{"id":282,"date":"2014-01-10T21:41:54","date_gmt":"2014-01-10T21:41:54","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/die-musik-des-amazonas\/"},"modified":"2014-01-10T21:41:54","modified_gmt":"2014-01-10T21:41:54","slug":"die-musik-des-amazonas","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/die-musik-des-amazonas\/","title":{"rendered":"Die Musik des Amazonas"},"content":{"rendered":"<p>09.07.2003 &#8212; Z<span class=\"txt-m-black\">u Beginn von Werner Herzogs Film \u00abFitzcarraldo\u00bb aus dem Jahr 1982 paddelt Klaus Kinski in der Rolle des Titelhelden Brian Sweeny Fitzcarraldo verzweifelt ans Ufer des Rio Negro. Er will noch einen Blick auf Enrico Caruso werfen, der im Opernhaus von Manaus Verdis \u00abErnani\u00bb gibt.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p>09.07.2003 &#8212; Z<span class=\"txt-m-black\">u Beginn von Werner Herzogs Film \u00abFitzcarraldo\u00bb aus dem Jahr 1982 paddelt Klaus Kinski in der Rolle des Titelhelden Brian Sweeny Fitzcarraldo verzweifelt ans Ufer des Rio Negro. Er will noch einen Blick auf Enrico Caruso werfen, der im Opernhaus von Manaus Verdis \u00abErnani\u00bb gibt. <span class=\"txt-m-black\">Unter den Belcantokl\u00e4ngen ersteigt die lokale Kautschuk-Aristokratie die geschwungene Vortreppe des aus italienischem Marmor und englischem Gusseisen erbauten Prunkbaus und ein gelangweilter Diener f\u00fcllt ein Kutschenpferd mit Champagner ab. Kinski und Claudia Cardinale als Puffmutter und Geliebte Fitzcarraldos schaffen es schliesslich bis vor den Eingang. Dort verstellt ihnen ein schwarzer T\u00fcrsteher den Weg. Mit einiger \u00dcberredungskunst gelingt es Kinski, standesgem\u00e4ss mit wirren Haaren und ebensolchem Blick, den Schwarzen von der Notwendigkeit zu \u00fcberzeugen, ihm Eintritt zu gew\u00e4hren. \u00abIch w\u00fcrde ja gerne selbst da drin sein\u00bb, meint der Theaterdiener und f\u00fchrt Kinski und Cardinale in den Saal.<\/p>\n<p> Kaum jemand hierzulande d\u00fcrfte zur Kenntnis nehmen, dass die kleine Nebenrolle des T\u00fcrstehers von Milton Nascimento, einem der Giganten der M\u00fasica Popular Brasileira gegeben wird. Er und die ganze \u00fcberreiche Musikkultur Brasiliens verschwinden f\u00fcr den Rest des Filmes in der Versenkung. Was auf der Tonspur nicht Oper oder strausssche Tondichtung ist, wird von der Popgruppe Popol Vuh gespielt \u2013 einer der wenigen Fehlgriffe in dem ansonsten stimmigen Film. Etwas besser geht es \u00fcbrigens der brasilianischen Theaterkultur: Neben Kinski und Cardinale spielen die einheimischen Superstars Jos\u00e9 Lewgoy und Grande Othelo in dem Film tragende Rollen.<\/p>\n<p> \u00abFitzcarraldo\u00bb hat das hiesige Bild des Musiklebens am Oberlauf des Amazonas gepr\u00e4gt. Zum einen mit einer platten Falschinformation: Caruso hat in Manaus nie gesungen. Er scheute Hitze und Krankheitserreger. Man kann Herzog den Kunstgriff allerdings nachsehen. Der Rest des Settings ist authentisch. Verdis \u00abErnani\u00bb wurde in Manaus oft gegeben. Schon vor der Einweihung des Teatro Amazonas im Jahr 1897 gab ihn eine \u00abCompanhia Lyrica Italiana\u00bb regelm\u00e4ssig im Teatro Eden. Im Teatro