{"id":284,"date":"2014-01-10T21:44:23","date_gmt":"2014-01-10T21:44:23","guid":{"rendered":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/das-gespenst-der-melancholie\/"},"modified":"2014-01-10T21:44:23","modified_gmt":"2014-01-10T21:44:23","slug":"das-gespenst-der-melancholie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/codexflores.ch\/index.php\/2014\/01\/10\/das-gespenst-der-melancholie\/","title":{"rendered":"Das Gespenst der Melancholie"},"content":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">30.09.2003 &#8212; Keiner spricht gerne dar\u00fcber; der eine ers\u00e4uft sie im Alkohol, der andere im Drogenelend. Und dennoch ist sie es, die dem sensiblen Menschen das Elend ins Bewusstsein schreit: Die Scham, die Kapitulation der menschlichen W\u00fcrde vor der Erniedrigung.<\/span><\/p>\n<p>\u00a0<\/p>\n<p><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\"><span class=\"txt-m-black\">30.09.2003 &#8212;<\/span> Keiner spricht gerne dar\u00fcber; der eine ers\u00e4uft sie im Alkohol, der andere im Drogenelend. Und dennoch ist sie es, die dem sensiblen Menschen das Elend ins Bewusstsein schreit: Die Scham, die Kapitulation der menschlichen W\u00fcrde vor der Erniedrigung.<\/p>\n<p> Wen sie in ihren Klauen h\u00e4lt, der \u00fcberschreitet die Schwelle zwischen k\u00fchler intellektueller Distanz, mit der \u00fcber das Schicksal zu sprechen m\u00f6glich ist, und der \u00dcberw\u00e4ltigung durch den Schmerz, der schafft sich Ausdruck, im Gestus des wehrlosen Menschen, dessen Liebeskraft sich nicht brechen l\u00e4sst. So wie Camar\u00f3n de la Isla in sich selber hineinsprach, wenn er sang, den K\u00f6rper zum leeren Gef\u00e4ss geformt, so wie Astor Piazzolla das Bandoneon umarmte, seinen solidarischen Gef\u00e4hrten in Zeiten bodenloser Melancholie.<\/p>\n<p> Trauerarbeit nennt sich das heute wohl etwas prosaisch, als Versuch aus der Agonie auszubrechen. Ein Zustand, der vor allem den Geknechteten und Unterprivilegierten, den Opfern von Gewalt und Unterdr\u00fcckung vertraut ist \u2013 den arbeitslosen Einwanderern im Argentinien der Jahrhundertwende beispielsweise, oder eben auch den vogelfreien Zigeunern des spanischen Andalusiens: Die Kapitulation des Willens vor dem seelischen Schmerz, das erzwungene Ausloten der menschlichen Intensit\u00e4t des F\u00fchlens wird in ihrer Musik zu unverf\u00e4lschtem Klang. Duende, D\u00e4mon, nennen es die Flamencok\u00fcnstler, eine Kraft die aus der F\u00e4higkeit w\u00e4chst, sich der Welt vollst\u00e4ndig zu ergeben. Tristeza heisst es bei den Tangos\u00e4ngern und -spielern, \u2013 Tristeza de un Doble A bei Astor Piazzolla, im titel eines seiner St\u00fccke, nach den Initialen des legend\u00e4ren Berliner Bandoneonbauers Alfred Arnold \u2013 auf dem Instrument sind sie eingepr\u00e4gt.<\/p>\n<p> <strong>Die Urkraft der Verwundeten<\/strong><\/p>\n<p> Beide sch\u00f6pfen sie aus derselben existentiellen Kraft: Der andalusische Zigeuner Jos\u00e9 Monje, \u00abEl Camar\u00f3n de la Isla\u00bb, und der Italoamerikaner Astor Piazzolla. Nur formte der eine seinen Gesang direkt aus ihrem Zentrum \u2013 sich Lied f\u00fcr Lied vom gebrochenen, reinen Aufschrei langsam an eine Differenzierung des Gef\u00fchls herantastend \u2013 und kokettierte der andere mit ihr, im Schutz der intellektuellen Distanz, die ihm seine klassische Kompositionskunst erm\u00f6glichte, bis auch er in ekstatisachen, atemraubenden Momenten mit seinem Bandoneon zu vollkommener Einheit verschmolz.