im Umgang. Auf der Strasse pflegte sie die Leute anzuspucken; das Familienleben muss von ihren Schrullen stark gepr\u00e4gt worden sein. Ihre Schwiegertochter schildert etwa die Essensrituale: Zuerst kochte sich der Vater etwas, dann Laura selber, dann der Sohn, zuletzt sei der Vater abwaschen gegangen. Ihr Gatte \u2013 von dem die Schwiertochter \u00fcberzeugt ist, dass er \u00abseine Laura bis zuletzt geliebt hat\u00bb \u2013 mischte sich nicht in ihre Belange; man liess sich gegenseitig leben. Laura Kupferschmids Mann starb bereits 1940. Sie selber lebte lange Zeit noch an der Optingenstrasse 6. Die letzten Jahre verbrachte sie im Altersheim Sonnrain in Oberdiessbach. 1953, etwa acht Tage, bevor sie starb, erkl\u00e4rte der Heimleiter dem Sohn, er k\u00f6nne sie nicht l\u00e4nger behalten, \u00absie schreie so, dass immer wieder Reklamationen aus dem Dorfe k\u00e4men\u00bb.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>08.07.2003 &#8212; <span class=\"txt-m-black\">In der Stadt- und Universit\u00e4tsbibliothek Bern ist unter der Signatur \u00abH. varia 2616\u00bb eine Schrift mit seltsamem, umst\u00e4ndlichem Titel abgelegt: \u00abIn der Schweiz ist das Leben f\u00fcr eine ernste und feinbegabte Klavierk\u00fcnstlerin ein f\u00fcr sie Schaden bringendes und unw\u00fcrdiges.\u00bb<br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-281","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=281"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/281\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=281"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=281"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=281"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}