Amazonas war er nach den Einweihungsfeierlichkeiten mit Ponchiellis \u00abLa Gioconda\u00bb und \u00abIl Guarany\u00bb des brasilianischen Nationalkomponisten Carlos Gomes bereits die dritte Oper, die aufgef\u00fchrt wurde \u2013 am 9. M\u00e4rz 1897 von einer italienischen Truppe unter der Leitung von Enrico Bernardi, wie der brasilianische Musikwissenschafter M\u00e1rcio P\u00e1scoa in seinem akribischen Werk \u00abA vida musical em Manaus na \u00e9poca da borracha\u00bb vermerkt.<\/p>\n<p> Sp\u00e4testens seit Herzogs Film gilt das Opernhaus in Manaus als Symbol von Verr\u00fccktheit und Provinzialit\u00e4t und ungl\u00fccklicherwiese \u00fcbertr\u00e4gt sich dies auf die Meinung \u00fcber die Bev\u00f6lkerung der Region: Neben ein paar Indios und den notorisch zitierten Motors\u00e4gen, die tiefe Schneisen in den Urwald reissen, scheinen dort vor allem feudale Politf\u00fcrsten das Sagen zu haben. Die lokale Verwaltung, die das Opernhaus in den achtziger Jahren in hervorragender Arbeit renovierte \u2013 die Kosten betrugen rund 25 Millionen Mark \u2013 hat 1996 anl\u00e4sslich der Hundertjahrfeiern des Geb\u00e4udes der Legende allerdings selber weiter Vorschub geleistet: Sie liess Jos\u00e9 Carreras f\u00fcr ein Rezital einfliegen \u2013 gelockt von einem absurd hohen Honorar. Seit einigen Jahren hat das Haus aber auch ein st\u00e4ndiges Orchester. Es besteht vor allem aus Russen und Bulgaren. Bloss etwa f\u00fcnf der Instrumentalisten sind Einheimische.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Bumb\u00e1-meu-boi<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Manaus erlebte Anfangs des zwanzigsten Jahrhunderts eine erste Bl\u00fcte w\u00e4hrend des Kautschukabbaus. Zu Ende ging diese \u00c4ra aufgrund eines der ersten F\u00e4lle von Industriespionage im grossen Stil. Der Engl\u00e4nder Sir Henry Wickham entwendete in einer generalstabsm\u00e4ssig geplanten Aktion rund 70 000 Samen des Seringueira (Hevea brasiliensis), aus dem der Kautschuk gewonnen wird. Der dreiste Raub erm\u00f6glichte es Briten und Holl\u00e4ndern, in Ceylon, Malaysia und Borneo ein Konkurrenzunternehmen zu er\u00f6ffnen. Die Gummiproduktion wurde in Manaus bloss w\u00e4hrend des Zweiten Weltkrieges noch einmal aufgenommen, als den Allierten wegen der japanischen Besetzung der Zugang zu den s\u00fcdasiatischen Ressourcen versperrt blieb.<\/p>\n<p> Die zweite Epoche des Wohlstand verschaffte der Stadt eine in den sechziger Jahren errichtete Freihandelszone, die Zona Franca de Manaus (ZFM), in der vor allem Elektronikger\u00e4te produziert werden. Auch ihre Zukunft sieht mittlerweile d\u00fcster aus. Die Gr\u00fcnde daf\u00fcr, dass sie massiv an Bedeutung verliert, werden je nach politischen Interessen an unterschiedlichen Orten gesehen. Die lokale Bev\u00f6lkerung vermutet dahinter Kr\u00e4fte in den grossen St\u00e4dten des S\u00fcdens \u2013 vor allem nat\u00fcrlich S\u00e3o Paulo \u2013 denen die wirtschaftliche Kraft der Provinz ein Dorn im Auge sei. Der einheimische Journalist Fernando Collyer sieht in einem Pamphlet als b\u00f6sen Buben nicht zuletzt auch das Ibama (Instituto Brasileiro do Meio Ambiente e dos Recursos Naturais Renov\u00e1veis). Dabei handelt es sich um eine m\u00e4chtige Organisation, welche die \u00f6kologischen Interessen des Urwaldes wahrnimmt und die \u00f6konomischen M\u00f6glichkeiten der Bev\u00f6lkerung empfindlich einschr\u00e4nken kann. Sicher spielt auch das Erstarken des s\u00fcdamerikanischen Wirtschaftsraumes Mercosur (in Brasilien als Mercosul bezeichnet) eine Rolle.