<\/p>\n<p> Wie kaum andere verk\u00f6rperten sie den ganzen Kosmos des indogermansichen Lebensgef\u00fchls \u2013 in ihrer Musik verdichtete sich das, was auch die Faszination verwandter Stile ausmacht; die j\u00fcdische Klezmermusik geh\u00f6rt dazu, der nordamerikanische Blues, oder auch die franz\u00f6sische Musette. Was der eine f\u00fcr den Flamenco bedeutete, Garant der lebendigen Tradition, war der andere f\u00fcr den Tango. Und obwohl sie eine Generation auseinanderlagen, sind sie zur beinahe gleichen Zeit gestorben \u2013 anfang Juli 1992 \u2013 beide nach l\u00e4ngerer Krankheit, die ihren Tod absehbar gemacht hatte.<\/p>\n<p> Ihre Musikstile verzeichnen die Geschichte der grossen europ\u00e4ischen Wanderungen, von den fr\u00fchen Anf\u00e4ngen des Auszugs der Zigeuner aus Indien bis zur Immigration europ\u00e4ischer Einwanderer im Lateinamerika der Jahrhundertwende. Und noch weiter, bis in die Gegenwart: Als ihren eigenen unverwechselbaren Beitrag verwoben sie das Lebensgef\u00fchl des zwanzigsten Jahrhunderts, die klangliche Sensibilit\u00e4t der Nachkriegszeit in die \u00fcberkommenen, archaischen Formen.<\/p>\n<p> <img decoding=\"async\" src=\"http:\/\/212.60.37.143\/bilder\/camaron300903.jpg\" border=\"0\" \/><\/p>\n<p> <strong>Verschlungene Wege des Wissens<\/strong><\/p>\n<p> Verschmolzen im historischen Flamenco Elemente der indischen, nordafrikanischen und abendl\u00e4ndischen Musik zu einer erregenden Einheit, schuf der Tango aus Einfl\u00fcssen osteurop\u00e4ischer Violinmusik, iberischer und indianischer Tanzformen und italienischer Ausdrucksvielfalt eine subversive Chronik der Conquista. Von Indien \u00fcber den Kontinent gewanderte Zigeuner brachten rhythmische Muster und Melodien nach Spanien. Scharen verschleppter russischer, rum\u00e4nischer, bulgarischer M\u00e4dchen prallten mit ihrer Musik Anfang des Jahrhunderts in den Bordellen des Hafenviertels von Buenos Aires auf die ausgelassenen T\u00e4nze der Einheimischen; maurische Eroberer bereicherten die j\u00fcdischen Tanzlieder in Andalusien mit ihren \u00fcberstr\u00f6menden Melismen, italienische Einwanderer durchtr\u00e4nkten die Milongas und Tangos der St\u00e4dte am Rio del Plata mit Heimweh und unstillbarer Liebessehnsucht; dem Tango wird dar\u00fcber hinaus eine Verbindung zur spanischen Habanera nachgesagt, umgekehrt existiert auch ein spanischer Tango, eng verwandt mit den Tientos, der aber kaum \u00c4hnlichkeiten mit dem Tango argentino aufweist. M\u00f6glicherweise wurde er wie andere Formen,Rumba, Guajira und so weiter aus Lateinamerika eingef\u00fchrt und abgewandelt.<\/p>\n<p> Aber diese musikalischen Ausducksformen sind mehr noch als ein \u00e4usserst feiner Seismograph gesellschaftlicher Umw\u00e4lzungen. Der D\u00e4mon, die Tristeza k\u00fcndigen die archetypische Individuation an: Wohl kaum Zufall d\u00fcrfte es sein, dass eine der Entstehungsst\u00e4tten des eifers\u00fcchtig beh\u00fcteten und vor Uneingeweihten sorgf\u00e4ltig verborgenen Rituals des Flamencogesanges die Schmiede der der andalusischen Zigeuner bildete. So gilt das Schwert im Orakel der Tarotkarten als eine Veredelung des Sinnbildes vom Stecken, in dem die urt\u00fcmliche Virilit\u00e4t zu dienbarem K\u00f6nnen umgewandelt worden ist: den Stein der Weisen gar sollen die fahrenden Ritter im Knauf ihrer Schwerter mit sich getragen haben.