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/raizes.jpg\" border=\"0\" align=\"middle\" \/><\/p>\n<p>Wie dem auch sei \u2013 zur ZFM gibt es kaum einfache Alternativen. Ein Ankurbelungsprogramm f\u00fcr einen \u00abTerceiro Ciclo\u00bb, eine dritte wirtschaftliche Epoche, haben wegen der fehlenden Durchschlagskraft bei den B\u00fcrgern der Stadt und des Bundestaates praktisch einhellig Hohn und Spott geerntet. Die Idee hinter dem Terceiro Ciclo ist so schlecht allerdings nicht: Die Wirtschaft soll endlich so weit differenziert werden, dass sie nicht einer einzigen Kraft auf Gedeih und Verderb ausgeliefert w\u00e4re. Einer der Pfeiler bildet der Tourismus. Entscheidend scheint den Verantwortlichen dabei \u2013 vor allem f\u00fcr den Binnenmarkt \u2013 dass die Region sich kulturell besser gegen die starken touristischen Zentren Salvador de Bahia mit seinem afrobrasilianischen Erbe und Rio de Janeiro mit dem legend\u00e4ren Carnaval absetzt.<\/p>\n<p> Da kommt ein spektakul\u00e4res Festival beinahe wie gerufen, das im einige hundert Kilometer von Manaus entfernten Parintins j\u00e4hrlich \u00fcber die B\u00fchne geht: das Festival do Boi-Bumb\u00e1. Es handelt sich um den gigantomanen Wettkampf zweier Fantasiegestalten, der Boi (zu Deutsch: Ochsen). Entsprechend spaltet sich die Stadt in zwei Parteien auf. Die eine unterst\u00fctzt den Boi mit Namen \u00abGarantido\u00bb, dessen Farbe Rot ist, die andere den in Blau gehaltenen \u00abCaprichoso\u00bb. Der eigentliche Wettkampf findet im 1989 eingeweihten Bumb\u00f3dromo, einem Stadion auf der Insel Tupinambarana statt \u2013 im Juni, zu Zeiten des nationalen Feiertages zu Ehren S\u00e3o Pedros. Der mit Elementen der indianischen Legendenwelt angereicherte Boi soll zum Markenzeichen des Amazonas werden. Daf\u00fcr wurden dem lokalen Carnaval von Manaus heftig die Fl\u00fcgel gestutzt, weil er in den Augen der Marketingveranwortlichen von Stadt und Bundestaat eben bloss als Kopie des Carnavals in Rio angesehen werden k\u00f6nnte. Der Boi wird aber auch in Manaus obrigkeitlich wieder eingef\u00fchrt, sehr zum Verdruss der organisch gewachsenen lokalen Musikszene wird er sogar noch w\u00e4hrend der Carnavalszeit aus dem Stall gelassen: Am Montag vor Aschermittwoch beginnt der k\u00fcnstlich ins Leben gerufene Carna-b\u00f3i, unmittelbar nachdem der Carnaval seinen H\u00f6hepunkt erreicht hat und die Bev\u00f6lkerung vom Festen die Nase langsam voll hat.<\/p>\n<p> Die Sache mit dem Boi hat als Markenzeichen von Manaus wie die Verstrickung von europ\u00e4ischer Oper und Urwald einen kleinen Haken: Der Boi ist genauso importiert und hat mit der Folklore der Region eigentlich ebensowenig zu tun. Jos\u00e9 Saldanha, ein lokaler Publizist, verweist in seiner kleinen Schrift \u00abAmaz\u00f4nia hist\u00f3rica e sentimental\u00bb zwar auf eine Notiz in der Zeitung \u00abO Amazonas\u00bb vom 23. Juni 1867, in der ein Senhor Jo\u00e3o de Souza zum Tanz des Bumb\u00e1-meu-Boi einlud. Saldanha sieht dies als Beweis daf\u00fcr, dass urspr\u00fcnglich afrikanische Sklaven das Brauchtum nach Manaus gebracht haben. Die Geschichtsschreiber von Parintins gehen davon aus, dass ein Caprichoso-Ochse in den Farben Grau, Braun und sp\u00e4ter Schwarz bis 1947 in Manaus wirkte. Ein weiterer, der direkte Vorl\u00e4ufer des heutigen, wurde 1913 in Parintins aus der Taufe gehoben. Der Garantido-Ochse geht ebenfalls aufs Jahr 1913 zur\u00fcck. Sch\u00f6pfer der heutigen Tradition sind jedoch mit Sicherheit Zuwanderer aus dem Nordosten Brasiliens, die w\u00e4hrend der Zeit des Kautschukabbaus ihr Gl\u00fcck im Norden suchten. Dies zumindest merkt Tonzinho Saunier an, der als Chronist das kulturelle Ged\u00e4chtnis der Stadt Parintins bildet. Laut ihm hiess der erste dokumentierte Boi in Parintins \u00abDiamantino\u00bb und war das Gesch\u00f6pf eines Herrn Ramalhete aus dem Bundesstaat Piau\u00ed.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Forr\u00f3, Jesus und Samba<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Die Einwanderer aus dem Nordosten haben einen weiteren musikalischen Stil in die Region gebracht: den Forr\u00f3. Er wird urspr\u00fcnglich mit einer grossen Trommel, einem Triangel und einer Handharmonika (in Brasilien \u00abSanfona\u00bb genannt) gespielt, hat sich aber l\u00e4ngst elektrifiziert und dr\u00f6hnt vor allem im Bundesstaat Cear\u00e1 aus allen Tanzlokalen. Um die alte Geschichte noch einmal zu zitieren: Der Name \u00abForr\u00f3\u00bb ist vermutlich eine Verballhornung des englischen \u00abFor all\u00bb. Damit wurden weiland Feste bezeichnet, zu denen im Nordosten t\u00e4tige britische Unternehmen eben die gesamte Bev\u00f6lkerung einlud.<\/p>\n<p> In jedem Plattenladen von Manaus findet sich eine grosse Abteilung mit regional produziertem Forr\u00f3 und selbstverst\u00e4ndlich auch den Erzeugnissen der grossen Stars wie Mastruz com Leite. Vorhanden ist auch etliches an Brega \u2013 \u00fcberaus beliebte Schmachfetzen, die in der Regel von Verlust, Betrug und Untreue handeln. Meist finden sich dank eingewanderten Libanesen und Syriern gar ein paar Bauchtanzscherben, zudem das eine oder andere an brasilianischem Hardrock, Alternative und Industrial und selbstverst\u00e4ndlich Elvis, Beatles, Madonna, Backstreet Boys und Co. Beherrscht werden die L\u00e4den aber von evangelikaler Musik, Samba und der universalen M\u00fasica Popular Brasileira (MPB). Den Boi muss man schon mit der Lupe suchen. Er ersch\u00f6pft sich mehr oder weniger in Kompilationen der f\u00fcr jedes Jahr geschriebenen Lieder von Garantido und Caprichoso.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/ivan.