<\/p>\n<p> Der hermetischen Abgeschlossenheit und Verborgenheit des Flamencos steht die kosmopolitische Offenheit des Tangos einerseits gegen\u00fcber, und doch spielen sich anderseits auch in den j\u00e4hen Stimmungswechseln seiner Kompositionen, in den Ausbr\u00fcchen und wie Beschw\u00f6rungen repetierten Muster der Musik Piazzollas die Heilkr\u00e4fte des Unbewussten. Versinnbildlicht werden sie in den von Nebel durchzogenen n\u00e4chtlichen Szenen der Filme des argentinischen Regisseurs Fernando Solanas \u00abTango, el exilio de Gardel\u00bb (1985) und \u00abSur\u00bb (1988), zu denen Piazzolla Musik geschrieben hat und in denen trotz aller Heftigkeit des Gef\u00fchls immer wieder eine lebensbejahende, freidfertige Z\u00e4rtlichkeit aufbricht.<\/p>\n<p> <strong>Individuationssymbole<\/strong> <\/p>\n<p>Der Gesang Camar\u00f3ns, das Bandoneon Piazzollas: zwei Seiten einer Medaille. Entstanden aus der anarchistischen Kraft der scheinbar Entwurzelten, in denen sich jedoch die geistige Herkunft umso unvermittelter gem\u00fcthaften Ausdruck zu verschaffen vermochte, und die gerade deshalb zu den Bewahrern eines Wissens wurden, das von der Entwicklung des bewussten abendl\u00e4ndischen B\u00fcrgers immer wieder versch\u00fcttet zu werden droht. So waren sie als vordergr\u00fcndig Heimatlose ihrem Selbst doch n\u00e4her als die Integrierten und in der \u00abgrossen Familie\u00bb geborgenen, die das Geheimnis beinahe nur noch im Ballast ihres Bildungsb\u00fcrgertums mit sich herumschleppen.<\/p>\n<p> Denn beide, der spanische S\u00e4nger und der argentinische Bandoneonist beschw\u00f6rten den Teil von jener Kraft, die Goethe im \u00abFaust\u00bb in der Wirkung des Erdgeist-Zeichens beschrieben hat: \u00abIch f\u00fchl\u2019s, du schwebst um mich erflehter Geist \/ Enth\u00fclle dich! \/ Ha! wie\u2019s in meinem Herzen reisst \/ Zu neuen Gef\u00fchlen \/ All meine Sinne sich erw\u00fchlen! \/ Ich f\u00fchle ganz mein Herz dir hingegeben! \/ Du musst! du musst! und kostet es mein Leben!<\/p>\n<p> In ihrer Wirkung haben Camar\u00f3n de la Isla und Astor Piazzolla eine grosse schmerzliche L\u00fccke hinterlassen. F\u00fcr ihre Nachfolger gilt es, die Tiefe des Ausdrucks und die Authentizit\u00e4t des Gef\u00fchls zu wahren, die der eine wie der andere mit seiner Kunst aus der Tradition in die Moderne her\u00fcberzuretten vermochte. Denn beide boten sie in ihrer untergr\u00fcndigen Seelenverwandtschaft einen heute m\u00f6glicherweise noch untersch\u00e4tzten Beitrag zur Identit\u00e4t der abendl\u00e4ndischen Kultur, zur Formung eines kollektiven Unbewussten.<\/span> <span class=\"txt-m-black\">(<em>pb<\/em>)<\/span><\/span><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p><span class=\"txt-m-black\">30.09.2003 &#8212; Keiner spricht gerne dar\u00fcber; der eine ers\u00e4uft sie im Alkohol, der andere im Drogenelend. 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