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Teatro Amazonas und Boi Bumb\u00e1 sind die Blendungen, die verhindern, dass die Reichhaltigkeit des Musiklebens von Manaus \u00fcber die Stadtgrenzen hinaus zur Kenntnis genommen wird. Zu leiden haben darunter in erster Linie die Sambaschulen. Eine der wichtigsten findet sich im Morro da Liberdade, einem zentrumnahen Quartier. Trotz der Bezeichnung \u00abMorro\u00bb, die in andern St\u00e4dten so etwas wie ein Elendsviertel benennt, weist es eine gut ausgebaute Infrastruktur und eine bescheiden mittelst\u00e4ndische Bev\u00f6lkerung auf. Die Schule heisst G.R.E.S. (Gremio Recreativo e Escola de Samba) Reino Unido da Liberdade, ihre treibende kulturelle Kr\u00e4fte ist ihr fr\u00fcherer Pr\u00e4sident Ivan de Oliveira. Der blitzgescheite, warmherzige Mann mit B\u00fcrstenhaar hat die \u00dcbungsr\u00e4umlichkeiten der Reino Unido zu einem einzigartigen Kulturzentrum ausgebaut. Die Aktivit\u00e4ten gehen heute weit \u00fcber die Vorbereitungen zum Carnaval hinaus. Neben vielen Konzerten mit lokalen Gr\u00f6ssen veranstaltet Ivan auch regelm\u00e4ssig Poesieabende, zu denen er wichtige regionale und nationale Lyriker einl\u00e4dt und die f\u00fcr die ambitionierten und talentierten Hobbydichter der Stadt ein Podium bieten.<\/p>\n<p> Ivan macht eine simple Rechnung, um zu zeigen, wie sich die Kr\u00e4fteverh\u00e4ltnisse heute darstellen: In Manaus gibt es acht Sambaschulen, und die Beh\u00f6rden stellen heute (2002) f\u00fcr alle zusammen bloss noch eine Summe von 450\u2019000 Reais (etwa 220\u2019000 Euro) zur Verf\u00fcgung. Das reicht nicht einmal, um einen der grossen, f\u00fcr den Carnaval typischen allegorischen Wagen auszustatten. Pro Boi in Parintins werden hingegen bereits 800\u2019000 Reais aufgeworfen. Zusammen mit der Tatsache, dass der Carna-b\u00f3i dem Carnaval zeitlich praktisch unterschoben wird, ist f\u00fcr Ivan eines klar: Die Tradition des Samba soll abgew\u00fcrgt werden. Ein wenig bitter ruft er in Erninnerung, dass das zeitgen\u00f6ssische Wirken der Sambaschulen in Manaus \u00e4lter und ungleich weit besser verankert ist als der Boi. Dass Rio das grosse Vorbild f\u00fcr den Carnaval von Manaus ist, stellt Ivan keineswegs in Abrede. Die Tradition in Manaus sei mittlerweile knapp dreissigj\u00e4hrig, meint er. Manaus werde aber neben Rio von vielen als die zweite Hauptstadt des Sambas angesehen und die hiesigen Sambaschulen wurden nicht immer so schlecht behandelt.<\/p>\n<p> Gilberto Mestrinho, Vorg\u00e4nger und Ziehvater von Amazonino Mendes, war ein grosser Liebhaber des Carnaval und spendierte den Sambistas ein eigenes Sambodromo, das gr\u00f6sser ist als dasjenige in Rio. F\u00fcr die sogenannten Desfiles, die Paraden der Sambaschulen, bietet es bessere Bedingungen als das \u00e4ltere Gegenst\u00fcck unter Zuckerhut und Corcovado. Eingeweiht wurde das Sambodromo in Manaus 1994. Im gleichen Jahr wechselte \u2013 wie es das Schicksal halt so will \u2013 die politische F\u00fchrung. Sie ging in die H\u00e4nde von Mestrinhos Z\u00f6gling \u00fcber, und die Sambistas gerieten allsogleich wieder in Ungnade.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Wie einst Villa-Lobos<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Mit dem Teatro Amazonas hadert Ivan keineswegs, nicht nur, weil er f\u00fcr dieses seit siebzehn Jahren als technischer Mitarbeiter t\u00e4tig ist. Seine Offenheit und Neugier hat sich auch in einem konkreten Projekt niedergeschlagen, in dem er die Kultur der Klassik in die Sambaschule bringen wollte. Er betont, dass dies in Brasilien durchaus Tradition hat: Schon der Komponist Heitor Villa-Lobos machte die Bewohner der Mangueira, einer Favela von Rio de Janeiro mit legend\u00e4rer Sambaschule, mit seinem Klavier bekannt und improvisierte mit den dortigen Sambistas. Ivans Projekt hingegen schlug fehl. Wie es das Schicksal halt so will verkrachte sich die Regierung mit J\u00falio Med\u00e1glia, dem damaligen Chef der Philharmonie von Manaus, mit dem Ivan handelseinig geworden war. An seiner Stelle brachte Ivan den mehr als siebzigj\u00e4hrigen Tiago de Mello ins Quartier, eine der ganz grossen Legenden der Literatur des Amazonas.<\/p>\n<p> Das Teatro ist aber auch geografischer Angelpunkt der Vertreter der MPB, die in der Region \u00fcber soviel Eigenst\u00e4ndigkeit verf\u00fcgt, dass sie ab und an auch mit MPA (M\u00fasica Popular do Amazonas) abgek\u00fcrzt wird. Die MPB pflegt ein unviersales, \u00fcberregionales, ja \u00fcbernationales Musikverst\u00e4ndnis. Sie wird mit einer Rafinesse produziert, die derjenigen des Jazz in Nordamerika entspricht, aber mehr an einer Mischung aus Folklore und Popmusik orientiert ist. Tradition haben die \u00abSegundos no palco\u00bb (Die Montage der MPB auf der B\u00fchne), anl\u00e4sslich derer die einheimischen MPB-S\u00e4nger im Teatro Amazonas gratis aufspielen. Die vom Opernhaus selber repr\u00e4sentierte Kultur hat bislang hingegen praktisch keine Spuren hinterlassen. Allerdings hat die Abwertung der Landesw\u00e4hrung Real dazu gef\u00fchrt, dass die Orchestermusiker sich nach weiteren Einnahmequellen umsehen m\u00fcssen, und so lassen sich neuerdings originelle Musikarrangements realisieren, in denen die Arrangier- und Musizierpraxis der klassischen Musiker mit der profunden und sensiblen Musikalit\u00e4t der MPB-Musiker eine gl\u00fcckliche Verbindung eingehen.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/kokay.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Ein typischer Vertreter der MPB der Region ist Paulinho Kokay. Er ist ein Routinier, wenn es um das typische Leben der MPB geht, das sich vor allem in Form von Festivals und Wettbewerben ausdr\u00fcckt. Eine Zeitlang hat Paulinho in S\u00e3o Paulo gelebt. Heute ist er an der Universidade Federal do Amazonas als Musiklehrer t\u00e4tig. Auch die Hochschule verf\u00fcgt \u00fcber ein Festival. Es hat sich mit der Zeit zu einer Plattform der Rockmusiker entwickelt, die es in der Zweimillionenstadt auch zuhauf gibt. Die eigentliche MPA hat ihre Heimat vor allem im FECANI (Festival da Can\u00e7\u00e3o de Itacoatiara) gefunden, das im etwa 200 Kilometer von Manaus entfernten Ort gleichen Namens stattfindet.<\/p>\n<p> Kommt das Thema Boi aufs Tapet, dann wird die Entr\u00fcstung \u00fcber die offizielle Politik in den Ausf\u00fchrungen des wie alle Manauenses \u00fcberaus wohlerzogenen Paulinho un\u00fcberh\u00f6rbar. Die Marketinganstrengungen rund um den Boi h\u00e4tten die Aufbauarbeit der MPB zunichte gemacht, klagt er. Das Folklorefestival sei eine fantastische Sache, r\u00e4umt er h\u00f6flich ein, aber er f\u00fchle sich dadurch kulturell keineswegs repr\u00e4sentiert. Es st\u00f6rt ihn, wenn an Konzerten in S\u00e3o Paulo oder im Bundesstaat Minas Gerais das Publikum vom ihm Boi h\u00f6ren will, den er nicht spielen kann und will. Paulinho f\u00fchlt sich wie alle seine Kollegen als das, was er ist: ein urbaner Zeitgenosse, dem weder Kosmopolitismus noch moderne Technologien fremd sind und der, wie die meisten Stadtbewohner zum Urwald etwa die gleiche Beziehung haben wie die Hamburger Pop- und Jazzmusiker zur Hochseeschifffahrt. Seine Auffassung pr\u00e4gt eine radikale Ehrlichkeit: Wenn er vom Fluss oder vom Urwald singen w\u00fcrde, dann w\u00e4re das ebenso falsch, wie wenn er den Boi beschw\u00f6ren m\u00fcsste. Die Musik der l\u00e4ndlichen Region von Manaus wird \u2013 so Paulinho \u2013 repr\u00e4sentiert von der auch in der Stadt sehr beliebten Gruppe Ra\u00edzes Caboclas (\u00abCaboclo\u00bb ist die Bezeichnung f\u00fcr die Bewohner der Gegend), die aus dem St\u00e4dtchen Benjamin Constant tief im Landesinnern stammt. Mit dieser von ihm sehr respektierten Formation will er sich nicht messen.<\/p>\n<p> <span class=\"txt-m-black\"><strong>Die Armbanduhr im Urwald<\/strong><\/span><\/p>\n<p> Die Vermarktung des Boi erinnert Paulinho an eine altbekannte Geschichte: Ende der siebziger Jahre engagierte der Manager eines Urwaldhotels ein paar Indianer, die den Touristen weismachen sollten, sie k\u00e4men sozusagen als Steinzeitbewohner direkt aus dem Urwald. Die Authentizit\u00e4t der Auftritte wurde allerdings empfindlich durch eine Armbanduhr gest\u00f6rt, derer sich einer der Akteure zuvor zu entledigen vergessen hatte. Die Touristen f\u00fchlten sich betrogen, das Ganze fand ein gerichtliches Nachspiel und die Region geriet in ein schiefes Licht, weil sie mit dem eigenen kulturellen Erbe scheinbar Schindluderei betrieb. Die Vermarktung des Boi l\u00e4uft in den Augen Paulinhos mehr oder weniger aufs gleiche hinaus, nur mit ein wenig raffinierteren Mitteln. Da werde ebenso versucht, ein authentisches Bild zu vermitteln, das so gar nicht (mehr) existiere \u2013 und damit die Chance vertan, mit dem vorhandenen kreativen Potential etwas Konstruktives, Ehrliches und tats\u00e4chlich Authentisches aufzubauen.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/antonio.jpg\" border=\"0\" align=\"left\" \/>Die Geschichte der falschen Indianer l\u00e4sst nat\u00fcrlich auch die Frage nach der real noch vorhandenen Kultur der Ureinwohner aufkommen. Dar\u00fcber Auskunft geben k\u00f6nnen bloss noch wenige direkte Zeugen. Einer davon ist Antonio da Aldeia vom Stamm der Tariana, der sein Ursprungsgebiet weit weg von Manaus, am Oberlauf des Rio Negro hat. Die St\u00e4mme rund um Manaus sind alle ausgestorben oder verstummt. Die Manao, von denen die Stadt den Namen entleiht, wurden schon vor Jahrhunderten ausgerottet. So organisiert Antonio die heutigen Folkloreshows f\u00fcr die Touristen der Urwaldhotels. Daneben pr\u00e4sentieren sich den Touristen vor allem noch einige Angeh\u00f6rige des Stammes der Sater\u00e9-Maw\u00e9. Ironischerweise berichten einige Quellen davon, dass die Maw\u00e9s schon im 17. Jahrhundert der Region von Parintins ein Fest \u2013 den bekanntesten Initiationsritus der Region \u2013 zugedacht hatten. In Nheengatu, einer von Missionaren k\u00fcnstlich geschaffenen Verkehrssprache wird es \u00abFesta da Tocandira\u00bb genannt. Tocandiras (auch: Tocandeiras) sind grosse bissige Ameisen, deren Gift hohes Fieber hervorrufen kann. Im Freiluftmuseum des Pal\u00e1cio Rio Negro in Manaus f\u00fchren ein paar im Monatslohn des Kulturdelegierten stehende Sater\u00e9-Maw\u00e9 noch heute Fragmente des Ritus vor \u2013 ohne Uhr am Handgelenk. Der heranwachsende J\u00fcngling muss sich dabei einen mit den krabbeligen Viechern gef\u00fcllten \u00abHandschuh\u00bb \u00fcberst\u00fclpen und mit diesem l\u00e4ngere Zeit tanzen.<\/p>\n<p> Antonios Erl\u00e4uterungen machen das Ausmass der Katastrophe sichtbar, welches die Ausl\u00f6schung der indianischen Kultur bedeutet, und das zum einen auf die Usurpation des Landes, andererseits aber auch auf die Ignoranz von Musikwissenschaftlern und Anthropologen zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Vermutlich nicht ganz zu unrecht kritisiert Antonio die Ethnomusikologen, die aus mehr oder weniger willk\u00fcrlichen Fragmenten der Br\u00e4uche verschiedener St\u00e4mme Kompilationen hergestellt und damit eine \u00abunglaubliche Konfusion\u00ab veranstaltet h\u00e4tten. F\u00fcr die mit den Riten und der Musik der Indiander naturgem\u00e4ss bloss oberfl\u00e4chlich vertrauten Wissenschafter t\u00f6nte alles mehr oder weniger \u00e4hnlich und damit verwandt.<\/p>\n<p> F\u00fcr den indianischen Musiker, der in jahrelanger Zusammenarbeit mit den eine Generation \u00e4lteren Musikern des Stammes ins Repertoire hineinw\u00e4chst, hat jede Stammesmusik hingegen ihr unverwechselbares Gepr\u00e4ge. So ist es heute Antonios erstes Anliegen, die Musiker verschiedener St\u00e4mme zu vereinen, um der Aussenwelt \u00fcberhaupt einmal klarzumachen, dass die Amazonasindianer \u00fcber eine eigene, ausdifferenzierte Musikkultur verf\u00fcgten. Dann gelte es, meint Antonio, die vorhandenen kl\u00e4glichen Reste mit den Mitteln der modernen Geschichtsschreibung noch dem Vergessen zu entreissen.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>wb<\/em>)<\/span><br \/><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>09.07.2003 &#8212; Z<span class=\"txt-m-black\">u Beginn von Werner Herzogs Film \u00abFitzcarraldo\u00bb aus dem Jahr 1982 paddelt Klaus Kinski in der Rolle des Titelhelden Brian Sweeny Fitzcarraldo verzweifelt ans Ufer des Rio Negro. Er will noch einen Blick auf Enrico Caruso werfen, der im Opernhaus von Manaus Verdis \u00abErnani\u00bb gibt.<\/span><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[16],"tags":[],"class_list":["post-282","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-musikgeschichte","entry"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=282"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/282\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=282"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=282"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=282"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}